Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Was ist das Internet? Fluch oder Segen? Todesurteil für traditionelle Medien oder Beginn einer neuen Ära? Diesen Fragen geht der Filmemacher Hermann Vaske in seiner dreiteiligen Dokumentation Die digitale Bombe nach. Und Arte zeigt sie, ein Themenabend nicht nur für Nerds.
Man könnte Jay Maynard einen Freak nennen, und Hermann Vaske seinen Biografen. Maynard, ein Amerikaner, der als «Tron Guy» im Internet zur Berühmtheit wurde, ist ein Paradebeispiel für das Phänomen der Netz-Promis, das der Regisseur Vaske in seiner Dokumentation Die digitale Bombe in drei Teilen beleuchtet: The Social Galaxy, The Commercial Galaxy und The Media Galaxy. Arte zeigt alle drei Teile heute in einem Themenabend (ab 22.45 Uhr).
Der Frankfurter Filmemacher und Autor ist vom Web 2.0 begeistert. Er vergleicht die digitale Revolution in der Mitte der Nullerjahre mit dem Wandel der Industrie und Mobilität im 19. Jahrhundert – als Kutschen von Motoren abgelöst wurden. Und so unterschiedlich seine Protagonisten auch sind, eine Gemeinsamkeit haben sie: Sie leben von und mit der Öffnung der Privatsphäre und Vaske begleitet sie in ihrem Alltag und bei ihrer Arbeit in und mit dem Internet: Da berichtet David Rowan, Chefredakteur von Wired UK, vom Datenmissbrauch und dem Datenhandel, da erzählt Simon Waterfall, Kreativdirektor der Agentur Poke in London, dass er allein auf seinem Weg zur Arbeit von 250 Kameras erfasst, beobachtet und aufgezeichnet wird.
Eine Spielwiese für Geschäftemacher
Das ist die eine Seite des Internets. Die andere jedoch sind Personen wie Jay Maynard, die Daten freiwillig preisgeben, die sich freiwillig präsentieren. Doch ist ein Erfolg wie der des «Tron Guys» planbar? Auch dieser Frage geht Vaske nach und beantwortet sie mit einem klaren Nein. Denn was im Netz passiert, ist von so vielen Faktoren abhängig, dass sie sich unmöglich überblicken lassen.
Während The Social Galaxy sich den Promis des Internets nähert, den Stars von YouTube oder dem niesenden Panda, beleuchtet der zweite Teil, The Commercial Galaxy, die wirtschaftlichen Hintergründe. Längst ist das Internet zu einer Spielwiese für Geschäftemacher geworden, die, mal kreativ, mal dreist, ihre Ideen vermarkten. Ob die australische Tourismusbehörde, die einen Job als Blogger im Internet ausschrieb, die Band Oasis, die das Internet nutzte, um schon vor der Veröffentlichung für Diskussionsstoff für ihr neues Album zu sorgen oder die englische Biermarke Cobra, die sich von der Agentur Poke eine iPhone-App programmieren ließ: iBanter. Ein Programm, das einen Mund zeigt, der Witze erzählt. Schlicht, aber erfolgreich.
«Das Web 2.0 ist eine Verblendung»
Doch auch die kreativsten Ideen wären nichts wert, wenn sie nicht irgendwie verbreitet würden. Und das passiert durch die Medien, seien es Nachrichtenportale, Blogs oder die User von Twitter, Facebook und Co. Im dritten Teil seiner Doku, The Media Galaxy, berichtet Vaske von den Veränderungen in der Politik, im Journalismus und den Umwälzungen im Bereich Kino und Fernsehen. Er geht den Fragen nach, ob Blogs eine Bedrohung für den Journalismus sind, ob die gedruckte Zeitung ein Auslaufmodell ist, was es bedeutet, wenn die Grenzen zwischen Produzenten und Rezipienten sich auflösen oder wie sich das Fernsehen in den kommenden Jahren verändern wird.
Somit sind Vaskes Filme eigentlich ein Paradoxon. Mit den altbewährten Mitteln der Fernsehdokumentation geht der Grimme-Preisträger Fragen nach den neuen Möglichkeiten der Medien nach. Dass er diese Fragen so fundiert beantworten kann, ohne für alles gleich eine Lösung parat zu haben, liegt an der großartigen Auswahl seiner Protagonisten. So lässt Vaske etwa auch Andrew Keen zu Wort kommen, Autor des Buches Die Stunde der Stümper. Wie wir im Internet unsere Kultur zerstören. Und der sagt beispielsweise: «Das Web 2.0 ist eine Verblendung. Große kulturelle Vorteile werden versprochen und die Demokratisierung der Kultur wird angepriesen. Angeblich kann jeder seine eigenen Erfahrungen veröffentlichen und sogar daran verdienen.» Doch das hält er für eine Lüge. Das Web schaffe keine Möglichkeiten zum Geldverdienen für neue Medienberufe, sondern sei stattdessen ein Todesurteil für traditionelle Medien.
Vor allem aber ist Vaske so klug, sich rauszuhalten, keine Position zu beziehen, zumindest keine radikale. Und doch schimmert seine Begeisterung für ein Medium, das grenzenlos scheint, immer durch. Ein spannender, später Arte-Themenabend, nicht nur für Computer-Nerds.
Die digitale Bombe, Montag, 19. Juli 2010, ab 22.45 Uhr, Arte. Mehr Informationen gibt es in einem Dossier auf arte.tv.