Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Nahkampf mit der Schwiegermutter: Im Film Easy Virtue trifft eine bezaubernde Jessica Biel als glamouröse Amerikanerin Larita auf eine böswillige Schwiegermutter. Die beiden liefern sich herrlich giftige Wortgefechte.
Platinblond leuchtet Laritas zerzaustes Haar, um sie herum ein Strudel frenetisch jubelnder Männer. Es sind die Goldenen Zwanziger und die glamouröse Amerikanerin hat gerade als erste Frau das Autorennen in Monte Carlo gewonnen. Im Strudel der Siegesfeier begegnet ihr Blick dem reizenden John. Die gegenseitige Begeisterung ist groß und die beiden stürmen zum Traualtar.
Der Film Easy Virtue von Regisseur Stephan Elliott ist eine Adaption des gleichnamigen Theaterstücks von Noel Coward aus dem Jahr 1924. Daraus ist kein billiger Abklatsch, sondern ein sehr unterhaltsamer Kinofilm geworden.
Auf die Blitzhochzeit folgt für Larita (Jessica Biel) ein zäher Kampf um die Anerkennung ihrer britischen Schwiegermutter Mrs. Whittacker (Kristin Scott Thomas). Die reagiert nämlich ziemlich unterkühlt, als ihr Sprößling John (Ben Barnes) die Amerikanerin auf ihr Anwesen führt. Giftige Bemerkungen im Kleide eines strahlenden Lächelns feuert die Schwiegermutter ab, bis auch Larita ihre Waffen zückt. Dass Larita unter Heuschnupfen leidet, ist für Mrs. Whittacker eine Steilvorlage: Sie führt die glamouröse Frau in das Gewächshaus und lässt dem Paar Blumen aufs Zimmer bringen, gekrönt von einer siegesgewissen Unschuldsmine. Und dann verschwindet Poppy, der kläffende und von Mrs Whittacker heiß geliebte Schoßhund.
Im Schraubstock britischer Konventionen verdörrt die einst so blühende Larita zunehmend. Verzweifelt kämpft sie um die Zuneigung ihrer Schwiegermutter und muss einsehen, dass sie hier nicht gewinnen kann. Kleine Ausbrüche aus der klaustrophobischen Situation verschaffen ihr ein wenig Luft, doch die Intrigen der Matronin, die bald auch ihre beiden Töchter für den Kampf gegen die blonde Amerikanerin rekrutiert, wirken auch bei John. Der muss sich zwischen Mutter und Ehefrau entscheiden. Die eine lockt mit dem Erbe, die andere mit verführerischer Unabhägigkeit.
Laritas einziger Verbündeter ist der Gatte des Hausdrachens, Mr. Whittacker (Colin Firth). Auch er ist ein Freigeist, der sich nicht viel um Konventionen schert. Das beklemmende Familienleben erträgt er mit sardonischen Kommentaren, doch unter der zynischen Fassade brodelt es und Larita facht das Feuer in ihm nur weiter an.
Bewährungsprobe neben Colin Firth und Kristin Scott Thomas
Wer sich diesen Film anschaut, erlebt eine großartige Jessica Biel, die endlich beweisen kann, dass sie nicht nur hübsch anzusehen ist. Wunderbar süffisant rebelliert sie gegen das Spießer-Regime ihrer Schwiegermutter und liefert sich mit ihr herrlich schnippische Wortgefechte. Mühelos mimt sie die selbstbewusste Femme fatale, braust ausgelassen auf dem Motorrad durch den Wald und kämpft für einen Platz in der Familie Whittacker. Mit Ausstrahlung und erstaunlicher Souveränität kann Jessica Biel sich lässig neben Colin Firth und Kristin Scott Thomas behaupten. Eingehüllt in weißen Pelz und eleganten Marlene-Dietrich-Hosen hat sie eine schillernde Präsenz, die süchtig macht.
Kristin Scott Thomas spielt eine herrlich giftige Mrs Whittacker, die ihre Gemeinheiten wie spitze, mit Perlen verzierte Nadeln abfeuert. Die Stimme dieser bösartige Schwiegermutter ist schrill und hat die Durchschlagkraft einer Waffe. Schnippisch reckt den ihren Kopf, der Schritt ist resolut.
Besonders gelungen ist auch die beklemmende Atmosphäre des Hauses: Zwischen gigantischen Bücherwänden, Spitzendeckchen, Plüsch und spitzzüngiger Tischkonversation fühlt sich selbst der Zuschauer im Kinosesssel eingeschnürt wie in ein Korsett.
Stephan Elliot inszeniert mit diesem Film auch ein Spiel mit Geschwindigkeiten: Erst flitzt Larita über die Rennstrecke Monacos, dann braust das Paar über englische Landstraßen und hält schließlich in einem Strahlenkranz aus aufschäumenden Kies vor dem Herrenhaus der Whittackers. Nach dieser Zäsur zieht das Tempo in die Wortgefechte ein. Da flitzen die spitzen Bemerkungen nur so hin und her, selbstverständlich gekrönt von einem bezaubernden Lächeln – schließlich kommunizieren hier zivilisierte Menschen. Das Auto – im Film Sinnbild der Unabhängigkeit – wird auch am Ende wieder eine entscheidende Rolle spielen und die Beziehungsgeflechte aus ihrer Starre erlösen.
Titel: Easy Virtue
Regie: Stephan Elliott
Darsteller: Jessica Biel, Ben Barnres, Colin Firth, Kristin Scott Thomas
Filmlänge: 97 Minuten
FSK: ab sechs Jahren
Verleih: Sony
Kinostart: 24. Juni 2010