Stimmen von der Insel Gemüllert und erniedrigt

Die «Three Lions» – nur noch Miezekätzchen. Die britische Presse fällt nach dem 1:4-Debakel gegen Deutschland nicht etwa über den Schiedsrichter her, der ihrer Mannschaft ein Tor verwehrt hat. Die eigentliche Prügel beziehen Trainer Capello und das Team.

The Sun (Foto)
Tränen und Verzweiflung in Großbritannien: der Aufmacher der Sun. Bild: Screenshot/thesun.co.uk

«Gemüllert – Englands beschämende Kapituliation» schreibt die britische News of the World und eröffnet die herbe Kritik an der englischen Fußball-Nationalmannschaft nach dem 1:4 gegen Deutschland. Dabei im Fadenkreuz: Trainer Fabio Capello und seine Spielerauswahl, von der man Historisches erwartet hatte. «Doch stattdessen wurde sie gedemütigt, aus dem Spiel gedrängt von einer Mannschaft mit Aussichten auf das Finale in Soccer City.»

Ebenfalls auf Fabio Capello hat es die britische Sun abgesehen: «Zeit zu gehen, Fabio», titelt das Blatt und notiert gleich darunter: «Don't mention the four», in Anspielung auf den Monty-Python-Sketch Don't mention the war. Vor allem aber schreibt das Blatt, das nicht gegebene Tor sei keine Entschuldigung für die blamable Leistung der Mannschaft gewesen, die «zahnlosen drei Löwen ließ man aussehen wie Miezekätzchen».

WM 2010: Die Achtelfinalspiele

«Es ist alles aus für Englands goldene Generation», schreibt der Guardian und spricht bei der Diskussion um Frank Lampards Treffer von einem der umstrittensten Momente der britischen Fußballgeschichte. Tofik Bakhramov, dem Schiedsrichter, der 1966 das Wembley-Tor gegeben hatte, habe man nach seinem Tod ein Denkmal in seiner Heimatstadt Baku aufgestellt. «Sollte Deutschland dieses Turnier gewinnen, steht vielleicht eines Tages eine Statue von Espinosa in Berlin.» Doch auch der Guardian muss zugeben: «Nicht, dass England behaupten könnte, ein anderes Ergebnis verdient zu haben. Deutschland ist mit der jüngsten Mannschaft seit den 1930er Jahren nach Südafrika gekommen und ihr Spiel war voller Frische, Elan und gegenseitigem Verständnis – alles Dinge, die ihre Gegner, trotz ihrer größeren Erfahrung, seit Jahren vermissen lassen.»

«Hat eigentlich irgendjemand Wayne Rooney gesehen?»

Die Daily Mail seziert den nicht gegebenen Treffer ausführlich und bringt auf ihrer Seite Fotos und Videos zum Beweis. Doch sie bringt auch ein Statement von Joe Cole, der zugibt, England sei keine Weltklassemannschaft mehr. Von «Englands Albtraum» spricht das Blatt und schreibt: «England ist raus – aber hat eigentlich irgendjemand Wayne Rooney gesehen?»

Auch der Mirror hat seinen Schuldigen für das Ausscheiden bereits gefunden: «FabiGo» titelt das Blatt und schreibt zu der Niederlage: «Nach Englands Demütigung sollte Capello aufhören», der arrogante Trainer sei keinen Penny seines Sechs-Millionen-Pfund-Vertrages wert. Und auch der Mirror attackiert Englands «goldene Generation»: «Wo wir Sicherheit und Überzeugung erwartet hatten, haben wir einen Kampf gesehen, der in ein Blutbad und in Anarchie ausgeartet ist. Wo wir akkurate Planungen erwartet hatten, haben wir einen Manager bekommen, der offenbar auf Aberglauben und die Hoffnung vertraut hat, es werde schon alles gut werden.»

Auch der Independent beginnt seinen Text über das Achtelfinalspiel mit Frank Lampards Tor. Doch schnell kommt er zum eigentlichen Kern: Die Engländer müssten mehr von der Weltmeisterschaft mit nach Hause bringen als die Erkenntnis, dass ihnen der Ausgleichstreffer verwehrt worden sein. «Sie müssen zugeben, dass dies keine Niederlage war, sondern eine Entblößung, ein Statement darüber, wie einige Mannschaften sich entwickeln und dabei stärker werden, andere jedoch einfach in eine Zeitschleife geraten.»

«Ich geh' eine rauchen»

Der Daily Express titelt zu dem Spiel: «Englands WM-Träume von Deutschland zerstört» und schreibt: «Nach 44 Jahren der Kränkung und schwelendem Ärger hat Deutschland seine ultimative Rache.» Und, wie schon andere Blätter, hebt auch der Express zwei Spieler besonders hervor: «Mit Blick auf den schneidigen Thomas Müller, gerade 20, der eine Spieler-des-Spiels-Leistung ablieferte, voller intelligenter Bewegungen und mit zwei meisterlichen Toren, und dem unkontrollierbaren Mesut Özil, erst 21, der England an der Nase herumgeführt hat, hat Capello allen Grund, sich Sorgen um die Zukunft zu machen.»

Auch die schottische Zeitung The Scotsman schreibt von einer historischen Niederlage: «Sie haben gehofft, 44 Jahre der Kränkung würden endlich in Südafrika enden. So war es auch. Deutscher Kränkung.» Und weiter heißt es: «Vier Tore für die Sieger. Genau wie 1966, und kein Anlass zur Verlängerung. Das war Englands schlimmste Niederlage aller Zeiten bei einer WM-Endrunde.»

«Höllenqualen für die englischen Fans» lautet die Überschrift zu einer Fotostrecke des Telegraph. Und zum Spiel schrieb die Zeitung in ihrem Live-Ticker kurz nach dem Abpfiff: «Englands WM ist vorbei. Langsam, blinzelnd, kehren wir ins Leben zurück. Was auch immer ihr tut, um den Schmerz und die Enttäuschung zu verdrängen, denkt immer daran, dass es wahrscheinlich nicht mehr schlimmer werden kann. Denkt daran: England hat Glück gehabt hat, dass Deutschland nur viermal getroffen hat. Denkt daran, dass die Generation von Fußballern, die uns das angetan hat, nie wieder bei einer Weltmeisterschaft zusammen spielen wird. Stellt Euch vor, möglicherweise, dass sie sich genauso schlecht fühlen, wie Ihr. Vielleicht tun sie das. Ich überlasse es gelehrteren Menschen, die fußballerischen Gründe für diese Niederlage zu analysieren. Mein Rat? Die Sonne scheint noch. Versucht, das zu genießen. Und wir haben noch zwei Wochen WM vor uns. Versucht, auch das zu genießen. Danke für all Eure E-Mails. Nick schreibt über Argentinien gegen Mexiko, leistet ihm doch in ein paar Stunden Gesellschaft. Ich geh' eine rauchen.»

naf/reu/news.de

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Leserkommentare (10) Jetzt Artikel kommentieren
  • rufuss1
  • Kommentar 10
  • 03.07.2010 01:48

enthalte mich jedem kommentar: fussballfanatiker sind nicht im stande eine optimistische meinung auszusagen!

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  • RAGNAROEKR
  • Kommentar 9
  • 29.06.2010 17:52
Antwort auf Kommentar 7

Das Phänomen ist bekannt,derjenige der gut bezahlt wird, ruft sein Leistungspotenzial ab.Denn er hofft so, noch besser bezahlt zu werden.Gute Bezahlung motiviert zu guten, manchmal auch hervorragenden Leistungen. Dabei gilt, dass die Leistungsbelohnung immer auf die Perspektive abgestellt sein muss, also auf die Aussicht noch besser bezahlt zu werden. Das führte auch zum Auseinanderfallen des engl. Teams. Die Aussichten auf einen Sieg zerstoben im deutschen Sturm. Gleichwohl, soviel Fußball hätte ER den Engländern nicht zugetraut. Fußball lebt, wenn 2 gute Teams motiviert aufeinander treffen.

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  • GEWEBAYERN
  • Kommentar 8
  • 28.06.2010 20:29

Zuerst nochmal da Thema Schiedsrichter ,wie wir es gestern wieder erleben durften: Sobald das Theme erörtert wird,öffentlich diskutiert wird, hören die Mafiosis Blatter und Platine garbnicht mehr hin,abgeblockt und taub!!Diese Art von Korruption ist unerträglich.Blatter gehört weg.Ich wüsste schon wie; Boykott der Bundesdeutschen Fussballmanschaften und die Zahlungen an die Fifa eistellen, es genau so machen wie die canadier seinerzeit über viele Jahre im Eishockey.Einfach nicht mehr mitspielen,Das hat sicher Wirkung Deutschland ist der grösste Zahler an die FIFA und die tanzen uns auf der Nas

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