«Stadt der Engel» Christa Wolfs kritische Reise ins Ich

Briefe, Essays und Erzählungen haben Christa Wolfs literarischen Weg zuletzt geprägt. Nun hat die 81-jährige Autorin einen neuen Roman vorgelegt, der eigentlich keiner ist. Dafür aber eine Aufarbeitung - auf Distanz.

Christa Wolf (Foto)
Christa Wolf Bild: dpa

Fast untrennbar ist das Autobiografische mit Christa Wolfs literarischem Schaffen verbunden. Kaum ein Buch oder Essay, in dem sie sich nicht mit den Begleiterscheinungen ihres Lebens auseinandersetzt.

Anders ist das auch in Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud nicht. Wer überraschend Neues erwartet, wird enttäuscht. Denn was Wolf hier in einen vermeintlich neuen Rahmen packt, ist einmal mehr eine Auseinandersetzung mit ihrer Stasi-Vergangenheit, die sie 1992/93 auf Einladung der Getty-Stiftung bei einem Besuch in Los Angeles zu verarbeiten suchte. Christa-Wolf-Fans werden dabei stark an Hierzulande andernorts erinnert.

Schon auf den ersten Seiten wird deutlich: Die Schriftstellerin sucht nach Identität. Eine Episode um ihren Reisepass, der drei Jahre nach dem Ende der DDR immer noch auf diesen Staat ausgestellt ist, besagt, dass sie noch nicht so recht weiß, wie sie sich als Bürger des jetzt anderen Deutschlands wahrnehmen soll. Und genau das ist die Position, aus der heraus sie ihre zentralen Fragen inmitten einer international geprägten Runde von Mitstipendiaten angeht.

Es ist aber auch der erste Hinweis darauf, dass der Roman gar nicht so recht ein Roman sein will. Die Fiktionalität, die Wolf den Figuren und Ereignissen mit einem expliziten Hinweis zuschreibt, ist wenig existent. Doch warum dieser Täuschungsversuch? Genau genommen ist es keiner. Denn mit ihrem neuen Buch schafft Wolf eine für sie selbst wichtige Distanz.

«Wir haben dieses Land geliebt»

So wie Los Angeles - die Stadt der Engel - ihr einen Schauplatz gibt, sich aus dem Alltag herauszunehmen, ist der bewusst formulierte Abstand zur den Figuren des Buches entscheidend für die kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben in der DDR. Denn «... in der Stadt der Engel wird mir die Haut abgezogen». Zugleich steht dafür auch The Overcoat of Dr. Freud (der Mantel Freuds), der dazu auffordert, nicht äußere Umstände und Innensicht gleichrangig zu behandeln.

Wie sie selbst schreibt, geht sie der Spur der Schmerzen nach. Denn die Medienschelte, der sich die Schriftstellerin stellen musste, nachdem ihre Akte als Stasi-Spitzel «IM Margarethe» während ihres Los-Angeles-Aufenthalts - damals leitete Bundespräsidentenkandidat Joachim Gauck die federführende Behörde - veröffentlicht wurde, hat Spuren hinterlassen.

Los Angeles als Schauplatz bietet dem protagonistischen Ich den Abstand vom Alltag. Es ist eine Welt, in der der Name Christa Wolf nicht gänzlich unbekannt, doch weit weniger im Mittelpunkt der Öffentlichkeit steht als in ihrer Heimat. Hier kann sie den stets nötigen Blick auf das, was um sie herum geschieht, umdrehen und Selbstbetrachtung betreiben. Über den diktatorischen Staat, dem sie mehr als 30 Jahre lange unkritisch gebenüberstand, über die Gedankenwende, die sie schließlich vollzogen hat, und auch die Frage, warum sie selbst die DDR nicht verlassen wollte.

«Wir haben dieses Land geliebt», lautet eine der Erklärungen. Es bleibt eine Antwort, die mancher Leser wohl nicht nachvollziehen kann. Ein gewisses Heimatgefühl, das Element der Verwurzelung lässt sie dabei durchscheinen. Auch wenn die immer wieder auftauchenden Gespräche mit Nachkommen der jüdischen Kriegsflüchtlinge und die dabei aufkommende Frage, ob man sich schämen müsse, eine Deutsche zu sein, als kritischer Kontrapunkt gesetzt werden.

Zentral ist aber auch der Versuch, nachzuvollziehen, warum sie die für die Stasi verfassten Berichte, wie sie selbst schreibt, verdrängt hat. Bis zu jenem schicksalhaften Lebensmoment, in dem sie Einblick in jene 42 Akten erhält, die Stasi-Spitzel über die Schriftstellerin und ihre Familie, ihre Freunde angelegt haben.

Die eine, wahre Antwort gibt es nicht. Wohl aber Antwortversuche, die Christa Wolf selbst nicht genügen. Nur eines scheint ihr wirklich Halt zu geben: Die Tatsache, dass sie zur Zeit ihrer Stasi-Berichte, zu denen sie sich aber nie verpflichtet hat, noch nicht literarisch tätig war.

Konfrontation mit der Ratlosigkeit

Letztlich ist das, was der Verlag als Roman bezeichnet eher eine Aufarbeitung. Eine Auseindersetzung mit dem Unterbewusstsein, mit der Wahrheitskonfrontation, mit dem Vergessen. Aber vor allem ist es der Wandel der eigenen Persönlichkeit, die mit knapp 30 - weil sie es nicht anders kennt - ihrem Staat die Treue hält und erst Schritt für Schritt den Blick von außerhalb des Tellerrandes wandelt.

Die Figur des Peter Gutman fungiert dabei als Spiegelbild der eigenen Gedankenwelt. Aber auch für philosophische Überlegungen im Hinblick auf die Macht der Gedanken und die bisweilen unergründlichen Wege, auf denen Menschen ihre Entscheidungen treffen.

Dass sie dafür manch einem Satz eine ganze Seite im Buch einräumt, oder noch viel länger in Erinnerungen schwelgend im Stakkato Liedertitel aneinanderreiht, unterstreicht die schwierige Suche nach Antworten. Doch am meisten wird das Tagebuchelement dieses Romans deutlich, wenn sie sich in der Stadt der Engel an ihr «Maschinchen» setzt, um Gedanken aufzuzeichnen, die die Basis bilden, auf dem das gesamte Konstrukt Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud steht. Vor allem aber ist das Buch eine Auseinandersetzung mit zwiespältigen Gefühlen, der Ratlosigkeit und der Frage «Was wäre, wenn ich damals anders gehandelt hätte?».

Autor: Christa Wolf
Titel: Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud
Verlag: Suhrkamp
Seitenzahl: 415 Seiten
Preis: 24,80 Euro
Erscheinungsdatum: Juni 2010

car/reu/news.de

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