Mo., 13.02.12
Südafrika 2010

WM-Fotograf Fixer Knipser

Von Marko Radloff

Artikel vom 09.07.2010

Fotojagd im Rekordtempo: Marcus Brandt begleitet als Fotograf die deutsche Nationalelf. Mit Teleobjektiv und Funktechnik liefert er sich einen wahnwitzigen Wettlauf um das beste und schnellste Bild. Ein Besuch am Spielfeldrand.

Marcus Brandt ist einer, dessen Arbeit man nicht unbedingt sieht, was er macht, dafür um so mehr. Brandt ist Fotograf und während der WM für die Deutsche Presseagentur (dpa) bei jedem deutschen Spiel in Südafrika dabei. Auch nach dem Aus der deutschen Elf bleibt Brandt bis zum Finale. Der Rückflug ist gebucht – für den Tag danach.

Sein Einsatz hinter der Werbebande beginnt schon weit vor Spielbeginn. «Die vier Stunden brauche ich, um mich in Ruhe auf das Event vorzubereiten», sagt Brandt, der mit dreißig Kilo Ausrüstung in die Arena kommt. Vier Kameras, Objektive, darunter ein 500-Millimeter-Teleobjektiv, das Notebook, Ersatzakkus, Speicherkarten, Akkuladegeräte.

In der vierstündigen Vorbereitungsphase baut Brandt seine Kameras zusammen: das schwere 500-Millimeter-Teleobjektiv ist wegen der schnellen Richtungswechsel und neunzig Minuten Dauereinsatz nicht ohne ein passendes Einbeinstativ denkbar. Er verbindet vorweg sein Notebook mit dem Internet. Auf der Rückseite der Werbebande findet jeder Fotograf einen Internetanschluss und eine Steckdose.
Jede seiner Kamera-Objektiv-Kombinationen entspricht einer Aufnahmesituation: Für Aufnahmen aus dem Spielfeldinneren nutzt Brandt das Teleobjektiv – eine lichtstarke Festbrennweite, die bei ausreichendem Licht kurze Verschlusszeiten möglich macht und damit Bewegungsabläufe in möglichst unverwischten Bildern festhält. Der kurze Tiefenschärfebereich sorgt für einen unscharfen Hintergrund.

Per Funk löst die Hintertorkamera aus

Für Aufnahmen aus dem Strafraum, dem Brandt näher ist, hält er eine Kamera mit 70-200 Millimeter Telezoom bereit. Hier muss neben der Entscheidung für den richtigen Moment auch noch die Entscheidung für den passenden Ausschnitt fallen. Diese Kamera ist mit der Hintertorkamera synchronisiert, die per Funksignal auch in dem Moment auslöst, in dem Brandt mit der 70-200 Millimeter Telezoom-Kamera ein Bild macht. Fliegt der Ball in den Strafraum, macht Brandt also mit jedem Auslösen zwei Aufnahmen: eine vom Spielfeldrand und eine Aufnahme aus der Hintertorperspektive. Dort allerdings ohne die Möglichkeit, noch irgendwelche Einstellungen vornehmen zu können.

Die Hintertorkamera stellt er vor dem Spiel an ihren vorgesehenen Platz und auf Empfang. Für alle akkreditierten Fotografen ist ein Kameraplatz hinter dem Tor reserviert. Während der WM flog auch schon eine dieser sündhaft teuren Digitalkameras samt Objektiv nach einem strammen Fehlschuss in hohem Bogen durch die Luft. Und um die Stadionatmosphäre einzufangen, hat Brandt noch eine Kamera mit Weitwinkelobjektiv im Gepäck.

Während eines Spiels macht Brandt bis zu 1500 Aufnahmen. Im ersten Moment eine scheinbar unüberblickbare Menge Bildmaterial. Aber es gibt Kniffe, auch eine solche Menge zu bewältigen. Und stellt man sich die Geschwindigkeit vor, mit der das Spiel abläuft, der kurze Augenblick, in dem aus Kameraposition und Spielkonstellation eine gelungene Aufnahme werden kann, wird man die reine Menge verstehen.

Frisch auf den Tisch der Bildredakteure

Sobald das Spiel angepfiffen ist, ist der Wettlauf um die besten Bilder eröffnet. Der Anpfiff ist auch das Signal an die Bildredakteure weltweit, ihre Kanäle auf Empfang zu stellen und für die Zeitungsausgabe des nächsten Tages oder die Onlineausgabe die ersten guten Bilder abzugreifen und in die Redaktionssysteme einzupflegen.

«Sobald ein paar Minuten gelaufen sind, schicke ich die ersten Bilder nach Johannesburg.» Dafür zieht Brandt den Speicherchip an seiner Kamera und steckt ihn in das Notebook. Die Software erkennt das vorhandene Material – Brandt hat die Bilder bereits mit Hilfe einer Kamerafunktion markiert, getaggtautomatisch mit Schlagworten versehen und damit eine Vorauswahl der wichtigsten Bilder getroffen.

Mit einem einzigen Klick leert die Software die Speicherkarte, fügt die Bilder auf dem Notebook in die bereitstehende Datenbank ein und verschickt die besten, die von Brandt markierten Bilder, an einen der Bildredakteure, die während der WM für die dpa-Fotografen in Johannesburg arbeiten. Die sichten das ankommende Material noch einmal und betexten die Fotos. Die Bildinformationen müssen stimmen: um welches Spiel es sich handelt, welche Spieler auf dem Foto zu sehen sind und bei welchem Verein sie sonst kicken, wie der Schiedsrichter heißt und in welcher Spielminute die Aufnahme entstanden ist. Das Ganze darf nur wenige Augenblicke dauern und bereits drei Minuten nach Spielbeginn sind die Bilder vom Spiel bei der dpa zu bekommen.

All dies passiert während des Spiels dauernd. Die bildhungrigen Kanäle werden so permanent mit ausreichend Futter versorgt. Die Bilder aus der Hintertorkamera holt Brandt in der Spielzeitpause, wählt sie aus und versendet sie in gleicher Weise.

Noch schnellere Bilder?

Ist die Geschwindigkeit noch zu steigern? «Aber ja», erläutert Brandt, «auch wenn die Bilder schon heute quasi sofort verfügbar sind, lässt sich die Geschwindigkeit noch erhöhen – das folgt ganz einfach aus der Permanenz, mit der technische Neuerungen hinzukommen. Und wir müssen da hinterher sein, müssen uns als Fotografen auch entwickeln.» Es ist ein bisschen wie bei einem Wettrüsten: Wer heute noch auf Film fotografieren würde und seien es die brauchbarsten Bilder – der hätte den Kampf längst verloren.

Das perfekte WM-Foto? «Die alles entscheidende Spielszene ablichten oder den Jubel in einem absolut überzeugenden Moment einfangen», sagt Marcus Brandt, «und dann als einziger Fotograf mit diesem Bild rauskommen.»


Dies ist eine überarbeitete Fassung dieses Beitrags bei Bildwerk3.de – Onlinemagazin für Fotografie und Fotografen.

ruk/ivb/news.de
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WM-Fotograf: Fixer Knipser » Medien » Nachrichten

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