So., 27.05.12

Melt!-Festival 18.07.2010 Planschen, Party und Pornokunst

Tanz unter dem Bagger (Foto)
Beim Melt!-Festival kommen Industrie und Kultur nah zusammen. Bild: news.de

Von den news.de-Redakteuren Michael Kraft und Konrad Rüdiger

Feierkoryphäen und Video-Schocker: Beim Melt-Festival in Sachsen-Anhalt trifft Elektro auf Pop und Rock. Unter den Bagger-Monstern von Ferropolis zeigte sich wieder, dass feiern und nachdenken sich nicht unbedingt ausschließen müssen.

Soviel vorab: Die popkulturelle Nachricht des Tages spielte keine Rolle beim Melt. Dass Robbie Williams wieder mit Take That vereint ist, war weder im Publikum, noch Backstage oder gar auf der Bühne im sachsen-anhaltischen Gräfenhainichen ein Thema. Stattdessen standen beim Melt zwei andere Dinge im Mittelpunkt: die Hitze und The XX.

Keine Probleme mit mehr als 35 Grad Celsius im Schatten schienen Bonaparte zu haben. Der Zirkus der Postmoderne aus Berlin erschien sogar zur Pressekonferenz im kompletter Bühnenmontur. Bonaparte-Chef Tobias Jundt verriet später im Interview, dass sein Kollektiv in dieser Hinsicht gestählt ist: Im Tourbus fällt öfter mal die Klimaanlage aus. Von den ähnlichen Problemen bei der Bahn hatte er allerdings noch nichts gehört.

Auch das zeigt: der Mann, den alle stets den «Partykaiser» nennen, lebt in seiner eigenen Welt. Allerdings machten Bonaparte auf der Bühne auch sehr deutlich, warum sie gerade den Lea-Award als bester deutscher Live-Act gewonnen haben: Barockkostüme, Menschen als Pferde, Cocktailkleider, Phantom der Oper, Josephine-Baker-Tänze, Prinzengarde und zum Schluss auch noch barbusiges Frauencatchen -- es gibt so viel zu sehen, dass die Musik fast keine Rolle mehr spielen muss.

The XX als Überraschungskonsens

Die Shout Out Louds aus Schweden haben sich durch perfekte Italien-Touri-Outfits an die tropischen Temperaturen beim Melt angepasst. Und Sänger Adam Olenius ließ sich den Spaß nicht verderben: Im news.de-Interview sagte er: «Festivals sind wie ein Kindergarten für Bands.» Auf der Bühne setzte er erst bei einer sehr feinen Version von Impossible endlich die Sonnenbrille ab, bevor er sich am Schluss bei Tonight I Have To Leave It sogar ins Publikum wagte.

Bei Sigur-Rós-Sänger Jónsi hatte nur ein englischer Fan ein Problem. Seinem Aufschrei: «Shut up, Jónsi! Go, fuck a geysir! And give us our money back!» Ähnlich Amüsantes in anderen Fremdsprachen gab es auch reichlich - fast ein Drittel der Besucher beim Melt kommen aus dem Ausland.

The XX haben aber sicher auch den aufgebrachten Engländer wieder besänftigt. Das Trio aus London lockte mit Abstand die meisten Zuschauer vor die Hauptbühne -- und hat wohl jeden von ihnen atemlos gemacht. Live klingen The XX zwar quasi genau wie auf Platte. Aber wenn man weiß, dass diesen Sound, der aus ganz wenigen ganz langen Tönen und noch längeren Pausen besteht, aber trotzdem sagenhaft brodelnd ist, tatsächlich nur drei blutjunge Leute fabrizieren, kann man das kaum fassen. Und selbst wenn Bassist Oliver Sim nur «Thank you very much» sagt, klingt das tausendmal intensiver als bei anderen Bands.

Den Indie-Reigen ließen die Foals ausklingen, die anders als im Vorjahr frei von der Schweinegrippe blieben und mit einem epischen Spanish Sahara sechseinhalb Minuten lang Gänsehaut auf schweißverklebter Haut verursachten. Derweil gönnte sich der elektronisch motivierte Teil der Melt-Gänger ein Bad im angrenzende See und in der vieltausendköpfigen Menge der Seebühne, die unter anderem Modeselektor gemeinsam mit den eingangs erwähnten Bonaparte ins absolute Feier-Delirium trieben.

Lesen Sie auf Seite 2, wer den Feierexzess auf dem Campingplatz verantwortete

Auch am zweiten Tag beim Melt spielte das Wetter eine Hauptrolle. Dem Hitzekoller folgte die Regenangst. Gegen den befürchteten Niederschlag half, dass die Berliner Elektro-Trash-Combo Schluck den Druck eine spontane Extase auf dem Campingplatz verursachte und dass die aktuelle Newcomer-Reihe keine Berührungsängste mit Mainstream und lupenreinem Pop kennt. Bei den Engländern von Hurts wurde das nicht nur an schicken Anzügen deutlich, sondern auch im Sound. Obwohl die Engländer ihren Hit Wonderful Life gleich zu Beginn spielten, hielten sie mit ihrem 1980er-Revival die Menge bei Laune. Wenn auch nur 35 Minuten.

Zuvor hatte das aufstrebende Duo der Blood Red Shoes ihrem sehr textsicheren, aber meist noch schulpflichtigen Teil des Publikums gezeigt, was eine Harke ist. Das bedankte sich mit den ersten Körperverknotungen in den ersten Reihen. Diese Inbrunst erreichte wiederum die beiden Jünglinge auf der Bühne und retour. Beeindruckend.

Der Hibbel-Hipster Darwin Deez trieb die Tanzeslust allerdings auf die Spitze. Seine Show begann (nachdem sich der Drummer hinter der Bühne nicht etwa mit Drogen, sondern mit Liegestützen aufgepeitscht hatte) mit einer grandiosen Breakdance-Einlage der gesamten Band. Danach gab es vom New Yorker viel gute Laune und dann doch wieder jede Menge Schweiß. Danach stand fest, dass sich Darwin Deez nicht nur mit fluffigen Youtube-Clips aufwarten können.

Porno-Kunst auf der Mainstage

Die Friendly Fires standen dem in nichts nach. Von Beginn an legten sie eine begeisternde Performance hin und lieferten sich ein spannendes Rennen mit den eigenen Fans, wer nun mehr Körpereinsatz an den Tag legt. Am Ende lagen die Fans knapp vorne, was sicherlich auch für die Band als Gewinn gewertet werden konnte. In jedem Fall zeigten Friendly Fires, wie effektvoll man alleine mit Rhythmus für Extase sorgen kann. Auch The Big Pink brachten ein paar Füße in Bewegung, brauchten dazu aber eine ganze Weile. Die Mädchen fielen allerdings nicht wie in deren Überhit Dominos, das Finale war aber zumindest der Hauptbühne verdächtig.

Der Schocker des Festivals enterte die Hauptbühne kurzfristig eher. Statt des eigentlich angekündigten DJ Shadow verstörte der Video-Regisseur Chris Cunningham viele mit seiner exaltierten Werkschau zwischen Pornografie, Alptraum und Gewaltexzess. Zugleich wies er mit seiner Video-Laser-Bass-Show im Grenzbereich dem fraglos noch ausbaufähigen künstlerischen Anspruch des Festivals einen gangbaren Weg. Dem zu spät gekommenen DJ Shadow und Moderat war es jedenfalls vorbehalten, eventuell aufgekommene Fragen schnell wieder in den Hintergrund zu drängen.

Das Highlight am wieder sonnigen Sonntag waren die Kings Of Convenience. Ganz entspannt und fast rein akustisch begeisterten die Norweger auf der Nebenbühne, bevor Goldfrapp und Massive Attack die Fans beim Melt mit ebenso relaxten, aber elektronischen Sounds verabschiedeten.

Von so viel Romantik ließen sich auch die Fans beim Melt gerne inspirieren: Schon ganz zu beginn des Festivals fand die erste offizielle Melt-Hochzeit statt. Das Paar hatte sich vor zwei Jahren beim Melt kennen gelernt und gab sich nun in der sogenannten «30 KV Station», einem offiziellen Standesamt, das Ja-Wort. Auch die Hochzeitsnacht verbrachten die Frischvermählten in Ferropolis - zum Dahinschmelzen romantisch, und definitiv sehr heiß.

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