Eine Frage des Vertrauens
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 07.07.2010
Die Twitter-Frage «Was passiert gerade?» bekommt Konkurrenz. Immer mehr Internet-Nutzer beantworten freimütig die Frage «Wo bist du gerade?» und die Werbebranche wittert schon das Geschäft ihres Lebens. Datenschützer jedoch sehen die Entwicklung mit Grausen.
Monty D. ist Bürgermeister in Berlin – nicht in der Politik, aber bei Foursquare, einem Online-Dienst, der ihm diesen Titel (bei Foursquare heißt das «Mayor») verliehen hat. Monty D.s Amtssitz: ein McDonalds-Restaurant am Alexanderplatz. Dreimal ist er bisher hier gewesen und hat sich über Foursquare eingeloggt, sprich: anderen Nutzern mitgeteilt, dass er da ist. Damit ist er Spitzenreiter. Doch vielleicht kommt schon morgen jemand daher und «ousted» Monty, verdrängt ihn, indem er sich zum vierten Mal einloggt. Aufstieg und Fall liegen bei Foursquare dicht beieinander.
Das Prinzip der Geodaten-Dienste wie Foursqaure, Gowalla, Brightkite, Plancast, Loopt, Google Latitude oder dem im März gestarteten deutschen Netzwerk Friendticker ist simpel: Beispielsweise über GPS-fähige Smartphones teilen die Nutzer Freunden und Kontakten des jeweiligen Netzwerks mit, wo sie sich gerade aufhalten, manche verknüpfen diese Dienste auch mit Facebook oder Twitter. Das kann skurrile Formen annehmen: So reiste Parker Liautaud, Schüler des Elite-Internats Eton, kürzlich per Helikopter an den Nordpol, um bei Foursquare das «Last-Degree»-Abzeichen zu ergattern, für den ersten Eintrag am nördlichsten Breitengrad. Es ist bis jetzt seine einzige Aktion in diesem Netzwerk geblieben. Es ging um die Ehre.
Andere wiederum nutzen solche Dienste, um Bekannte wissen zu lassen, wo sie sich aufhalten, ihnen Empfehlungen etwa für Restaurants, Museen, Geschäfte, Clubs oder Kneipen zu geben und sie eventuell zu treffen. Daneben sind die Abzeichen, die so genannten Badges, wie sie etwa Foursqaure verteilt, eine Form der Anerkennung. Wer schon an mehr als zehn Orten eingecheckt hat, darf sich «Adventurer» nennen, Abenteurer. Vier Orte in einer Nacht machen einen User «crunked», ein Slangwort, dass sich aus crazyverrückt und drunkbetrunken zusammensetzt.
Der Weg in die Geosklaverei
Die Werbeindustrie versetzt all das in Verzückung. Für sie sind die ortsbasierten Dienste, die «Location Based Services», das nächste große Ding im Netz, versprechen sie doch ganz neue Möglichkeiten, Werbung nicht nur personen-, sondern auch ortsbezogen zu schalten. Und schon heute finden etwa mobile Google-Nutzer bei der Produktsuche passende Anzeigen von Läden in der Nähe. Einem Bericht der Süddeutschen Zeitung zufolge rechnet das Marktforschungsunternehmen Juniper Research damit, dass der Umsatz solcher Dienste bis 2014 weltweit auf etwa 10 Milliarden Euro steigen wird. Und so startete im Mai mit loca.li bereits die nächste Plattform in Deutschland. Sie befindet sich jedoch noch in der geschlossenen Beta-PhaseTest-Phase , die nächsten Einladungen sollen Anfang August verschickt werden.
Erste Unternehmen nutzen entsprechende Dienste bereits zur Kundenbindung. Wer etwa via Foursquare fünfmal in einer Filiale der Kaffeekette Starbucks eincheckt, bekommt den so genannten «Barista Badge». Der hat zwar derzeit noch keinen praktischen Nutzen für die Kunden, doch das könnte sich schnell ändern, sagte Starbucks-Vize Chris Bruzzo doch kürzlich, sein Unternehmen wolle den Dienst künftig intensiver nutzen. Und schon heute bekommen die «Bürgermeister» von Starbucks-Filialen in den USA ihren Frappucino für einen Dollar weniger und auch Unternehmen wie Pepsi oder Warner haben mit dem Start-Up bereits Partnerschaften geschlossen.
Für Kritiker jedoch sind Dienste wie dieser ein Horror. Jerome Dobson und Peter Fisher von der Oregon State University haben dafür den Begriff «Geoslavery» geprägt – Geosklaverei, und nicht wenige Datenschützer sorgen sich um die Privatsphäre der Nutzer. Andere jedoch sehen eher einen Wandel und eine veränderte Sichtweise darauf und viele Nutzer lassen die Befürchtungen ohnehin kalt. Knapp zwei Millionen Menschen sind bis heute allein bei Foursquare angemeldet.
Wer gewinnt den «Location War»?
Bei diesem Hype ist es kein Wunder, dass auch die derzeit umtriebigsten Unternehmen im Netz ein Auge auf die Geo-Dienste geworfen haben. Google ist mit Latitude schon länger in das Geschäft eingestiegen, Twitter hat nach dem Kauf der Geodaten-Firma Mixer Labs im Dezember erst im Juni einen Vorstoß in diese Richtung gemacht: mit dem Places-Feature, das es erlaubt, Tweets mit einer eindeutigen Ortsmarke zu versehen. Doch auch den praktischen Nutzen haben die Anwender bereits erkannt. So hat Google gerade erst seine Schnittstelle «Elevation Service» für Google Maps vorgestellt, mit der für einen Streckenverlauf auf der Karte das entsprechende Höhenprofil angezeigt werden kann. Ein Service, der einmal Wanderern oder Mountainbikern helfen soll.
Und auch Facebook, der Platzhirsch unter den sozialen Netzwerken, soll an einer Lösung für seine mehr als 400 Millionen Nutzer arbeiten, von denen nicht wenige sehnlich darauf warten, «endlich über die Facebook-Applikation meines iPhones angezeigt zu bekommen, welche meiner Kontakte in der Nähe sind», wie Martin Weigert für netzwertig.com, schreibt. «Immerhin muss ich dann gar nicht erst jemandem danach fragen, ob wir ein Bierchen trinken gehen sollen, wenn dieser sich ohnehin gerade 1000 Kilometer entfernt befindet. Oder aber ich kann mich spontan mit einem Kontakt zum Kaffee verabreden, der zufällig gerade in unmittelbarer Nähe ist.»
Der Journalist Nico Luchsinger von der Neuen Zürcher Zeitung ist sich, obwohl es noch gar nicht so weit ist, sogar jetzt schon sicher, dass Facebook den «Location War» gewinnen wird. Seine schiere Größe werde garantieren, dass die Mehrheit der ortsbezogenen Informationen dort ausgetauscht würde. «Twitter wird sich in einer Nische halten können; aber die aktuellen Lieblinge der Technologie-Szene, Foursquare und Gowalla, werden einen schweren Stand haben. Schon jetzt wären die Dienste ohne die Integration von Facebook und Twitter ziemlich nutzlos. Für die Startups wäre es wohl Zeit, sich auf die Suche nach einem Käufer zu machen.»
«Bitte raub mich aus»
Dass diese Dienste jedoch unabhängig von Datenschutzbedenken eine Kehrseite haben, zeigte Anfang des Jahres die niederländische Internetseite Please Rob Me (Bitte raub mich aus). Diese sammelte alle Nachrichten aus Netzwerken wie Twitter oder Foursquare, die Geo-Daten enthielten und veröffentlichte sie. Somit konnten selbst Fremde sehen, wenn jemand nicht zu Hause war. Es sei jedoch nie das Ziel gewesen, dass Menschen wirklich ausgeraubt würden, teilten die Betreiber Barry Borsboom, Boy van Amstel und Frank Groeneveld mit. Sie hätten lediglich Aufmerksamkeit für ein Thema erreichen wollen, das ihnen am Herzen liegt. Das sei inzwischen erreicht und so wurde der Dienst vorerst wieder eingestellt.
Auch in der deutschen Politik stoßen die neuen Technologien auf Skepsis. Jüngstes Beispiel: Apple. Erst kürzlich hatte der Konzern seine Datenschutzrichtlinie neu formuliert, in der es nun heißt: «Um standortbezogene Dienste auf Apple-Produkten anzubieten, können Apple und unsere Partner und Lizenznehmer präzise Standortdaten erheben, nutzen und weitergeben, einschließlich des geografischen Standorts Ihres Apple-Computers oder Geräts in Echtzeit. Diese Standortdaten werden in anonymisierter Weise erhoben, durch die Sie nicht persönlich identifiziert werden.» Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) hatte daraufhin das Unternehmen aufgefordert, alle gesammelten Daten unverzüglich offenzulegen.
Was Apple mit diesen Daten überhaupt anfangen will, wird noch diskutiert. Erste Spekulationen gehen in Richtung einer neuen Unternehmenssparte, die Steve Jobs Anfang Juni vorgestellt hatte: der Werbeplattform iAd, mit der Apple bis zum dritten Quartal die Hälfte des mobilen Werbemarktes besetzen will. Und der ist nicht nur heiß umkämpft, er befindet sich zudem noch im Umbruch. Ibrahim Evsan, einer der SevenloadSevenload ist eine Internet-Plattform zur kostenlosen Verwaltung von Multimedia-Inhalten wie Musik oder Videos. -Gründer, schrieb kürzlich für den European: «Ich gehe jetzt nicht mehr hin und suche mit Qype irgendeine Pizzeria. Ich kann das jetzt wesentlich einfacher machen, indem ich frage, welche Pizzerien meine Freunde mögen.» Und das verändere den Werbemarkt vor Ort, alles werde vertrauter, emotionalisierter. «Ich soll Vertrauen gewinnen. Dann stelle ich meine Meinung, im Endeffekt auch Daten von mir, gerne im Netz ein.» Bis jetzt geht diese Rechnung offenbar auf.
ruk/ivb/news.de
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