So., 27.05.12

«Medialer Tsunami» 30.06.2010 Kachelmanns Anwalt geht in die Offensive

Birkenstock (Foto)
Reinhard Georg Birkenstock, Anwalt des der Vergewaltigung verdächtigten Jörg Kachelmann. Bild: ap

Von Jochen Neumeyer

Nach 100 Tagen Untersuchungshaft attackiert die Verteidigung von Jörg Kachelmann nun die «Mannheimer Justiz». Sie heizt die Auseinandersetzung in einem Fall an, der nicht nur vor Gericht, sondern auch intensiv über die Medien verhandelt wird.

Reinhard Birkenstock, Anwalt von Jörg Kachelmann, spricht von einem «Justizskandal» - und äußert in einer Pressemitteilung einen geradezu ungeheuerlichen Verdacht: Die Verteidigung habe «dringenden Anlass zu der Befürchtung, die Mannheimer Justiz schütze durch die Aufrechterhaltung des Haftbefehls gegen Herrn Kachelmann die Täterin einer Falschbeschuldigung».

Die Fakten: Eine ehemalige Geliebte beschuldigt den Wettermoderator der Vergewaltigung. Die Details klingen überaus brutal. Kachelmann soll sie mit einem Küchenmesser bedroht und am Hals verletzt haben, erklärte die Frau. Er soll gedroht haben, sie umzubringen. Wie so oft in Vergewaltigungsfällen steht oder fällt der Vorwurf mit der Glaubwürdigkeit des Opfers. Kachelmann hat die Anschuldigungen stets bestritten.

Letztlich ist es die Aufgabe des Gerichts, die Aussagen des mutmaßlichen Opfers und Kachelmanns zu beurteilen. Bislang hat das Gericht aber noch nicht darüber entschieden, ob es die Anklage für überzeugend genug hält, um die Hauptverhandlung zu eröffnen. Derweil wird in den Medien über die Glaubwürdigkeit der Frau diskutiert.

Anwälte wollen Verfahren über öffentliche Meinung beeinflussen

Der Spiegel und Die Zeit haben in langen Artikeln über psychologische Gutachten berichtet, welche angeblich zu dem Schluss kommen, das mutmaßliche Opfer berichte «zum Teil Unwahrscheinliches bis Unmögliches». Die Staatsanwaltschaft erwiderte, die Journalisten hätten wohl nur Teile der Gutachten gesehen. «Das komplette Gutachten stützt die Anklage», sagt der Sprecher der Mannheimer Staatsanwaltschaft.

Doch können dürre Erklärungen einer Behörde den Eindruck korrigieren, den acht Seiten im Spiegel erzeugen? Wer genau die Gutachten an Medien weiter gab, ist nicht klar. Die prozessbegleitende Öffentlichkeitsarbeit hat sich unter der Bezeichnung «Litigation PR» in den vergangenen Jahren zu einem neuen Geschäftsfeld mancher Anwälte entwickelt. Sie versuchen, den Ausgang des Verfahrens über die öffentliche Meinung zu beeinflussen oder aber wenigstens zu verhindern, dass ein Prozess allzu verheerende Auswirkungen auf den Ruf ihrer Mandanten hat.

Die Anwälte Kachelmanns hätten sich «die Medien insofern zunutze gemacht, als dass hoher Nachrichtendruck bestand und es keine neuen Nachrichten gab», sagt der Hannoveraner Rechtsanwalt Tobias Gostomzyk, selbst Experte für Litigation-PR. «Allerdings verfolgen die Medien das eigene Interesse, eine gute Geschichte zu haben, die letztendlich eine Unterhaltungsgeschichte ist - das hilft nicht unbedingt der Wahrheitsfindung.»

«Eine Katastrophe, wie diese Sache in der Öffentlichkeit verhandelt wird»

Der Berliner Medienanwalt Christian Schertz sagt, die Staatsanwaltschaft habe bei ihrer Pressearbeit die Persönlichkeitsrechte Kachelmanns nicht ausreichend geschützt. Es bestehe eine «Fürsorgepflicht» des Staates gegenüber dem Beschuldigten. Selbst die bloße Bestätigung, dass sich ein Prominenter in Haft befinde, könne «einen medialen Tsunami verursachen, der zu Beeinträchtigungen führt, die sich nicht wiedergutmachen lassen».

Doch auch die Rolle der Ermittler ist nicht einfach. Die Mannheimer Staatsanwaltschaft sei nicht von selbst in die Öffentlichkeit gegangen, betont deren Sprecher Oskar Gattner. Schon zwei Tage nach der Verhaftung hätten die Medien gefragt, ob Kachelmann in Haft sitze. «So etwas bleibt nicht geheim.» Gattner bleibt nur ein bitteres Fazit: «Es ist eine Katastrophe, wie diese Sache in der Öffentlichkeit verhandelt wird. Nicht nur für Herrn Kachelmann, sondern auch für die Geschädigte und ihre Familie.»

cvd/hav/news.de/dpa
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Ottilie
  • Kommentar 1
  • 30.06.2010 20:37
 

Lt. Herrn Gattner, Sprecher der Mannheimer Staatsanwaltschaft, erfolgten 2 Tage nach der Verhaftung Anfragen von den Medien, ob Jörg Kachelmann in Haft sitze? Vielleicht hätte Herr Gattner einmal Zeitung lesen sollen! Lt. Schwetzinger Zeitung (www.morgenweb.de) vom 23.03.2010 war es in deren Redaktion aufgrund der sofort eingeleiteten Recherchen nach Eingang der Pressemitteilung der Mannheimer Staatsanwaltschaft(!!!) schon nach 1 Stunde klar, dass sich es um um den bekannten Wetterfrosch und Fernsehmoderator Jörg Kachelmann handelte. Aber das passt wohl zur Arbeitsweise der Staatsanwaltschaft.

jetzt antwortenKommentar melden
Kommentar schreiben Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig
Kommentar  
Ihr Name
Ihre Emailadresse
Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld darunter.
'6Ld52csSAAAAAKTxfdwmi0Ay4Tjghi64k3PAcWrj'

«Medialer Tsunami»: Kachelmanns Anwalt geht in die Offensive » Medien » Nachrichten

URL : http://www.news.de/medien/855063362/kachelmanns-anwalt-geht-in-die-offensive/1/

Schlagworte:

Anklage , Anlass , Anschuldigungen , Anwälte , Artikeln , Aufgabe , Aufrechterhaltung , Ausgang , Ausreichend , Aussagen , Auswirkungen , Beeinträchtigungen , Befürchtung , Behörde , Berliner , Beschuldigten , Bestätigung , Bestehe , Betont , Bezeichnung , Birkenstock , Bitteres , Cardoso Derweil , CvD , Derweil , Details , Diskutiert , Eindruck , Entwickelt , Erklärungen , Ermittler , Experte , Fakten , Falschbeschuldigung , Familie , Fazit , Florenz Anlass , Führt , Fürsorgepflicht , Gattner , Geliebte , Gericht , Gerichts , Geschädigte , Geschäftsfeld , Geschichte , Glaubwürdigkeit , Gutachten , Haft , Haftbefehls , Hals , Hannoveraner , Hans Jörg , Hauptverhandlung , Herrn , Interesse , Isabelle Prévost-Desprez , Jahren , Jochen Alexander , Jochen Grönegräs , Jochen Hecht , Jochen Homann , Jochen Käß , Jochen Lübke , Jochen Schimmang , Jochen Zippel , Jörg Asmussen , Jörg Bodanowitz , Jörg Bode , Jörg Chittka , Jörg Dräger , Jörg Feldmann , Jörg Fiedler , Jörg Hartmann , Jörg Kleine-Tebbe , Jörg Matheis , Jörg Müller , Jörg Müller-Lietzkow , Jörg Pötke , Jörg Schieb , Jörg Schönenborn , Jörg Werner , Jörg Wienke , Journalisten , Justiz , Kachelmann , Kachelmanns , Katastrophe , Komplette , Korrigieren , Küchenmesser , Mandanten , Mannheimer , Medien , Medienanwalt , Meinung , Nachrichten , Öffentliche , Öffentlichkeit , Öffentlichkeitsarbeit , Opfer , Opfers , Oskar Kosche , Oskar Niedermayer , Persönlichkeitsrechte , PR , Prés , Pressemitteilung , Prévost-Desprez , Prominenter , Prozess , Psychologische , Rechtsanwalt , Reinhard Appel , Reinhard Backer , Reinhard Brock , Reinhard Burger , Reinhard Clemens , Reinhard Moll , Richter Gericht , Rolle , Ruf , Sache , Schertz , Schluss , Selina Jörg , Spiegel , Sprecher , Staates , Staatsanwaltschaft , Tage Beispiele , Tage Bestand , Täterin , Teil , Thomas Jörg , Tobias Hase , Tobias Helwig , Tobias Kaehne , Tobias Kempe , Tobias Kreuzmann , Tobias Levels , Tobias Morgenstern , Tobias Preuß , Tobias Rehberger , Tobias Rüster , Tobias Schilk , Tobias Welte , Tobias Werner , Tobias Willers , Tsunami , Überzeugend , Unmögliches , Verdacht , Verfahrens , Vergewaltigung , Vergewaltigungsfällen , Verhaftung , Verhandelt , Verheerende , Verteidigung , Verursachen , Vorwurf , Wahrheitsfindung , Wettermoderator , Zacharias Details , Zeit ,
Wir empfehlen
Anzeige
Facebook
Twitterbox
Follow Us!
Anzeige