Mode ja, Püppchen nein
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 14.07.2010
Ein halbes Jahr Brigitte ohne professionelle Models: Für die Redaktion und den Verlag fällt das Fazit positiv aus, die Vielfalt habe zugenommen, die Verkaufszahlen am Kiosk steigen, sagt Chefredakteurin Huber. Doch nicht alle Leserinnen sind mit der Umstellung glücklich.
Millionen, wenn nicht Milliarden könnte man wohl verdienen, gäbe es diese Creme wirklich. Eine Creme, die aus der 51-jährigen Madonna wieder eine junge Göttin macht, die Falten nicht nur reduziert, sondern verschwinden lässt, die sogar Fettpölsterchen vernichtet, kurz: eine Creme, die Schönheit verspricht, durch und durch. Doch diese Creme, sie ist eine Erfindung, die gefakte Anzeige wirbt für die Bildbearbeitungs-Software Photoshop und will darauf hinweisen, dass es in der Modebranche immer noch üblich ist, selbst Fotos schlanker, schöner Frauen zu retuschieren, um einem vermeintlichen Ideal nahezukommen. Aus diesem Grund haben in Israel Politiker jetzt einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, der die Werbeindustrie dazu zwingen soll, derart manipulierte Bilder künftig zu kennzeichnen.
Brigitte Huber, Chefredakteurin der Frauenzeitschrift Brigitte, die seit einem halben Jahr keine professionellen Models mehr bucht, sagt, sie könnte mit einem solchen Gesetz gut leben, weil bei der Brigitte so gut wie gar nicht retuschiert werde. Sie blickt zufrieden auf die Initiative «Ohne Models!» und sagt über das israelische Gesetzesvorhaben: «In Deutschland brauchen wir es vielleicht nicht so dringend, weil zumindest bei den klassischen vierzehntäglich erscheinenden Frauenzeitschriften eher wenig gemacht wird. Trotzdem sehen vor allem gerade junge Frauen viele Bilder, die mit der Realität nichts mehr zu tun haben.» Und wenn dann ein ohnehin schon dünnes Model nochmal dünner gemacht werde, solle das auch gekennzeichnet werden.
Die Debatten um (Mager)Models und Vorbilder, um den Druck der Modebranche und Sendungen wie Germanys Next Topmodel, sie reißen nicht ab. Und auch die Leserinnen der Brigitte füllen immer noch Ausgabe für Ausgabe die Leserbriefseiten mit Diskussionen über die Entscheidung des Verlags Gruner + Jahr, auf Models zu verzichten. Und die Bandbreite sei groß, sagt Brigitte Huber: «Es ist nach wie vor so, dass der überwiegende Anteil der Leserbriefe Zustimmung und Lob enthält. Es gibt auch Stimmen, die sagen: ‹Jetzt sehen die auch wieder alle so toll aus, das macht mir ja fast Stress›, oder diejenigen, die sagen: ‹Das ist mir schon fast wieder zu normal›. Weil sich das jedoch die Waage hält, glauben wir fest daran, dass unser Kurs der richtige ist ist.»
Legionärinnen der Langeweile
Seit Januar muss die Frauenzeitschrift, die seit nunmehr 56 Jahren am Markt ist, alle zwei Wochen den Spagat bewältigen zwischen den Ansprüchen, die Leserinnen an eine Modezeitschrift stellen, und dem eigenen Anspruch, anders zu sein. So schrieb eine Leserin in der Mai-Ausgabe Nummer 12: «Diese deutschen Legionärinnen der Langeweile in Jeans und Sweatshirt oder Hemdbluse, gegen die jede Französin auch unausgeschlafen am Sonntagmorgen elegant erscheint, möchte ich nun wirklich nicht in einer Modezeitschrift bestaunen dürfen.» Auf der anderen Seite jedoch fühlten sich Frauen auch unter Druck gesetzt, sagt Brigitte Huber: «Der Punkt ist, dass einige Frauen sagen: ‹Die sehen aus wie Models und haben dazu noch einen spannenden Lebenslauf›.»
Aus diesem Grund habe die Redaktion relativ schnell eine Seite eingeführt, auf der die Frauen, die im Heft abgebildet sind, vorgestellt werden. «So sieht die Leserin, dass die auch nett aussehen, wenn sie nicht geschminkt sind und eigentlich ganz normal sind. Damit gleichen wir diese Überhöhung aus. Unsere Leserinnen sehen, dass diese Frauen nicht per se aussehen wie Kate Moss, sondern dass das normale, sympathische Frauen mit toller Ausstrahlung sind, die da inszeniert werden.» Es freue sie auch, dass die Diskussion noch anhalte, insofern sei sie auch für kritische Anmerkungen dankbar. «Unsere Leserinnen kritisieren uns nicht, um uns zu ärgern, sondern weil es ihnen um die Sache geht. Wir haben mit der ‹Ohne Models!›-Initiative eine gesellschaftliche Diskussion belebt. Das freut uns und insofern ist uns auch jede kritische Stimme recht.»
Die Inszenierung zwischen Professionalität und Alltagsnähe so hinzubekommen, dass die Leserinnen sie akzeptieren, ist eine schwierige Angelegenheit. «Es soll ja gerade nicht mehr so aussehen wie früher, es sollen nicht mehr Models sein, die in eher künstlichen Gesten und Posen verharren. Gleichzeitig soll es auch nicht zu normal oder alltäglich wirken.» Brigitte habe bei den Models schon immer einen natürlichen Typus Frau gesucht und das sei auch heute noch so. «Wir verkleiden sie nicht, wir versuchen vielmehr, ihre Ausstrahlung möglichst so zu lassen, wie sie ist, ohne dabei auf das zu verzichten, was ein toller Fotograf schaffen kann, nämlich das Besondere an einer Frau im Bild festzuhalten. Es soll im Ergebnis nicht so normal wirken, dass die Leserinnen das Gefühl haben: ‹Dafür brauche ich eigentlich keine Modezeitschrift mehr›, es soll aber auch nicht zu abgehoben wirken.»
Einen Weg zurück aus der Initiative hätte es für Brigitte wohl ohnehin nicht gegeben, doch offenbar zahlt sich der Schritt auch finanziell aus. «Da spielen sicherlich neben unserer Initiative ‹Ohne Models!› auch andere Faktoren eine Rolle, aber wir freuen uns, dass wir in diesem Jahr von 14 Heften neun am Kiosk über Vorjahr verkauft haben», sagt Huber und fügt hinzu: «Das ist mit Blick auf den Markt der Frauenzeitschriften ein messbarer Erfolg.» Und auch von Seiten der Anzeigenkunden seien die Reaktionen schlussendlich positiv ausgefallen: «Einige gaben zu, anfangs eher skeptisch interessiert gewesen zu sein. Mittlerweile habe sich das aber in echtes Wohlwollen verwandelt. Wir werden aber auch öfters gebeten, zu erzählen, wie wir auf ‹Ohne Models!› gekommen sind. Da gibt es ein großes Interesse bei Institutionen oder Unternehmen, was den Entscheidungsprozess und die Umsetzung betrifft.»
340 Mädchen und Frauen zwischen fünf und 85 Jahren
An der Mode, die Brigitte vorstellt, habe sich durch die Umstellung nichts geändert, an der Zusammenarbeit mit Modelabels jedoch durchaus, sagt Huber: «Wir zeigen nach wie vor Mode, die sehr nah an der Leserin ist. Sie ist ganz klar von aktuellen Trends inspiriert, aber für den Alltag unserer Leserinnen interpretiert. Wir erleben, dass sich Firmen bemühen, beispielsweise wenn wir Mode für fülligere Frauen zeigen, dass die entsprechenden Modelle auch in den jeweiligen Größen vorrätig sind. Und ich glaube, die Bandbreite ist auch da nochmal größer als vorher.»
Und das gelte auch für die Frauen, die für Brigitte als Models fungieren, die keine sind. «Wir haben innerhalb des ersten halben Jahres über 340 Mädchen und Frauen zwischen fünf und 85 Jahren auf insgesamt 689 Seiten abgebildet», sagt Huber. «Das ist eine ganz andere Bandbreite als früher, da waren die Frauen eher zwischen 18 und 28 Jahren alt. Das bringt Spaß und immer wieder neue Themen. Und insofern ist da nochmal mehr Abwechslung drin, mehr Spannung, und das weckt auch unseren journalistischen Ehrgeiz.»
Insgesamt also fällt das Fazit positiv aus, ein Modemagazin ohne professionelle Models scheint zu funktionieren, nachgezogen jedoch hat bisher noch keine Konkurrenz-Zeitschrift. Doch Brigitte Huber sagt: «Wir freuen uns jeden Tag darüber, dass wir das angefangen haben, weil es uns nachhaltig begeistert und wir das Gefühl haben, dass wir eine ganz neue Lebendigkeit ins Heft geholt haben. Und wir merken auch, dass wir nach einem halben Jahr schon viel bewegt haben und dass es immer noch viele neue Ideen gibt.»
naf/reu/news.de
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Schön wenn man an "normalen" Frauen sehen kann wie ein Kleidungsstück wirkt. Die Zeitschrift müsste jetzt ja billiger werden! Sie sparen die Model-Kosten! Oder verdient der Verlag jetzt noch mehr?
jetzt antwortenKommentar meldenbravo.. mutig.. und wirtschaftlich vermutlich sehr sinnvoll. (ich kauf grundsätzlich keine produkte in denen so ein ABC-promi wirbt. dafür ist mir mein geld zu schade.
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