Von news.de-Mitarbeiter Paul Salisbury
Ricky Gervais stieg innerhalb von drei Jahren vom gefeuerten Radiomoderator zur neuen Lichtgestalt der britischen Fernseh-Comedy auf. Mit seinem Humor der Marke «bitter» prägte er TV-Comedy-Formate weltweit. Nun will er damit auch das Kino erobern.
Den Chef nachäffen. Was in Millionen Büros tagtäglich von Angestellten praktiziert wird, machte ein Mann zum wohl erfolgreichsten Comedy-Konzept der letzten Jahre. Ricky Gervais parodierte seinen nervigen früheren Vorgesetzten vom Radio für einen Kurzfilm seines Freundes Stephen Merchant.
Der Film landete bei der BBC, die daraus zunächst eine gewöhnliche Büro-Sitcom machen wollte. Doch Gervais und Merchant brachten stattdessen The Office auf die Mattscheibe, eine pseudo-dokumentarische, bissige Alltagssatire um einen Chef, der gern auf Kumpel und Komiker macht, stets aber nur die unfreiwilligen Lacher erntet. Gervais verkaufte die Serie mehrfach ins Ausland. So kam Deutschland zu Stromberg und die Welt zu einem neuen britischen Comedy-Star, der nicht zu Unrecht mit Größen wie den Pythons oder Rowan Atkinson verglichen wird.
Doch obwohl Gervais’ Humor der schwärzeren Sorte durchaus in bester britischer Tradition steht, so kennzeichnet seinen Stil doch etwas radikal Neues. Etwas, was der amerikanische Rolling Stone vor einigen Jahren ziemlich treffend als «das neue Peinlich» («the New Awkward» ) der Fernseh-Comedy bezeichnete. Denn was Gervais mit The Office etablierte und seiner zweiten Serie Extras perfektionierte, ist weit entfernt von der Überzogenheit der Monty-Python-Sketche und dem Slapstick eines Mr. Bean.
Gervais setzt nicht auf Pointe, sondern auf Pause, und zwar jene der unangenehmen Sorte. Immer wieder lässt er seine Protagonisten, die meist er selbst spielt, in die sozialen Brennpunkte des Alltags tappen und dort so richtig schmoren. Ob als David Brent, der unausstehliche Boss aus The Office, der sich so gern als Gutmensch inszeniert, nur um von seinem Schöpfer immer wieder in peinlichsten Situationen als heuchlerischer Sexist und Rassist bloßgestellt zu werden, oder als Andy Millman, der eigentlich sympathische Statist aus Extras, dem auf seiner Jagd nach einer Sprechrolle immer wieder ein Lapsus in Form politischer Unkorrektheiten in die Quere kommt: Gervais lässt seine Figuren stets gnadenlos auflaufen und ergötzt sich dann in sekundenlangen unangenehmen Pausen an deren Missgeschicken. Das «neue Peinlich» hat es in sich. Neu daran ist natürlich nicht, dass sich Leute zum Deppen machen. Dieser Bestandteil ist so alt wie der erste Höhlenmensch, der sich vor versammeltem Stamm am Lagerfeuer das Fell verbrannte.
Revolutionär ist vielmehr das Wie. Was bei der neuen Form der «Deppenbloßstellung» fehlt, ist nämlich der so genannte «Comic Releaf», der erlösende Moment, der signalisiert: Jetzt darf gelacht werden. In der US-Sitcom wird er meist vom Band vorserviert, in klassischen Sketchen durch das Abliefern der Pointe ausgelöst. Der Gag wird angezeigt, ein Schlagwort oder eine Geste des Komikers markiert ihn eindeutig am Szenenschluss. Großhirn sendet Signal ans Zwerchfall. Lachen.
Indem Gervais seine Charaktere meist in einem Kosmos der politischen Überkorrektheit agieren lässt, sie dabei als echte Trampeltiere inszeniert und ihnen dann statt des erleichternden Lachers die unangenehme Pause aufzwingt, geht der Witz nicht auf Kosten nur einer Partei. Gervais’ Satireschwert ist zweischneidig: Er veralbert eben nicht nur die meist egoistisch agierenden Deppen sondern die Welt und ihre oft künstlichen Normen des korrekten Miteinanders gleich mit. Ein Witz auf Kosten aller. Diese «Mehrwertigkeit» des Witzes führt allerdings auch dazu, dass mancher Zuschauer nicht so recht weiß, ob er nun lachen oder vor Fremdscham winseln soll.
Gervais’ Humor ist nicht jedermanns Sache. Das weiß Gervais. Und er fühlt sich wohl in seiner Rolle als Provokateur und Spalter. Außerdem hat er Kritikern, die seine Gags mitunter als geschmacklos und grausam verurteilen, ein schlagendes Argument voraus: Niemanden nimmt Ricky Gervais so erbarmungslos auf die Schippe wie sich selbst. Er ist ein Bühnenmasochist, und dazu einer mit einer gewaltig hohen Schmerzgrenze. So vermag er es, der unangefochtene König dieser neuen Art der Comedy zu bleiben, auch wenn er selbst mittlerweile Celebrity und Multimillionär ist und damit zu jener Elite gehört, die er früher als aller erstes mit heftigen Spitzen malträtierte.
Im Fernsehen hat Gervais alles erreicht: Seine Serien The Office und Extras haben an Auszeichnungen gewonnen, was es auf der Insel zu gewinnen gibt und sogar überm großen Teich bei den Golden Globes abgeräumt. Seine Stand-Up-Shows, Podcasts und Serienableger sind weiterhin hoch gefragt und er hat mit den Flanimals sogar eine eigene Kindbuchreihe zum Bestseller gemacht.
Doch Ricky will mehr. Wie so viele vor ihm will er nun auch Hollywood erobern. Nach mehreren kleinen Rollen in großen Studiofilmen gab er kürzlich sein Regiedebüt fürs Kino. Die Hauptrolle spielt natürlich er, aber auch für die Nebenrollen standen die Stars Schlange: Jennifer Garner, Phillip Seymour Hoffman, Edward Norton, sie alle wollten mitmachen und sich bei Lügen macht erfinderisch Rickys peinlichen Pausen ausliefern.
Leider zogen weder die Stars noch die originelle Prämisse eines Mannes, der in einer Welt ohne Lügen letztere erfindet, viele Zuschauer in die amerikanischen und britischen Kinos, weshalb die Komödie auch erst diesen Donnerstag (8. Juli 2010) mit fast einem Jahr Verspätung nach Deutschland kommt. Aber selbst, wenn der Witz seiner ersten Spielfilmkomödie auch hierzulande nicht zünden mag: Gervais hat längst das nächste Eisen im Feuer und liefert mit Cemetery Junction im Oktober seine zweite Regiearbeit gleich nach. Peinliche Pausen kommen für den König der Fettnäpfe nämlich allein in seinen Werken vor.
cvd/news.de
Ein toller Text. Ich kannte Ricky Gervais bislang nicht - doch der Verfasser dieses Artikels hat mich neugierig gemacht. Man merkt ihm seine persönliche Bewunderung für den Komiker deutlich an. Da springt der Funke beim Leser über. Also, ich werde ins Kino gehen!
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