So., 27.05.12

Künstler-Reihe 28.07.2010 Ein erwachsenes Kind

Helge Schneider (Foto)
Musiker, Autor, Regisseur und mehr: Helge Schneider. Bild: WDR/Helge Schneider

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Die einen halten ihn für ein musikalisches Genie, die anderen schlicht für irre: Helge Schneider tourt seit mehr als 30 Jahren mit seiner Musik, seinen Filmen und Büchern durch das Land. Eine Dokumentation versucht nun, sich dem Mensch Helge Schneider zu nähern. Mit Erfolg.

Man muss Helge Schneider einfach für einen Lügner halten. Wenn er in dieser alten Maschinenfabrik steht und von seiner Arbeit erzählt, von Bandproben und Projekten, von Filmen, die er gerne machen würde und Fernseh-Shows, und wenn dann der Satz fällt: «Ich bin so faul.» Wie soll man das glauben bei einem Mann, der seit mehr als 30 Jahren auf der Bühne steht, der alleine 22 Alben aufgenommen und sechs Filme gedreht, der elf Bücher und zwei Theaterstücke geschrieben hat? Nein, dieser Helge Schneider muss einfach ein Lügner sein.

Doch vielleicht ist Helge Schneider ja wirklich faul und seine Shows, seine Musik – all das wäre nicht möglich ohne Freunde und Kollegen. Sabine Carbons Dokumentation über Schneider, die Das Erste heute Abend in der Reihe Deutschland, deine Künstler zeigt, legt das zumindest nahe. «Eigentlich ist dieses Unternehmen ein Wanderzirkus, so eine Art Familienwanderzirkus», sagt etwa Bodo Oesterling, Schneiders rechte Hand. Und schon da merkt man: Helge Schneider wird zwar meist isoliert wahrgenommen, eigentlich jedoch ist alles, was er tut, Teamwork.

Und doch wäre alles, was er tut, auch nichts ohne diese gewisse Spur Wahnsinn. «Seine Welt ist die eines erwachsenen Kindes, schrankenlos», heißt es in der Dokumentation, und «seine Heimatstadt Mühlheim an der Ruhr ist für ihn der Ort der unbegrenzten Möglichkeiten». Über eine Dreiviertelstunde begleitet der Film Schneider, der sich selbst als Arbeiter sieht, in seinem Alltag. Und der ist, es erstaunt eigentlich nicht, deutlich weniger verrückt als es seine Auftritte sind.

«Kinder müssen frech sein»

Schneider räumt auch auf, mit einigen Vorurteilen, die er teilweise sogar selbst in die Welt gesetzt hat. Dem, er habe studiert etwa, oder dem, seine Eltern seien steinreich gewesen. Die Wahrheit aber ist: Schneider hatte eine wohl recht normale Kindheit. «Kinder müssen frech sein», sagte der fünffache Vater kürzlich dem Magazin In. «Nicht böse, aber frech. Wobei man sich natürlich nicht tyrannisieren lassen sollte», wurde der 54-jährige Entertainer von dem Magazin zitiert. Aber dann müsse man die Kinder auch manchmal schreien lassen und ihnen kein Bonbon geben. «Sonst wird das immer schlimmer und eines Tages wollen sie den roten Sportwagen.»

Den hat Schneider bis heute nicht, obwohl er Autos und Motorräder sammelt. Und obwohl er finanziell ausgesorgt haben dürfte. Doch er ist, diese Phrase muss erlaubt sein, auf dem Boden geblieben, nach wie vor spielt er mit alten Freunden in Jazzklubs, pflegt Freundschaften über Jahrzehnte und ist zwar eine Rampensau, Starallüren jedoch sind ihm fremd.

Carbons Porträt ist, wie auch die anderen der Reihe Deutschland, deine Künstler, ein zutiefst menschlicher Einblick in Schneiders Leben, nah dran und emotional, auf der anderen Seite aber hält sich der Film auch raus, er wertet kaum, lässt eher die Menschen zu Wort kommen, die Schneider kennen. Und natürlich Schneider selbst. Vieles von dem Irrsinn, den Schneider nach wie vor produziert, wird man nach diesen 45 Minuten ein wenig besser verstehen. Und die großartige Musik, die er nach wie vor macht, wird man noch mehr genießen können.


Deutschland, deine Künstler – Helge Schneider, Mittwoch, 28. Juli 2010, 21.45 Uhr, Das Erste.

naf/ivb/news.de
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