Herz und Hand und Verstand
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 23.07.2010
Die R'n'B-Szene sollte sich warm anziehen: Janelle Monáe veröffentlicht ihr Debütalbum, und das darf ganz klar als Sensation gelten. Ein genresprengendes Musikprojekt, dem Trend folgend angesiedelt im Jahr 2719, das jedoch auch selbst Trends setzt – nicht nur durch Monáes unglaubliche Stimme.
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung ist nicht gerade ein progressives Szenemagazin. Doch manchmal überrascht ihr hochgelobtes Feuilleton mit seinem feinem Gespür für Trends. So räumte das Traditionsblatt erst kürzlich beinahe eine ganze Seite frei, um unter der Überschrift Besser geht's nicht (Online hieß das Stück etwas klickträchtiger Sexy geht auch ohne Ausschnitt) der hierzulande noch wenig bekannten Sängerin Janelle Monáe zu huldigen: «Klüger als Beyoncé, tanzbarer als Erykah Badu, visionärer als Prince.»
An anderer Stelle kümmerte man sich bisher weniger um die Musik der 24-Jährigen als um ihr Sexleben. Durch ihren eher maskulinen Kleidungsstil sagt man der Tochter eines Müllmanns und einer Putzfrau nach, lesbisch zu sein. Und die? Spielt damit. In einem Interview mit dem Rolling Stone Magazine behauptete sie kürzlich: «Die lesbische Community hat versucht, mich zu vereinnahmen, aber ich verabrede mich nur mit Androiden. Nichts geht über Androiden – die betrügen dich nicht.»
Beide Fälle zeigen: Es wird viel geredet über Janelle Monáe, die Sean «P. Diddy» Combs, auf dessen Label ihr Album-Debüt erscheint, als «eine wahre Visionärin» und den Vertrag mit ihr als einen der wichtigsten seiner Karriere bezeichnet. Das mit der Visionärin indes hatte sich schon vor drei Jahren abgezeichnet, als Monáe gerade ihre EP Metropolis Suite I Of IV: The Chase auf den Markt gebracht hatte, den Auftakt zu einer musikalischen Science-Fiction-Reihe, der in der Androidenstadt Metropolis spielt. Während andere Künstler Konzeptalben machen, sprengt Monáe dieses Genre und produziert wie selbstverständlich gleich vier in Folge. Teil zwei und drei der Metropolis Suite erscheinen heute, mit The ArchAndroid.
Leidenschaft für das Androide
Spätestens der Name Metropolis macht hellhörig. Eine Anspielung auf den gleichnamigen, 1927 erschienenen Film von Fritz Lang? Offensichtlich, zitierte die Sängerin doch kürzlich den Filmemacher und seine Aussage, das Herz sei die vermittelnde Instanz zwischen Hand und Verstand, bei Twitter, kurz nachdem sie den gerade erste restaurierten Film im Kino gesehen hatte. Und die Geschichte, die Monáe erzählt, liest sich kaum weniger fantasievoll als Langs Streifen. Sie spielt im Jahr 2719, einer Zukunft, in der sich Monáes Alter Ego namens Cindi Mayweather – auf der für einen Grammy nominierten EP von 2007 als beseelter Android mit Rock-Star-Attitüde eingeführt – illegalerweise in einen Menschen verliebt und fliehen muss. Auf The ArchAndroid nun wird Mayweathers Fall zu einem Aufstieg ohnegleichen, die Gesetzesbrecherin wird zum Messias, zur Heilsfigur in einer durchtechnisierten Welt.
Was hat es bloß auf sich mit dieser Leidenschaft für das Androide, der auch schon Robyn, Kelis oder Christina Aguilera auf ihren neuen Alben hemmungslos nachgaben? Fast scheint es, als suche die Musikwelt derzeit ihr Glück in der Flucht nach vorn, als werde die Gegenwart vielen Künstlern zu eng, als verspreche die Zukunft Erfolg und Glückseligkeit. Ein Fortschrittsglauben der etwas anderen Art.
Künstlerisch jedoch nähern sich alle vier Sängerinnen dieser Zukunft mit nostalgischen Mitteln – auch Janelle Monáe. Der Einstieg in ihr Album ist eine Orchester-Ouvertüre mit Live-Atmosphäre, die folgenden 17 Titel mischen gekonnt und virtuos R'n'B und Rap, Swing und Jazz, Folk und Elektro, Rock und Blues, einmal quer durch die vergangenen 40 Jahre Musikgeschichte. Entsprechend dicht und komplex ist das Endprodukt: Eine Unzahl musikalischer Schichten muss der Hörer auseinanderklamüsern, und jede einzelne davon wäre in der Lage, selbst noch so starke Erwartungshaltungen zu zerstören. Treibende Beats und ein untrügliches Gespür für Melodien sorgen zudem dafür, dass The ArchAndroid zwar extravagant ist, jedoch fast durchgängig tanzbar bleibt.
«Diese Album handelt von Selbstverwirklichung»
Inhaltlich dagegen zerstört dieses Album nicht, es baut auf. Denn eben jene Cindi Mayweather, die Hauptfigur der Erzählung, entpuppt sich als ArchAndroid, als Erz-Android, als «Mediator zwischen den Begüterten und den Habenichtsen», wie Monáe der kanadischen Internetseite Exclaim sagte. «Diese Album handelt von Selbstverwirklichung, davon, die Dinge anzunehmen, die dich einzigartig machen.» Geschrieben habe sie es aus Sicht der Habenichtse, aus Sicht der Menschen, «die nicht notwendigerweise Opfer sind, aber die tagtäglich da draußen arbeiten und mit den Problemen des Lebens fertig werden müssen. Diese Musik ist anregend, sie soll inspirierend sein.» Und das ist sie, nicht zuletzt aufgrund von Monáes unfassbar variabler und kraftvoller Stimme.
Entsprechend ambitioniert soll es nun weitergehen, nicht nur mit Blick auf das kommende Album und Teil vier der Metropolis Suite. Zunächst einmal nämlich will Monáe zu jedem Track von The ArchAndroid ein eigenes Video drehen und daraus einen Film machen. Zudem soll eine Graphic Novel auf den Markt kommen, und wenn es nach der Sängerin geht, soll es ihre Science-Fiction-Saga sogar auf den Broadway schaffen.
«I'm into BIG ideas, not small ones», sagt die auch in Stilfragen recht eigenwillige Sängerin kämpferisch, und kämpferisch reagiert sie auch auf Kritik an ihrem Äußeren – etwa an ihrer Vorliebe für ihre auffällige Haartolle oder für hochgeschlossene Anzüge, für das Androgyne. So twitterte sie vor wenigen Monaten: «Wenn du meine Schwarz-Weiß-Uniform disst, dann disst du alle arbeitenden Männer und Frauen. Meine Mutter und meinen Vater. Deine Vorfahren.» Janelle Monáe scheint eine Kämpfernatur zu sein, eine Frau mit Herz und Charakter. Man wird noch viel von ihr hören.
Interpret: Janelle Monáe
Titel: The ArchAndroid
Plattenfirma: Atlantic (Warner)
Erscheinungsdatum: 23. Juli 2010
Janelle Monáe live: 13. Dezember Köln, 14. Dezember Berlin, 15. Dezember Hamburg
ruk/reu/news.de
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