Live-Reportage
Detektiv oder Reporter?

Sieht so die Zukunft des Journalismus aus oder ist es ein schamloser PR-Coup? Michalis Pantelouris will den Tod einer Deutschen in Griechenland untersuchen – und jeden Schritt seiner Recherche live ins Netz stellen. Die Reaktionen reichen von empörter Ablehnung bis zu zaghafter Neugier.

Die Live-Reportage auf neon.de: Michalis Pantelouris will ein Verbrechen aufklären. Bild: neon.de/Screenshot

Eigentlich hatte Michalis Pantelouris die Geschichte schon abgehakt. Doch mit einer solchen Hartnäckigkeit hatte der Journalist nicht gerechnet. Marion Waade schrieb ihm noch einmal, erzählte ihm mehr über das Schicksal ihrer Tochter, die vor drei Jahren in Athen ums Leben gekommen war – Selbstmord sollte es gewesen sein. Sie schrieb ihm von vermeintlichen Ermittlungsfehlern der griechischen Polizei, von ihren Zweifeln an der Freitodtheorie und von ihrem Kampf um eine echte Aufklärung des tragischen Falls. Spätestens da merkte Pantelouris, dass eine Menge Frage immer noch offen waren. «Und Fragen sind das, worauf Journalisten anspringen», schreibt er dazu. «Oder nicht?»

Pantelouris ist darauf angesprungen, seit heute recherchiert er den vermeintlichen Selbstmord der Sängerin Susan Waade. Und: Er tut das öffentlich. «Ich werde nach Griechenland fahren und versuchen, mit so vielen Menschen zu sprechen wie möglich, die etwas Sinnvolles zu Susan, ihrem Leben und ihrem Sterben zu sagen haben», schreibt er auf neon.de, der Seite, die ihm dieses Projekt möglich macht. «Ich werde Akten wälzen und die Orte besuchen, die für diesen Fall wichtig sind – eben das tun, was ein Reporter tut. Aber anders als sonst werde ich nicht nur berichten, sondern möglichst alles, was ich finde, hier zugänglich machen: die Gespräche, die Akten, die Bilder und alles, was ich möglicherweise finde – oder auch nicht. Denn diese Reportage ist tatsächlich live und echt.»

Eine mindestens ungewöhnliche Form des Journalismus ist es, die Pantelouris und die Neon-Redaktion gewählt haben. Doch dafür gebe es auch Gründe, wie er anmerkt, für ihn sei sein Vorgehen ein Versuch, journalistische Arbeit transparent zu machen: «Denn ich habe den Eindruck, dass wir Journalisten uns mehr und mehr als Filter von Informationen verstehen: Was ist wichtig, was soll der Leser wissen, was ‹kann man nicht Drucken›. Und ich halte das eigentlich für einen klassischen Fall von den ersten Schritt vor dem zweiten tun.»

Journalismus heute: Fehlende Transparenz und Wahrhaftigkeit?

Bei den Usern der neon.de-Community stößt das Projekt auf erstaunlich viel Kritik. «Das hier wird offenbar eine Soap, die von dem Leiden der Hinterbliebenen und der öffentlichen Vorverurteilung einer Person leben wird», schreibt etwa ein User mit dem Spitznamen Lag, andere bezeichnen Pantelouris als «Hobbydetektiv», es fallen die Worte «zweifelhaft» und «RTL-Reportage», sogar von einem Flop ist da schon die Rede – bevor überhaupt die ersten Recherchen angelaufen sind. Vorwürfe, die sich Neon-Chefredakteur Timm Klotzek nicht gefallen lassen will. Er schreibt in den Kommentaren zu Pantelouris Ankündigung: «Einer noch nicht geschriebenen Geschichten Niveau-Losigkeit zu unterstellen: Leute, das geht nicht. Zumal der Autor die journalistische Ehtik zum Hauptthema seiner Ankündigung macht.»

An anderer Stelle ernten Pantelouris und neon.de mehr Unterstützung für ihr Vorhaben, etwa beim Medienjournalisten Stefan Niggemeier, auch wenn der schreibt, er könne die Zweifel der User verstehen. Unter der Überschrift Lifestylejournalismus kommentiert er den Reportage-Plan folgendermaßen: «Ich finde es einen aufregenden Versuch, und ich drücke ihm die Daumen, dass er gelingt — schon weil es viel mehr Experimente mit den neuen journalistischen Formen, die das Internet bietet, und viel mehr Diskussionen über die Zukunft des Journalismus geben muss.» Er glaube, fehlende Transparenz oder sogar fehlende Wahrhaftigkeit seien die Hauptprobleme des Journalismus heute. Aber er habe auch seine Zweifel, dass ein solches persönliches Schicksal, ein solcher Kriminalfall das richtige Thema für ein solches Experiment seien. «Bei mir bleibt ein mulmiges Gefühl.»

Das geht vielen Internetnutzern ähnlich, wobei die meistdiskutierte Frage zu sein scheint, ob ein Fall wie dieser für eine solche Form des Journalismus taugt. «Würdest du live davon berichten, wie BP das Öl-Loch schließt oder wie die SPD in einer Tagungsklausur einen Gegenentwurf zur Gesundheitsreform a la Rösler anstimmt, dann wäre ich gerne und mit Kusshand dabei, einen Live-Bericht zu lesen», schreibt etwa der User MisterGambit. Doch das, was Pantelouris da mache, sei ihm zu «leichenfledderig». Pantelouris betont jedoch, es gehe ihm weder um eine Sensationsgeschichte, noch um die Aufklärung des Falls, die sei Aufgabe der Polizei. «In dieser Geschichte geht es unter anderem darum, das Verhalten von Behörden im Angesicht von Schicksalen zu überprüfen, und ich finde es richtig, wenn dabei auch der Kontrolleur kontrolliert wird.» Und die Diskussion auf neon.de zeige ja bereits, dass es dafür keinen besseren Ort gebe als diesen.

Aus journalistischer Sicht jedoch stellt sich auch die Frage, mit welcher Zielgruppe eine solche Live-Reportage in Angriff genommen wird. Will der Leser wirklich jeden Schritt mitverfolgen, den Journalisten machen? Klotzek jedenfalls sieht die neon.de-User als Hauptzielgruppe, sagte er news.de. Und zur Frage, ob bei dem Projekt wirklich eine zu große Fülle an Informationen entstehe, sagt er: «Einfach mal abwarten.» Pantelouris schreibt dazu selbstkritisch, es könne auch sein, dass er von einer verschlossenen Tür zur nächsten laufe und nichts Neues erfahre. Das sei noch nicht einmal unwahrscheinlich. «Aber es ist auf eine deprimierende Art wahrscheinlich ehrlich: Genau so geht es der Familie von Susan Waade seit drei Jahren.» Nicht nur das Blog Carta befürchtet angesichts solcher Sätze, «der Unglücksfall der jungen Frau könnte ein zu persönliches Schicksal sein um es für ein Live-Reportagen-Experiment zu nutzen und die Geschichte zu einem Live-Krimi werden».

«Von 1000 Nutzern wird das wahrscheinlich nur einer lesen»

Ein anderer Vorwurf, den sich Pantelouris und die Neon-Redaktion gefallen lassen müssen, ist der, es werde hier lediglich versucht, Aufmerksamkeit zu erzeugen. «Das Ganze ist vor allem eine gelungene PR-Inszenierung für ihn, der Mann ist ein begnadeter Selbstdarsteller», schreibt ein Kommentator des Artikels von Stefan Niggemeier, und ein anderer meint: «Ich habe es noch nie gemocht, wenn Journalisten sich, ihre Arbeit und ihre Arbeitsweise für wichtiger erachtet haben als das, worüber zu berichten war.» Einen Vorwurf, den Klotzek für grundfalsch hält: «Michalis hat eine neuartige Idee und brennt darauf, sie auszuprobieren. Dass dies Motivation genug ist, können manche Menschen sich scheinbar nicht vorstellen.»

Auf der anderen Seite erntet Pantelouris jedoch auch Lob für seinen Versuch, den Journalismus zu öffnen und zu experimentieren. So schreibt Niggemeier etwa: «Aber ist es nicht tatsächlich eine vertrauensbildende Maßname, wenn der Schlachter sagt: Sie können sich übrigens jederzeit unsere Metzgerei ansehen? Finden Sie es nicht auch ein Zeichen von Qualität, wenn Sie in einem Restaurant in die Küche gucken können und sehen, wie die Köche mit den Lebensmitteln umgehen? Gucken können, nicht müssen, wohlgemerkt.» Und Pantelouris selbst sagte dem Medienmagazin Meedia: «Von 1000 Nutzern wird das wahrscheinlich nur einer lesen. Aber wenn dieser eine einen Fehler entdeckt, hilft das auch allen anderen. Es braucht immer Leute, die alles kontrollieren, uns auf Probleme hinweisen und Alarm schlagen.»

Wie hoch der tatsächliche Arbeitsaufwand für die Live-Reportage sein wird, weiß selbst Pantelouris noch nicht: «Ich habe nicht viel Erfahrung damit, Video, Audio, Bild und Text gleichzeitig zu verarbeiten und sehr zeitnah online zu stellen. Wenn ich feststelle, dass alles zu lange dauert, kann der Aufenthalt auch einen Tag verlängert werden», sagte er Meedia. Was bei diesem Experiment herauskommt, wüssten weder Neon noch er selbst genau, wie auch Klotzek bestätigt. Er wolle erst einmal abwarten, was bei diesem Experiment herauskomme und was es koste. Pantelouris jedenfalls hat den ersten Schritt heute gemacht: Er ist nach Berlin gefahren um Marion Waade zu treffen. «Der Planung nach kann ich mich spätestens um fünf hinsetzen, und anfangen, zu schreiben und zu posten. Aber was sind schon Pläne ...»

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