So., 27.05.12

Neues M.I.A.-Album 17.07.2010 Harter Kampf mit Worten

Maya (Foto)
Das neue Album von M.I.A.: Maya. Bild: Beggars

Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach

Wer hat Angst vor M.I.A.? Mit ihrem dritten selbstbetitelten Album bleibt Maya Arulpragasam musikalisch gnadenlos und heizt die Terrorismusgerüchte weiter an. Maya ist ein Schlag in die Magengrube und Liebesbekundung zugleich.

Die Familie ist zusammengeführt. Vater Arular, Mutter Kala und das Kind Maya bilden wieder eine Einheit. Das war nicht immer so im Leben von Maya Arulpragasam alias M.I.A. Ihr jetzt erschienenes drittes Album heißt so wie sie selbst.  Die Vorgängerplatten hatte sie nach ihren Eltern Arular und Kala benannt.

Der Vater, ein tamilischer Freiheitskämpfer auf Sri Lanka, stand für Ideale, die auch M.I.A. beeinflussten - ideologisch, musikalisch. Das Video zur Vorabsingle Born Free zeigt die Verfolgung von Rothaarigen, Hinrichtung mit Kopfschuss, Hatz über Minenfelder. Auf Youtube wurde das Video sofort verboten, später wieder eingestellt - mit Zugang ab 18.

Seitdem sie auf ihrem ersten Album die Zeile «Like PLO I don't surrender» sang, wird M.I.A. mit Terrorismus in Verbindung gebracht. Die Geschichte des Vaters tut ihr Übriges. Ein Vorwurf, mit dem die Sängerin spielt. Sie macht sich auch in Interviews gemein mit den Terrortaktiken der Tamilen und weist bei jeder Gelegenheit auf das Leid in ihrer Heimat hin. Agitprop im Popgewand.

Born Free
M.I.A.s Skandalvideo

M.I.A, Born Free from ROMAIN-GAVRAS on Vimeo.

Video: YouTube

Ihre Landsleuten leiden, deshalb muss sich eine Kettensäge beim Song Steppin Up ins Hirn bohren. Schmerzhafte Maschinenklänge, von Gefälligkeit keine Spur. Teqkilla ist ein Fiepen im Ohr, das mit Melodie kaum etwas zu tun. Wut und Revolutionsgedanken in musikalischer Verkleidung. Lieder einer Verfolgten, die heute in Los Angeles lebt, mit einem Millionenerben verheiratet ist, mit ihm einen Sohn hat.

Die Sri Lankanerin Maya Arulpragasam wurde in London geboren, zog im Alter von sechs Monaten mit ihrer Familie zurück in den Inselstaat im Indischen Ozean. Ihr Vater kämpfte im Bürgerkrieg. Als der zu eskalieren drohte, flüchtete ihre Mutter, offenbar eine Beschützerin, mit Maya und den Geschwistern zurück nach London. Da war das Mädchen acht Jahre alt und kam mit ihrer Familie in eine Flüchtlingsunterkunft. Angekommen im Westen studierte sie später Film- und Videokunst an einem renommierten College. Ihre Streetartwerke sollen sogar bei Schauspieler Jude Law hängen. Erst die kanadische Electroclash-Sängerin Peaches brachte sie auf eine andere Kunstform - Musik. M.I.A. war geboren, was soviel heißt wie «Missing in Action».

Sofort wurde sie mit ihrem vorher ungekannten Stil zwischen Electro, HipHop, Dancehall, Weltmusik und Krach zum Indiephänomen. Paper Planes vom Album Kala wurde der Hit des Slumdog-Millionaire-Soundtracks und Tanzbodenknüller. Denn nicht alles, was M.I.A. macht, erzeugt akustische Schläge in die Magengrube.

Von der Kritik als reine Ironie verschrien, singt M.I.A. auf Maya mit Tell Me Why und der ersten regulären Single XXXO regelrecht schöne Melodien. Doch was wie eine weltenversöhnliche Umarmung daherkommt, ist nur vordergründig ein Liebeslied. Der Textbruch ist gewiss. «There is always something big I'm thinking about» - und was kann das Große im Fall von M.I.A. schon sein, wenn nicht die Missstände in der Dritten Welt?

Auf dem dritten Album Maya hat sich für M.I.A. nichts geändert. Die Kämpferin gegen Globalisierung und Armut sprechsingt ihr Unbehagen in die Welt. Und sie nutzt die Aufmerksamkeit und die Bühne, die ihre Popularität bietet. «Prostitutiere mich bei Letterman heute Abend, Amerika», schreibt sie bei Twitter. Nur um dann im nächsten Tweet alle wissen zu lassen, mit welcher Nachricht sie dort auftreten wird: «Goldene Schuhe check! Weiße Socken check! Camo Jeans check! Gebatiktes Shirt check! Sonnenbrille check! Rote Lippen check! Mittelfinger check!» Ich sehe zwar so aus wie ihr, aber ich habe eine Botschaft.

Waren die Texte auf ihrem ersten Album noch Beiwerk, hört jetzt jeder genauer hin. Sie ist Popstar und Kämpferin, lebt in einer Villa, ihr Kopf ist in Sri Lanka, bei den Menschen, die dort sterben. Amerikanische Medien sind verleitet zu glauben, sie nutze die kämpferische Attitüde zum Pushen ihrer Karriere. Darauf hat M.I.A. auch schon die passende Antwort: «I love a lot but I fight the one that fight me», singt sie in Lovealot über die wahre Geschichte der Schwarzen Witwe, die die Tötung ihres Ehemanns durch einen Selbsmordanschlag in der Moskauer U-Bahn rächte. M.I.A. liebt ihr Volk und ist bereit jeden mit Worten zu bekämpfen, der sich ihr in den Weg stellt.

Interpret: M.I.A.
Titel: Maya
Plattenfirma: Beggars
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

ped/news.de
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