«Einen Tag lang gehört uns die ganze Welt»
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 01.07.2010
Es soll ein «einmaliges Medien-Experiment» werden: 20 Blogger und «Online-Publizisten» übernehmen die Welt Kompakt. Ein Projekt, das mit Debatten um Honorare, redaktionelle Freiheiten und das Image des Springer-Verlags für Wirbel gesorgt hat.
Schon die Überschrift hat einen Schönheitsfehler. «Blogger machen Zeitung» steht da, und nicht nur muss man unwillkürlich an Bildungsprojekte wie «Schüler machen Zeitung» denken, es gibt auch noch einen anderen Haken: Eigentlich nämlich hatte sich die Welt Kompakt nicht nur Blogger eingeladen, um die erste Juli-Ausgabe von ihnen gestalten zu lassen, sondern auch Wikipedianer, Amazon-Rezensenten, Facebook-Entertainer, Qyper und Twitterer. Eine bunte Truppe.
«Viele Journalisten der traditionellen Medien sehen die Autoren im Web als Bedrohung für ihren Berufsstand und die Qualität der Information», schrieb Frank Schmiechen, stellvertretender Chefredakteur der Welt Kompakt, dazu. «Viele Blogger sehen dagegen Zeitungen und Zeitschriften als Dinosaurier, die schon bald aussterben werden.» Und so belauern sich manche Vertreter der einen oder anderen Seite und warten sehnsüchtig auf Fehler des Gegenübers.
Bei der Aktion der Welt Kompakt mussten zumindest die Blogger nicht lange warten. Schon der erste Schritt war ein Tritt ins Fettnäpfchen, fand es doch nicht jeder der eingeladenen Blattmacher lustig, dass der Springer-Verlag, der im vergangenen Jahr immerhin einen Umsatz von gut 2,6 Milliarden und einen Gewinn von knapp 153 Millionen Euro gemacht hatte, zwar die Dienste der Internetnutzer in Anspruch nehmen, dafür aber nichts zahlen wollte.
«Ein Minusgeschäft»
So schrieb der Blogger Deef Pirmasens (bekannt unter anderem durch die Hegemann-Affäre), nachdem er von der Redaktion eine Einladung bekommen hatte: «Dann erfuhr ich auf Nachfrage, dass die Welt Kompakt zwar gerne meine Arbeitsleistung zur Befüllung ihrer Spezialausgabe hätte, dafür aber nichts bezahlen möchte. Ich als Freiberufler verlöre einen Tagessatz meines regulären Medienjobs – ein Minusgeschäft also.» Komisch, dass die Zeitung ihm das zumuten wolle, habe er doch gedacht, man habe ihn eingeladen, weil man ihm «eine gewisse Wertschätzung» entgegenbringe.
Nach einigem Hin und Her und diversen entrüsteten oder auch verständnisvollen Blogeinträgen und Kommentaren jedoch änderte die Welt Kompakt schließlich ihre Marschrichtung. Zunächst hieß es, man habe selbstverständlich und von vornherein ein Honorar zahlen, das jedoch nicht in den Mittelpunkt stellen wollen, weil man Leute gesucht habe, «die in erster Linie am Experiment selbst interessiert sind». Später dann teilte die Axel Springer AG mit, dass jeder Blogger «nach den in der Welt-Gruppe für freie Mitarbeiter üblichen Honorarsätzen» bezahlt werde.
Die viel wichtigere Frage aber war wohl, welche Erkenntnisse sich aus einer solchen Kooperation ziehen lassen. «Vielleicht stellen wir und Sie als Leser am Ende fest, dass die Welten von Druck und Web gar nicht so verschieden sind», schrieb Frank Schmiechen. Nachdem jedoch der Blogger und Werber Sascha Lobo kürzlich einen Tag die Chefredaktion der Rhein-Zeitung übernehmen durfte, und die meisten Reaktionen ernüchternd ausfielen, dürfte diese Hoffnung nicht allzu oft geteilt werden.
«Wir schreiben nicht für Springer, sondern aus Spaß»
So schrieb der Journalist Christian Jakubetz darüber: «Erst fand ich den Gedanken, Sascha Lobo das Blatt für einen Tag zu überlassen, ganz interessant. Nach dieser Ausgabe bin ich mir nicht sicher, wer ihn gebremst hat. Er sich selbst, die Redaktion, oder etwa doch der ‹richtige› Chefredakteur? Die Anzeigenabteilung, die Verleger?» Natürlich habe es ihn gestört, dass das Resultat «so fuchtbar erwartbar» gewesen sei. Aber richtig enttäuscht habe ihn, «dass es nicht gelungen ist, eine Art Überlebensweg für regionale Blätter aufzuzeigen. Nur weil man im Mantel jetzt mehr Online-Themen fährt, ist das noch kein Beleg für mehr Relevanz. Und speziell von Lobo-LindnerDer Chefredakteur der «Rhein-Zeitung» heißt Christian Lindner. hatte ich mir noch mehr Mut, mehr radikales Umdenken gewünscht.»
Die Aktion der Welt Kompakt sehen einige der Beteiligten nicht ganz so dramatisch. Blogger Michael Kausch etwa, der zu der Debatte schrieb: «Einen Tag lang gehört uns nun die ganze Welt, oder doch wenigstens die kompakte. Dafür muss man uns nichts zahlen, denn wir schreiben am 30. Juni nicht für Springer oder die liebe Welt-Kompakt-Redaktion, sondern aus Spaß.» An Reputation würden die Blogger durch die Aktion zwar nicht gewinnen, die reflexartigen Rufe, Springer dürfe man sich nicht anbiedern («‹Wir bloggen nicht für Springer› = Jugendsprache für ‹Enteignet Springer›»), seien heutzutage jedoch nicht mehr gerechtfertigt. «Das einzige, was die Welt Kompakt mit der Bild-Zeitung der späten 60iger Jahre verbindet, ist die Tatsache, dass sie schwarz auf weiß drucken», so Kausch.
Die Fragen jedoch, wie viel die «Online-Publizisten» selbst würden schreiben dürfen, wie viele Freiheiten die Redaktion für einen Tag bekommt, wurde im Vorfeld heiß diskutiert. Zwar hatte die Welt Kompakt – die sonst von einer Handvoll Redakteuren und zu großen Teilen den Springer-Volontären befüllt wird – dazu geschrieben, sie überlasse den 20 Usern die Redaktion «inklusive der Verantwortung für die redaktionellen Inhalte», doch schrieb der Medienprofessor Horst Müller (allerdings bevor klar war, dass ein Honorar gezahlt werden würde) skeptisch, der Blogger Sachar Kriwoj (der auch zwei Videos in der Redaktion gedreht hat) habe seine Leser zwar dazu aufgefordert, Themen einzureichen, die dann am 30. Juni umgesetzt werden könnten, doch werde es wohl in der Springer-Redaktion nicht ganz so freigeistig zugehen, wie an manchem Blogger-PC: «Einen Vorgeschmack in Sachen begrenzter Blogger-Freiheit dürfte Sachar Kriwoj bereits erhalten, wenn er Welt Online aufruft: Ausgerechnet zum Beitrag «Gebt her eure Themenvorschläge», der sich mit dem Engagement Kriwojs für die Aktion beschäftigt, wurde der Kommentarbereich geschlossen. So genau will man in der Springer-Redaktion wohl doch nicht wissen, was Blogger und Leser von der PR-Aktion in der honorarfreien Zone halten.»
Immerhin: «Fünf einfache Regeln» hatte die Welt-Kompakt-Redaktion für ihre Gäste aufgestellt, die von «Du sollst werten» bis «Schreibe offline wie online: Sei, wer Du bist» reichten. Nur Regel vier hätte man leicht falsch verstehen können: «Die Themen der Zeit sind Deine Themen.» War aber wohl kein Aufruf zum Abschreiben.
Heute liegt sie an den Kiosken, die Scroll-Edition der Welt Kompakt. Was wir davon halten, sehen Sie in unserer Video-Blattkritik. Doch bilden Sie sich auch Ihre eigene Meinung über das Experiment – und sagen Sie uns, was Sie denken, in den Kommentaren oder per Mail: medien@news.de.
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