«Night Work» Von Huren, Exzessen und Gladiatoren

Scissor Sisters (Foto)
Scissor Sisters: Night Work. Bild: Universal

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
I Don't Feel Like Dancin' war ein Hit. Doch in den vergangenen vier Jahren wurde es immer stiller um die Scissor Sisters, die sogar kurz vor der Trennung standen. Nun ist ihr drittes Album erschienen - eine denkwürdige Mischung aus Disco, Funk und Glam-Rock.

Sex, Sex, Sex, – wohin das Auge blickt: Peter Reeds von Robert Mapplethorpe fotografierter Knackarsch auf dem Cover, der doppeldeutige Titel der Platte – Night Work – und natürlich der Name der Band – Scissor SistersDer Name leitet sich von einer US-amerikanischen Bezeichnung für Tribadie ab, einer unter Lesben praktizierten Sexualtechnik. . Eine Anspielung jagt die nächste. Album Nummer drei erfüllt also zumindest auf den ersten Blick alle Erwartungen.

Und spätestens beim vierten Titel Any Which Way sind wir auch inhaltlich bei den schlüpfrigen Dingen des Lebens angekommen und Sängerin «Ana Matronic» Lynch haucht nach dem Refrain «You better take me any which way you can» lustvoll etwas von einem Mann ins Mikro, der nach «coco-butter and cash» riecht und mit dem sie ... naja, Sie wissen schon. Vor dem Kamin. Oder auch vor den Eltern. Ihr egal.

Dazu bumpert ein satter 80er-Jahre-Disco-Beat, aufgemöbelt durch ein wenig 90er-Jahre-Synthesizer, der Bass perlt und die Kopfstimme von Jason «Jake Shears» Sellards tut ihr übriges. Die Scissor Sisters wissen eben, wie man Füße zum Wippen kriegt.

Flirrende Bilder von verschwitzten Menschen

Dabei wäre dieses dritte Album beinahe nicht zustande gekommen. Monatelang saßen die vier Musiker im Studio und bastelten, verwarfen Ideen und entwickelten neue, ließen sich von Elton John dazu überreden, eine fast fertige Platte wieder einzustampfen und entgingen am Ende nur knapp der Trennung. Zu spüren allerdings ist davon auf Night Work nichts.

Von den Dingen, die Shears in Berlin erlebt hat, wo er sich – als Teil der Rettung – für drei Monate eine Auszeit von der Band nahm, spürt man dafür umso mehr. Da entstehen vor dem inneren Auge flirrende Bilder von verschwitzten Menschen in überfüllten Nachtclubs, von ausschweifenden Sexpartys und einem plakativen Körperkult, dem ganzen Hedonismus der frühen 80er-Jahre eben, verpackt in zwölf Titel. Und natürlich holen die Scissor Sisters passend dazu auch die entsprechende Musik wieder aus dem Keller: Disco, Funk und Glam-Rock.

Und doch ist da etwas in dieser Musik, die Night Work zu mehr macht als nur einem melancholisch motivierten Retro-Album. Mechanischer als zuvor rufen die Scissor Sisters zum Tanz auf, immer noch melodisch zwar, immer noch augenzwinkernd und selbstironisch, immer noch kokett und aufreizend – doch irgendwie auch unterkühlt, modern. Vielleicht liegt das auch daran, dass die Band für dieses offensichtlich mehr als schwierige Projekt den Produzenten Stuart Price engagiert hat, der auch schon für das Madonna-Album Confessions on a Dance Floor und den aalglatten Hit Hung Up verantwortlich war, oder für die Killers-Platte Day & Age und die momumentale Single Human.

Auf das Sofa oder die Tanzfläche?

Vor allem aber liegt es daran, dass die Scissor Sisters auch die dunklen Seiten nicht vergessen, die Schatten abseits der Tanzfläche, das Elend hinter dem Glamour. Und wenn dann tatsächlich Ian McKellen, der im Herr-der-Ringe-Epos den Gandalf gespielt hat, in Invisible Light seine Stimme erhebt und eine düstere Rede auf Babylon hält, den Ort, an dem «bemalte Huren, sexuelle Gladiatoren und wilde, alte Party-Kinder aus ihrem Schlaf erwachen», eine Hymne an das Theater des Exzesses, in Stroboskop-Licht getaucht, in dem Orgien bacchischen Ausmaßes gefeiert werden, dann ahnt man, was Jake Shears erlebt haben muss in seinen drei Monaten in Berlin.

Doch auch, wenn Invisible Light der Höhepunkt dieses eindrucksvollen Albums ist, es geht noch krasser. In Sex and Violence etwa besingen die Scissor Sisters «einen vollkommen gestörten Typen», der sich «jemanden aufreißt und dann umbringt», dem gegenüber allerdings steht das hymnische Fire With Fire, eine Glam-Rock-Ballade, romantisch und groß angelegt.

Ein wenig irritiert also bleibt man aufgrund dieser Widersprüche mit dem Album zurück und ist nicht sicher, was man davon halten soll. Es ist strahlende Ode an die Disco auf der einen und düstere Mahnung an die menschlichen Abgründe auf der anderen Seite. Es ist Tanzmusik vom Feinsten und nachdenklicher Pop voller Geschichten zugleich. Und so weiß man vor allem nicht recht, wohin denn nun mit dieser Platte. Auf das Sofa oder die Tanzfläche? Am besten eins nach dem anderen.


Interpret: Scissor Sisters
Titel: Night Work
Plattenfirma: Polydor (Universal)
Erscheinungsdatum: 25. Juni 2010

voc/news.de

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