Fahrstuhl zum Trauma
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Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Artikel vom 29.07.2010
Nur für ausgeschlafene Zuschauer: Im Film Inception schleust sich Leonardo DiCaprio als Industrie-Spion in Träume ein. Dumm nur, dass er dabei sein eigenes Unterbewusstsein nicht im Griff hat.
Mit Träumen ist das so eine Sache. In der Regel fühlt man sich benommen, wenn man aufwacht und dann fällt einem plötzlich auf, wie konfus das Ganze war, das man sich da zusammengesponnen hatte. Im Traum selbst hatte alles noch so schlüssig gewirkt.
Im Film Inception ist es leider so, dass man sich schon währenddesssen die Augen reibt, weil die Story so absurde Blüten treibt. Auch hier geht es um Träume, und Traummann Leonardo DiCaprio weiß als Dom Cobb, diese Ausflüge des Unterbewusstseins beruflich zu nutzen. Cobb ist ein «Extractor»: Er stiehlt sich in Träume und entlockt dort den Schlafenden ihre Geheimnisse. Dabei ist er nicht an Schlüpfrigkeiten interessiert, sondern an Industriespionage.
Leider ist die Geschichte recht konfus geraten: Cobb kämpft sich mit seinem Team durch Bewusstseinsebenen und schlüpft in einen Traum im Traum im Traum. Und weil er sich dabei auch in seinem eigenen Unterbewusstsein bewegt, kann er Berufliches nicht von Privatem trennen: Seine tote Frau taucht ständig in den Einsätzen auf und sabotiert die Mission. Cobb will aussteigen, um sich wieder um seine beiden Kinder kümmern zu können und deshalb nimmt er einen letzten Auftrag an, der so ganz anders ist. Diesmal geht es nicht um Diebstahl, sondern um «Inception»: Cobb soll Robert Fischer, dem Erben eines Milliarden-Imperiums, eine Idee einpflanzen.
Traumarchitektin Ariadne
Dabei helfen ihm sein Kollege Arthur (Joseph Gordon-Lewitt), Fälscher Eames (Tom Hardy), der sich im Schlummerland in vertraute Personen des Träumers verwandeln kann, und Apotheker Yusuf, der alle Beteiligten mit einem starken Schlafmittel betäubt.
Eine junge Studentin (Ellen Page) übernimmt die Architektur des Traumlabyrinths und springt ganz nebenbei auch noch als Cobbs Therapeutin ein. Sie trägt den geschichtsträchtigen Namen Ariadne, die in der griechischen Mythologie ihren Geliebten Theseus mit einem roten Faden aus einem Labyrinth geführt hat. Natürlich ist dieser Name nicht zufällig gewählt.
Auch wenn Christopher Nolan den großartigen Film The Dark Knight gedreht hat, mit Inception hat er sich verhoben: Die Geschichte verheddert sich in Traumebenen und Küchenpsychologie. Auf unzähligen Ebenen in verschachtelten Träumen bewegt sich der Film und verliert offenbar selbst irgendwann den Überblick. Kein Wunder, denn es gibt Zeitverzögerungen, Verdrängtes aufzuarbeiten, «Kicks» zu organisieren und den – oh, Schreck - «Limbus» zu vermeiden. In der katholischen Theologie ist das ein Ort, an dem sich Seelen aufhalten, die ohne eigenes Zutun vom Himmel ausgeschlossen wurden. Im Film Inception bedeutet es schlicht, dass die Betroffenen nicht mehr aufwachen und in einem komatösen Zustand auf ihren Tod hindämmern.
Traumwandler auf Sedativa
Eigentlich ist das ein dramaturgisch geschickter Kniff, weil man ja sonst im Reich der Träume nichts zu befürchten hätte, den Tod schon gar nicht, was wiederum jeder Dramatik den Wind aus den Segel nehmen würde. Wer in Inception erschossen wird, wacht eigentlich einfach wieder auf. Weil sich die Traumwandler aber für den Großauftrag mit einer kräftigen Dosis Sedativa (Beruhigungsmittel) weggeschossen haben, droht im Fall eines Traumtodes der ominöse Limbus-Zustand. Das ist logisch nicht ganz sauber und in einen viel zu üppigen Dramaqueen-Fummel gekleidet.
Mit Logik und Erklärungen nimmt es der Film leider ohnehin nicht so genau: Wie gelangen die Industriespione überhaupt in die Träume ihrer Opfer hinein? Da werden merkwürdige Geräte, die Sauggeräusche machen, aufgefahren und Schläuche wie Heroin-Infusionen angelegt. Und weil sich einige Begriffe nicht griffig ins Deutsche übersetzen ließen, ist hier ständig die Rede von «Inception», «Kick» und «Extractor». Zeit für große Definitionen ist nicht - auch das verstärkt die Verwirrung.
Die Story krankt auch daran, dass die zwei Erzählstränge, die Nolan anpackt, nicht so recht zueinander passen wollen: Auf der einen Seite ist Cobb der knallharte Gauner, der seine Geschäfte mit den intimsten Geheimnissen der Menschen betreibt, und auf der anderen Seite gleitet er selbst ständig in die Dunkelkammern seiner Psyche ab. Der Wechsel zwischen privatem Drama und beruflicher Professionalität ist oft zu abrupt und bringt zusätzliche Unruhe in den ohnehin schon komplexen Aufbau. Da ist der Film in seinen Ambitionen gestrandet.
In der Tresorwand der Vater
Richtig flach wird der Film leider, wenn es um psychische Prozesse geht. Da fährt ein Fahrstuhl in die tiefen Schichten des Unterbewusstsein, hinter einer verriegelten Tresorwand verbirgt sich ein malader wie tyrannischer Vater und Cobb kann seinen Auftrag nur erfüllen, wenn er seine tote Frau los lässt. Das ist Psychologie mit dem Holzhammer und eine verpasste Chance, denn da hätte sich vieles subtiler gestalten lassen.
In visueller Hinsicht bietet der Stoff natürlich eine Spielwiese, die Nolan sich nicht entgehen lässt: Da biegen sich ganze Straßenzüge, Schlafende werden zu schwebenden Bündeln verschnürt und an einem Strand zerbröseln effektvoll die Plattenbauten.
Hätte sich Nolan bei der Story etwas mehr im Zaum halten können, es hätte ein bahnbrechender Film aus Inception werden können. Schade, denn eigentlich ist es eine großartige Idee, aus dem Herzen der Traumfabrik einen Film zu machen, der genau den Kern Hollywoods spiegelt: dass es viel Arbeit ist, Träume zu konstruieren.
Titel: Inception
Regie: Christopher Nolan
Darsteller: Leonardo DiCaprio
Filmlänge: 148 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: Warner Brothers
Kinostart: 29. Juli 2010
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