Mi., 08.02.12

«Maybrit Illner» Reden wir über das Wetter

Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert

Artikel vom 23.07.2010

Es ist Sommer, es ist heiß, Angela Merkel ist im Urlaub. Warum also nicht einmal genau darüber sprechen, über das Wetter und das Klima? Talkerin Maybrit Illner tat das gestern Abend - und versuchte gleich noch die Ölpest vor der US-Küste abzuarbeiten. Das war zu viel für eine Sendung. Gerade bei der Hitze.

Maybrit Illner stellt gerne Fragen. Gestern Abend war eine dabei, die eigentlich schon lange beantwortet ist. «Sind wir selbst Schuld an der Ölpest im Golf von Mexiko?» Ja, könnte man schlicht antworten, auf unseren Hunger nach Öl verweisen und ins Bett gehen. Man kann aber auch eine ganze Sendestunde daraus machen.

Obwohl das ZDF-Studio in Berlin eine Klimaanlage hat («Seit heute erst», wie Illner, den Gebührenzahler im Sinn, artig betont), standen Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) schon lange die Schweißperlen auf der Lippe, als er kurz nach 23 Uhr mit Hans-Werner Sinn ökonomische Detailfragen der Globalisierung erörtert. «Können Sie garantieren, dass die Kohle, die wir nicht verbrauchen, im Boden bleibt und nicht in China verfeuert wird?» fragte der Ifo-Präsident und stritt mit dem Minister über die Entstehung von Rohstoffpreisen. Schauspieler Hannes Jaenicke versuchte mit ratlosem Blick zu folgen, Klimaforscher Mojib Latif grinste, selbst Sinn war verwirrt. Der Zuschauer schon längst.

Dabei war es so fluffig losgegangen. Ratlos hob Maybrit Illner zum Beginn der Sendung die Arme und statuierte: «Es ist heiß.» Ach was? Gut, dass wir endlich einmal darüber reden. Sie plänkelte mit Norbert Röttgen über dessen Wetterfühligkeit und erkundigte sich nach den Tomaten in Hans-Werner Sinns Garten. Dabei hat der gar keine.

Mojib Latif wirft die Gebetsmühle an

Klimaforscher Mojib Latif oblag es bei all der Sommerlaune, die Sendung wieder in die Spur zu spaßbremsen. Sind 38 Grad im Schatten also nun der Klimawandel, von dem immer alle reden? Naja, meine Latif, nun mal langsam. «Langfristig, über Jahrzehnte gesehen, wird es wärmer, bis Ende des Jahrhunderts könnten wir vier Grad mehr haben als jetzt», prognostizierte er und warf die Gebetsmühle an: «Wir haben es gerade in der Hand, etwas dagegen zu tun.»

Auch wenn es müßig ist, so ist das Wetter tatsächlich immer irgendwie ein Thema. Jeder kennt es, jeder spürt es, es gibt kaum geteilte Meinungen darüber, wie es ist. Und eigentlich ist auch die Frage, ob wir jetzt mitten drin sind im Klimawandel, von Interesse – haben wir nach dem Rekordwinter zur Verwirrung doch direkt den Rekordsommer geliefert bekommen.

Leider boten Maybrit Illners Gäste statt neuer Gedanken nur einen sprunghaften Überblick über schon zu oft Gehörtes: Wetter ist nicht gleich Klima, das Scheitern der Klimakonferenz in Kopenhagen war ein Drama, das uns nicht noch einmal passieren sollte, warnte Mojib Latif richtigerweise, aber nicht zum ersten Mal. Die Politiker halten sowieso nur Sonntagsreden und tun am Ende das Gegenteil von dem, was sie sagen. Da waren sich Schauspieler Hannes Jaennicke und Klimaaktivistin Hanna Poddig einig.

«Du, Inder, kannste nicht mal reduzieren?»

Die Sendung wäre gänzlich ohne Höhepunkte geblieben, hätte sich Ökonom Hans-Werner Sinn nicht herabgelassen, ihr beizuwohnen. In arrogantem Duktus («Das ist nicht nur eine Theorie, das ist einfach so») erklärte er Hanna Poddig den Emissionshandel und warum die Chinesen in den Klimaklingelbeutel nicht nur nichts hineinwerfen, sondern unsere Ersparnisse auch noch herausklauben. China wolle sechs mal mehr Kohlekraftwerke in Betrieb nehmen, als Deutschland besitzt. «Da sehen Sie, wo das Problem ist. Europa tut unter enormen Kosten etwas gegen den Klimawandel und herauskommen tut rein gar nichts», wetterte Sinn.

Bei Mojib Latif musste zwar auch gleich eine ganzes Volk herhalten, aber zum Glück für die Sendung war er anderer Meinung als Sinn. «Die Inder verbrauchen pro Kopf eine Tonne CO2, wir 10, die Amerikaner 20», erklärte Latif. «Da kannst du nicht hingehen und sagen: ‹Du, Inder, kannste nicht mal reduzieren?›» Das CO2 der westlichen Welt sei für den Klimawandel verantwortlich und «wir müssen den Karren jetzt auch wieder aus dem Dreck ziehen.» Ein Reibungspunkt für Sinn, den der aber ignorierte.

Als das launige Sinnieren über die Intelligenz der Chinesen seinen Höhepunkt erreichte (Röttgen: «Die sind nicht dumm, die gehen ganz strategisch vor»), fiel Maybrit Illner ein, dass sie ja auch noch über ein anderes Thema sprechen wollte: Die Ölpest im Golf von Mexiko. Es ist 23:16, eine Minute nach Sendeschluss, als sie mit unerschütterlicher Schlichtheit fragt: «Können wir auf das Öl verzichten?»

Mojib Latif zählt schnell auf, wo das Zeug überall drin ist: Kleidung, Zahnbürste, Schuhe, Wasserflaschen. Schauspieler Hannes Jaenicke darf noch kurz von seinem Blechnapf erzählen, den er statt Plastikbechern immer zum Set mitbringt. Schließlich reiche es schon, dass 80 Prozent aller deutschen Wasserflaschen aus ölfressendem Plastik sind und sowieso sollte das Benzin fünf Euro kosten. Stimmt's, Herr Röttgens? «Das kann nicht das Fazit der Sendung sein.» Stimmt. Und da die Sendezeit auch schon lange vorüber ist, bleibt auch keine Zeit mehr, eines zu finden. Außer vielleicht die Erkenntnis, dass wir selber Schuld sind an der Ölpest. Irgendwie.

cvd/reu/news.de
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