Paris im Osten
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Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach
Artikel vom 26.07.2010
Leipzig ist Berlin oder Paris. Leipzig ist Washington oder Moskau. Und Leipzig ist oft einfach Leipzig. Die Stadt dient als Kulisse für Filme und Serien. Weltstars drehen in Leipzig. Gut, dass die Einheimischen Gewandhaussächsisch sprechen können.
Grau und düster hat's 1970 noch ausgesehen. Im Film Taxi nach Leipzig schmuggelte sich der erste Tatortkommissar Walter Trimmel aus Hamburg heimlich über die Grenze. Schon zu DDR-Zeiten drehte auch das Westfernsehen in der Messestadt.
40 Jahre später ist Leipzig zur Filmstadt geworden. «Jedes Jahr 48 Mal In aller Freundschaft, drei Tatorte und elf Folgen Tierärztin Dr. Mertens», das sind die regelmäßigen MDR-Produktionen, auf die der Sprecher des Senders, Dirk Thärichen, hinweist. Eine Folge Elefant, Tiger & Co. aus dem Leipziger Zoo pro Woche nicht zu vergessen. Dazu kommen Fernseh- und Kinofilme, für die die 500.000-Einwohner-Stadt teils nur Kulisse, oft Ort des Geschehens ist. In bunteren Bildern als im ersten Tatort flimmert Leipzig regelmäßig in Fernsehern oder über Leinwände.
Filme sind ein Wirtschaftsfaktor in Leipzig. Thärichen spricht von 30 Millionen Euro Umsatz allein durch Filmproduktionen des Mitteldeutschen Rundfunks für die Region. Unterstützt durch die Mitteldeutsche Medienförderung (MDM) mit Sitz in Leipzig werden Filmprojekte in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen verwirklicht. 800 Motive und Drehorte in Mitteldeutschland sind für Filmemachter im MDM-Katalog registriert. 75 davon in Leipzig. Von der Oper, über eine Zeitungsdruckerei, Messegelände oder Pferderennbahn und Plattenbausiedlungen beinhaltet das Portfolio jede vorstellbare Kulisse.
Als die Motivsuche des amerikanischen Regisseurs Michael Hoffman in Russland erfolglos blieb, kam der nach Ostdeutschland. Und da die Stadt schnell wie eine in Osteuropa aussehen kann, wurde Ein Russischer Sommer mit Oscarpreisträgerin Helen Mirren in Leipzig und Umgebung gedreht. «Die Stadt Leipzig bietet Produzenten schnelles, sicheres Handeln und unverbrauchte Motive», sagt Hans-Georg Witthohn, Geschäftsführer der Media City Atelier GmbH. Sein Filmdienstleistungsunternehmen hat die Kulissen für den Streifen über Leo Tolstoi und seine Frau gebaut. Jeder, der hier gedreht habe, komme gern wieder. Deshalb plane Hoffman schon wieder das nächste Projekt.
Medienstandort Nummer eins
So kann sich Leipzig getrost Medienstandort Nummer eins in Mitteldeutschland nennen. Und reiht sich damit deutschlandweit hinter Berlin, Köln, Hamburg und München ein. Doch die gute Infrastruktur und einfache Genehmigungsverfahren lassen Leipzig immer beliebter werden. Strenge Drehgenehmigungen wie in Berlin sind nicht nötig. «Eine allgemeine kostenpflichtige Dreherlaubnis würde unsere regionalen Unternehmen finanziell belasten, was nicht unseren Zielstellungen zur Unterstützung unserer ansässigen Unternehmen entspricht», heißt es aus dem Leipziger Rathaus auf news.de-Anfrage. Über 70 kleinere und größere Firmen sind in Leipzig mit der Produktion von Filmen für Kino, TV oder Werbung beschäftigt. Da sei es eine Erleichterung, nicht für jeden Dreh im Park oder der Innenstadt, um Erlaubnis bitten zu müssen.
Erst wenn Straßen für die Entourage des Produktionsteams abgesperrt werden müssen, auf Wasser gedreht oder mit Feuer gespielt wird, muss das Kultur- oder Straßenverkehrsamt Genehmigungen erteilen. Um die 300 Mal jährlich sperrt die Stadt Straßenzüge für eine Filmcrew. Das kann nervig werden für manchen Bewohner, der sein Auto nicht mehr parken kann oder unfreiwillig zum Statisten eines Krimis wird. «Für uns wichtig ist, dass die Sicherheit und Akzeptanz der Bürger nicht über das Zumutbare strapaziert werden», sagt Leipzig-Sprecherin Anke Haase.
Die Leipziger seien jedoch grundsätzlich toleranter und weniger «filmmüde» als in anderen großen Städten. Und so wird die Innenstadt schnell mal zum Tatort, damit Simone Thomalla und Martin Wuttke wieder einen Fall aufklären können.
Dreh- statt Fluglärm
Der Flughafen Leipzig/Halle nervt zwar auch einige Anwohner, das hat jedoch meist mit dem Fluglärm und nicht mit dem der Drehteams zu tun, die hier ankommen. Die Start- und Landebahn ist nicht nur für das schnelle Erreichen der Drehorte in Mitteldeutschland wichtig, sondern auch als Kulisse beliebt. Flightplan mit Jodie Foster wurde dort gedreht.
Solche Weltstars werden nicht häufig mit Leipzig in Verbindung gebracht, eher die tierischen. Denn an zoologischen Berühmtheiten, wie Lama Horst oder Elefantenkind Voi Na, mangelt es Leipzig nicht. Durch die Tierdoku Elefant, Tiger & Co. sowie die fiktionale Serie Tierärztin Dr. Mertens, die beide im Zoo spielen, werden Touristen aus ganz Deutschland angelockt. «Wir sind unter den Top Zehn aller deutschen Serien», beschreibt Thorsten Wolf, der den Tierpfleger bei Dr. Mertens spielt, den Erfolg der Serie.
Sächsischer Lokalkolorit
Wo beim Tatort jeglicher sächsischer Lokalkolorit fehlt, ist er in der Tierarztserie gewünscht. «Aber wir müssen hochdeutsches Sächsisch reden, sogenanntes Gewandhaussächsisch. Sonst haben die westdeutschen Hauptdarsteller keine Chance mehr», sagt Wolf und grinst.
Vielleicht spricht die gebürtige Leipzigerin Simone Thomalla in ihrer Rolle als Eva Saalfeld kein Sächsisch, weil es der unbeliebteste Dialekt der Deutschen ist. Auch in der Sachsenklinik der ARD-Serie In aller Freundschaft ist kein Platz für den Singsang mit weichen Konsonanten und langen Vokalen. MDR-Sprecher Dirk Thärichen hat dafür eine monetäre Erklärung. «Es ist ein beinharter Wettbewerb in der Filmbranche, deshalb müssen die Serien, die hier produziert werden, auch überregional, in Österreich und der Schweiz funktionieren.»
Auch Leipzig als Filmstadt funktioniert, denn sie ist nicht festgelegt, wandelbar und unbürokratisch. Überzeugende Argumente für Filmer, die hierherkommen. Sei es mit dem Flugzeug aus Übersee oder mit dem Taxi nach Leipzig.
ped/ivb/news.de
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