Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Von der Tagesschau zur Talkshow: Judith Rakers moderierte neben Giovanni di Lorenzo die Radio-Bremen-Talkrunde 3nach9. News.de hat zugeschaut und verrät, ob der blonden Nachrichtensprecherin der Rollenwechsel gelang.
Ja, sie freue sich, einmal richtig aus der Reihe fallen zu können, sagte Judith Rakers zu Beginn der Radio-Bremen-Talkshow 3nach9. Und ja, sie sei sehr aufgeregt. Als Gesprächsleiterin einer Talkrunde sah sich die blonde Nachrichtenfrau von der ARD-Tagesschau bislang noch nicht. An der Seite von Giovanni di Lorenzo durfte sie am Freitagabend dennoch ihr Debüt geben.
Dabei wurde aus der Not, nach dem überstürzten Abgang von Charlotte Roche über keine feste Ko-Moderatorin neben di Lorenzo mehr zu verfügen, ein weiteres Mal eine Tugend gemacht. Um die Zeit bis zur festen Nachfolgerin zu überbrücken, lädt der Sender wechselnde prominente Gastmoderatorinnen ein. Und darunter befinden sich längst nicht nur Frauen vom Fach. So führten vor Rakers bereits die Sopranistin Annette Dasch und die Schauspielerin Maria Furtwängler durch die 35 Jahre alte Gesprächsrunde. Fernsehköchin Sarah Wiener wird am 6. August folgen.
Rakers befindet sich also inmitten einer illustren Runde, für die Radio Bremen eigens das Motto «Sechs Freundinnen für 3nach9» ins Leben gerufen hat. Im Vorfeld der Sendung sprach sie von einer Gelegenheit, «abseits von kühl-nordischer Korrektheit ihre andere Seite zeigen zu können». «Interviews in der Tagesschau sind wie Vollkornbrot», sagte die Nachrichtensprecherin, «es geht um Inhalte und nicht um Genuss. Gespräche in 3nach9 aber dürfen durchaus auch Baisers sein oder Nougatpralinen und Kirschtorten.»
Holpriger und undankbarer Start
Baisers, Nougatpralinen oder gar Torten bekamen die Zuschauer der Talksendung nicht serviert. Dazu war Rakers zu angespannt. Da konnte auch di Lorenzo mit seinen Worten «Es wird ganz wunderbar» nicht viel verrichten. Und dann erwischte Rakers auch noch einen Gast zum Auftakt, dem sie nicht gewachsen war. Im Gespräch mit Manfred Breuckmann, ehemaliger Hörfunkmoderator und Sportreporter, gab sie unumwunden zu, in Sachen Fußball ein Laie, eine Frau zu sein. Breuckmann outete sich als Gegner von Public Viewing («Das ist eine Invasion der Ahnungslosen») und ließ wissen, dass er mit Leuten, die Philipp Lahm süß finden, auf keinen Fall ein WM-Spiel anschauen wolle. Nein, sie finde Lahm gar nicht süß, entgegnete Rakers. Ihr gefalle Diego Forlán, der Star der Mannschaft aus Uruguay.
Es ging undankbar weiter. Denn Pierre Brice, inzwischen 81 Jahre alt, verstand Rakers Fragen nicht. Oder wollte sie nicht verstehen, weil er möglicherweise keine Lust hatte, zum x-ten Mal über seine alte Rolle als Apachenhäuptling Winnetou zu reden. Und so quälte die Moderatorin sich, Brice und die Zuhörer durch das Gespräch, in dessen Verlauf der Schauspieler sich einmal hilflos an seine Frau (die im Publikum saß) wendete, um zu fragen: «Hella, was will sie wissen?».
Mit Paul Würdig alias Sido lief es zwar nicht glatt, aber besser. Zumindest erfuhr das Publikum: 10.000 Euro soll der Rapper an eine gemeinnützige Organisation zahlen, weil er Sandy Meyer-Wölden vor einem Jahr eine «Crack-Braut» nannte. So hat ein Gericht kürzlich entschieden. Er werde nicht zahlen, verriet Sido. Zuvor hatte er betont, dass man mit ihm immer ein vernünftiges Interview führen könne, und der verdutzten Rakers den Unterschied zwischen «Arschwasser» und «Sackwasser» erklärt, das sich «zwischen seinen Eiern und Beinen» sammle, weil es im Studio so heiß sei. Der Gangsta-Rapper kann nicht verstehen, warum das Böse-Bube-Image wie Klebstoff an ihm haftet. Er sei ein «ganz Normaler», der von einem Leben in einem Reihenhaus oder auf einem Bauernhof träumt.
Tiefgang ist nicht nur ein nautischer Begriff
Nicht nur für Rakers war dieser kurzweilige Plausch eine spürbare Wohltat. Auch di Lorenzo war erleichtert. Der routiniert-relaxte 3nach9-Hausherr, der sonst oft phlegmatisch bis übermüdet wirkte, sorgte mit seinem Gespräch mit Hanns-Josef Ortheil für den Höhepunkt des Abends. Vielleicht nicht gerade im Hinblick auf enge, stringente Gesprächsführung. Aber sehr wohl als echter Dialog mit Tiefgang. Ortheil, Autor und Professor für kreatives Schreiben, erzählte den gebannten und staunenden Zuhörern, wie er seine ersten Lebensjahre verbrachte: Weil seine Mutter nach einem schweren Schicksalsschlag ihre Sprache verloren hatte, blieb er bis zu seinem siebenten Lebensjahr stumm und dadurch ausgeschlossen von der Welt der «Normalen». Der Fußball brachte schließlich die Erlösung: Als Ortheil zwei Buben spielen sah, wollte er den Ball haben und sprach seine ersten Worte: «Gib her!» Derzeit lehrt er an der Universität Hildesheim kreatives Schreiben.
Während dieses Interviews dürfte Rakers gemerkt haben, dass es einen Unterschied gibt zwischen Fragen stellen und ein Gespräch führen. Schlussendlich wird sie froh sein, demnächst wieder in den Schoß ihrer Tagesschau-Familie zurückkehren zu dürfen. Nach einer festen Moderatorin neben di Lorenzo wird unterdessen weiter gefahndet.
cvd/news.de