Mo., 13.02.12

«Maybrit Illner» Dem Schwitzkasten entronnen

Von news.de-Redakteur Konrad Rüdiger

Artikel vom 16.07.2010

Hitzschlag im Sommerloch: Das fast einstündige Martyrium einer Schulklasse in den Zügen der Deutschen Bahn beschäftigte auch etwa 130 Stunden später die Talkrunde bei Maybrit Illner. Der geladene Bahnvorstand hatte dabei ein sonderbar leichtes Spiel.

Deutschlands liebstes Stiefkind ist nicht der Zweitwagen, der in der Garage dem wöchentlichen Einkauf entgegendämmert. Nein, es ist die Bahn. Die Deutsche Bahn. Sie hat es in den vergangenen anderthalb Jahren geschafft, mit Sicherheitsproblemen und den daraus folgenden Zugausfällen ungefähr jedem einzelnen ihrer Kunden mindestens grausamstes Leid zuzufügen. Berliner S-Bahn-Pendler mögen darüber müde lächeln, der Rest der Republik hat es später erfahren. Zuletzt die Passagiere dreier Züge, die ausgerechnet zwischen der nicht gerade pittoresken Stadt Hannover und der ähnlich reizvollen Stadt Bielefeld unschöne hitzebedingte Nahtoderfahrungen erleiden mussten.

Das Stiefkind sollte also ein willkommenes Sommerlochthema sein. Und das ist es ja auch seit ziemlich genau 130 Stunden. Eine Meldung, die den Bielefelder Lokalzeitungen am Tag des Geschehens kaum mehr als drei Absätze in ihren Onlineausgaben wert war, machte mächtig Karriere. Auf die Bahn draufzuhauen ist in Zeiten des Verbraucherschutzes und dem zeitweiligen Übertreiben desselbigen zum Nachrichtenfaktor geworden. Auch für Maybrit Illner, die sich als Supernanny für den schwer erziehbaren Rotzlöffel auf Schienen probierte.

Kontrovers hätte es zugehen können. Hätte. Denn es wurde im Grunde genommen gut geladen: ein Oberdeutschbahner, der Personenverkehrschef Ulrich Homburg, traf auf den Fahrgastverbandsvorsitzenden Karl-Peter Naumann von Pro Bahn, den Vielfahrer und grünen Bürgermeister von Tübingen Boris Palmer, die CDU-Hoffnung Julia Klöckner und den Flugverkehrsverteidiger und Flugliniensanierer Hans Rudolf Wöhrl.

Das Thema selber war ja auch kein unspannendes: Was darf man erwarten, wenn man gemeinsam mit Millionen anderen unbedingt den weit entfernten Ort erreichen möchte? Wöhrl sagte: «Die Bahn ist kein Verkehrsmittel, um 500 oder 600 Kilometer zu fahren.» Muss er, denn er war mal Fluglinienbesitzer. Der Vater eines Hitzeopfers von Bielefeld hingegen wollte live vor Millionenpublikum mehr Geld als die bislang von der Bahn gebotene Entschädigung. Seine Tochter wird ihm diese Worte sicher noch vorhalten, wenn auch erst, wenn sie dem Elternhaus entwachsen ist.

Von der Couch ins Krankenhaus?

Die Perspektive verrutschte den Diskutanten, die man nur als Gesprächsrundenteilnehmer bezeichnen mochte, so häufig, dass man sich auch am späten Abend im Hitzedelirium wähnte. Man musste sich fragen, ob man denn nicht kurz vor dem Hyperventilieren war und geradewegs auf einer Trage von der heimischen Couch in ein Bielefelder Krankenhaus gefahren wurde. Um kurz für etwas Schatten und Abkühlung zu sorgen: In weiten Teilen der Welt, also um genauer zu sein: In der ganzen Welt außer Deutschland und vielleicht noch der Schweiz werden wir um unsere Züge beneidet. Punkt. Da kann selbst das teils horrende Missmanagement der Deutschen Bahn wenig dran ändern. Außer man erfährt es - am eigenen Leib.

Dass sich die Fünf zwischen wirtschaftlichen Argumenten verloren und in Julia Klöckner nur eine am Rande für Bahnpolitik zuständige Vertreterin der urlaubsreifen Koalition am Wickel hatte, schadete der Runde sehr. Der grüne OBM Palmer relativierte die Dramatik des Vorfalls lapidar, aber treffend: Er habe auch schon mehrfach in überhitzten Regionalzügen gesessen. Bahnvorstand Homburg kam aber trotz der fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen Aufsehen erregend hohen Studiotemperaturen gar nicht so richtig ins Schwitzen. Er gefiel sich in der Rolle des umsichtigen Krisenmanagers, wurde aber weder von Illner selbst noch von den anderen Herumsitzenden so richtig in dieser Rolle gefordert. Vor allem Fahrgastanwalt Naumann fiel lediglich durch seine Krawatte auf, die er sicher seit den frühen 1980ern aufträgt.

Aber wie man auch von der Supernanny nicht erwartet, dass sie innerhalb von wenigen Sendeminuten aus einem widerborstigen Rotzlöffel einen jungen Knigge-Fetischisten macht, so ist auch Maybrit Illner die vorletzte Adresse, um die Bahnpolitik der vergangenen Jahrzehnte zum Wohl aller zu korrigieren. Wunder dauern eben etwas länger. Sogar länger als ihre nächste Zugverspätung.

cvd/news.de
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«Maybrit Illner»: Dem Schwitzkasten entronnen » Medien » Nachrichten

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