Von news.de-Redakteur Andreas Schloder
Mit 70 Jahren und nach 38 Studioalben könnte sich Tom Jones getrost zur Ruhe setzen. Doch der Tiger brüllt wieder. Und wie: Mit Praise and Blame ist ihm das bisher ehrlichste Werk gelungen. Er wandelt melancholisch, aber mit Biss, auf den Spuren von Johnny Cash.
Was hat der Waliser für ein beneidenswertes Leben hinter sich: Partys ohne Ende, dazu noch die eine oder andere Frau, die dem Tiger nicht umsonst den Namen gegeben hat. Und jetzt? Anstatt im Jetset sein Jubiläum zu feiern, hat sich Tom Jones selbst sein größtes Geburtstagsgeschenk gemacht: seine 39. Studioplatte.
Der Tiger ist handzahm geworden und «brüllt» nun leisere Töne. Nach 38 Studioalben kehrt Jones mit seinem wahrscheinlich letzten Album zu seinem Ursprung zurück: Einfach nur seine immer noch beeindruckende Stimme, die nur von Gitarre, Bass und Schlagzeug begleitet wird – keine Elektrobeats à la Mousse T, kein Firlefanz und kein Overdubbing.
«Stattdessen ging es mir darum, den ganzen Song am Stück in einer Session aufzunehmen, die Aussage des Stückes und damit den Spirit und somit letztlich einfach den jeweiligen Moment einzufangen», sagt Jones über die Intention seines neuen Werkes.
Ehrlichkeit und Ruhe
Das heißt: Jones nahm sich Titel vor, die sein Leben von klein auf prägten. Die Stilrichtungen: Gospel, Blues, Folk und Country. Er covert die Stücke so und drückte ihnen seinen eigenen unverkennbaren Stempel auf, dass der Eindruck entsteht, die Titel wären für ihn komponiert worden.
Unabhängig davon, ob man den Tiger mag oder nicht, präsentiert sich Jones in einer nie dagewesenen Ehrlichkeit und seelischen Ruhe. Nichts mehr erinnert an sein Image als Playboy. Vielleicht liegt es auch an den Umständen, die den einstigen Lebemann wieder auf den Boden der Tatsachen brachten: Das Album wurde im beschaulichen Dörfchen Box in der Region Wiltishire aufgenommen - in dem Ort, in dem seine geliebte Oma lebte. Und im Studio von Ex-Genesis-Sänger Peter Gabriel, was auch den Stil des Albums erklärt.
Schon beim ersten Titel des Albums What Good Am I – eine Neuinterpretation von Bob Dylans Hit aus dem Jahr 1989 - lässt sich eine starke Anlehnung und Verbindung zu Johnny Cash nicht verleugnen. Jones rechnet in dem Album ab – vor allem mit sich selbst.
Eingeständnisse in Songs verpackt
Das zeigt er auch mit dem Song Did Trouble Me von Susan Werner – ein Schuldeingeständnis: «Ich habe ein paar Dinge in meinem Leben gemacht, für die mir der Allmächtige später die Quittung serviert hat. Vielleicht war ich zu großspurig oder zu sehr von mir eingenommen. Und irgendwann merkt man, so geht es nicht weiter», so ein äußerst selbstkritischer Tom Jones.
Das Schöne an dem Album: Auf jede Ballade, die den Zuhörer an seine eigenen Fehler erinnert, folgen gewaltige und beeindruckende Rock- und Blues-Melodien, die einfach nur eines wollen: Musikanlage aufdrehen und mitrocken. Beispiel Burning Hell von John Lee Hooker, wo man sofort an die Power von den White Stripes denkt.
In seiner Heimat Großbritannien wird Praise and Blame als Jones´ bestes Album seiner Karriere bezeichnet. Zu Recht. Und es ist ein aussichtsreicher Kandidat für das beste Album des Jahres. Gut gebrüllt,Tiger!
ruk/reu/news.de