«Ein schönes Trinkgeld»
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 24.06.2010
Verlage und Blogger versuchen, mit Inhalten im Internet Geld zu verdienen. Flattr könnte eine Lösung sein. Der schwedische Micropayment-Dienst beginnt langsam, sich hierzulande zu etablieren, zumindest bei Blogs. Die deutschen Medienhäuser aber scheuen das Angebot noch – bis auf zwei.
Eigentlich sei das Geld ja nicht der Rede wert, sagt Matthias Bröckers, Online-Entwickler der Tageszeitung (taz). 143,55 Euro stehen für die letzten zwölf Tage im Mai bei der Zeitung zu Buche, «das ist natürlich wenig, wenn man sich anschaut, was die taz insgesamt zu bieten hat». Doch Bröckers ist zufrieden. Und der Anfang zumindest ist gemacht.
Die noch bescheidene Summe hat die taz über Flattr eingenommen, einen MicropaymentUnter Micropayment versteht man Verfahren zur Zahlung kleiner Summen, wie sie beispielsweise beim Kauf digitaler Waren wie Musikstücken oder Artikeln anfallen. -Dienst, der sich derzeit noch in der Testphase befindet und nur nach Einladung zugänglich ist. Doch die Nutzerzahlen steigen, und das Prinzip ist simpel: Jeder User legt einen Betrag zwischen zwei und 100 Euro fest, den er monatlich für gute Netzinhalte ausgeben möchte. Gefällt ihm beispielsweise ein Blogeintrag oder ein Artikel einer Seite, die bei Flattr angemeldet ist, kann er diesen mit einem Klick auf den Button flattrnDas Wort stammt vom englischen to flatter, zu deutsch: schmeicheln. . Die vorher festgelegte Summe wird am Ende des Monats auf alle so unterstützten Inhalte aufgeteilt. Hinter Flattr steckt ein Unternehmen aus dem schwedischen Limhamn, das von Linus Olsson und Peter Sunde gegründet wurde. Sunde wurde unter anderem durch seine BitTorrent-Seite The Pirate Bay bekannt.
Bröckers und die taz glauben an den neuen Dienst:«Das ist toll für die Leute, die sagen: ‹Ich will keinen Paid Content, aber wenn ich etwas wirklich gut finde, will ich das belohnen›.» Bedenken, der Dienst untergrabe die Seriosität etablierter Medien, kann er nicht nachvollziehen. Als jedoch Die Zeit kürzlich über Twitter mit einigen Nutzern darüber diskutierte, ob Flattr auch für die größte deutsche Wochenzeitung vorstellbar wäre, fielen die Reaktionen unterschiedlich aus. «Ich finde #flattr ist für Blogger & Co gedacht, nicht für kommerzielle SERIÖSE Unternehmen», twitterte beispielsweise eknoes, und RumbaDelSol meinte: «wenn es bei @zeitonline demnächst flattr gibt, suche ich mir ne andere Informationsquelle». In einer Twitter-Umfrage votierten 54 Prozent für sogenanntes Crowd-Funding bei der Zeit, 31 Prozent stimmten dagegen.
«Das kann ich nur insofern verstehen, dass die Zeit ein sehr erfolgreiches und gut zahlendes Unternehmen ist und dass man sagt, dass die für ihren Online-Auftritt nun nicht auch noch zusätzlich die Hand aufhalten müssen», sagt Bröckers. «Aber die taz spielt ja nicht in einer Liga mit der Zeit. Unsere Blog-Autoren bekommen gar kein Geld und unser Zeilenhonorar ist deutlich geringer. Als unseriös empfinde ich das gar nicht.» Wenn allerdings ein Autor, der für seinen Artikel schon gut bezahlt worden sei, noch einmal die Hand aufhalte, sei das dreist.
Eine bestechende Idee
Auch einige Blogs sind mit Flattr gut gestartet, vor zwei Tagen erst hat auch das Bild-Blog, eines der meistgelesenen deutschen Blogs, Flattr in sein Angebot eingebaut. «Hinter all dem steckt natürlich die Hoffnung, dass viele kleine und kleinste Spenden auf diese Weise nennenswerte Summen für Produzenten von guten und beliebten Inhalten ergeben», schreiben die Autoren dazu. Eine Hoffnung, die sich erfüllen könnte. Mit 110,94 Euro beispielsweise hat das Blog Spreeblick in 14 Tagen fast genauso viel Geld über Flattr eingenommen wie die taz, carta kommt auf 122,56 Euro und der Blogger Tim Pritlove sogar auf 208,54 Euro.
Für viele andere namhafte deutsche Blogs sieht die Realität jedoch anders aus. Das Blog Basic Thinking hat eine Aufstellung gemacht, bei denen die Flattr-Einnahmen zwischen 3,22 Euro (Perun) und 39 Euro (netzpolitik.org) liegen, danach folgt bereits Spreeblick. Wobei diese Aufstellung nichts darüber aussagt, in welchem Zeitraum die Einnahmen gemacht wurden. Das jedoch könne auch noch gar nicht anders sein, sagt Matthias Bröckers. Flattr befinde sich schließlich noch in der Beta-Phase und sei noch nicht für jeden zugänglich. «Das macht am Ende die Masse und deshalb wird das auch noch ein, zwei Jahre dauern, bis Flattr wirklich funktioniert.»
Ob aus den bis jetzt noch überschaubaren Nutzerzahlen jedoch jemals eine Masse wird, dürfte auch davon abhängen, welche Verbreitung Flattr unter Bloggern finden wird. Und nicht überall kommt der neue Dienst gut an. «Im Endeffekt ist es ein Bettel-Button», schreibt beispielsweise Daniel Schneider in seinen 10 Gründen gegen Flattr. Zudem werde man verleitet, nur noch zu schreiben, was der Masse gefällt, bekomme Geld für Inhalte, die man unter Umständen gar nicht selbst erstellt hat (wie etwa eingebettete Videos), und letztendlich bestehe auch die Gefahr, dass sich dutzende solcher Dienste etablieren, «die dann ebenfalls genau wie schon bereits jetzt Fluten von Buttons sozialer Netzwerke integriert werden wollen». Argumente, die der Blogger Felix Schwenzel nicht gelten lässt. Es sei beispielsweise eine Frage des Anstands, für fremde Federn kein Geld zu nehmen.
Neben der taz und einer Vielzahl von Blogs nutzt auch die Wochenzeitung Der Freitag Flattr. «Ganz klar: Weil wir uns ein bisschen Benefit (also Geld) davon erhoffen», schreibt der stellvertretende Chefredakteur Jörn Kabisch dazu. «Weil die Idee aber unserer Ansicht nach bestechend ist. Sie ist meiner Ansicht nach die spannendste und innovativste Idee für die Refinanzierung eines Online-Auftritts abseits der so oft diskutierten Formen wie PaywallZahlschranke oder Premium-Angebote.» Zudem habe er persönlich eine interessante Beobachtung gemacht: «Ich habe seit etwa drei Wochen selbst einen Flattr-Account und muss sagen, seitdem ich ein bisschen Geld verteilen will, lese ich viele Blogbeiträge und Artikel genauer, auch sehr viel öfter bis zum Ende und achte neben dem Info- oder Unterhaltungswert auch darauf, wie ein Text geschrieben ist.» Flattr werde, da sei er sicher, die Qualität der Texte im Netz steigern.
«Was wir gerade erleben, dürfte eine Art Wendepunkt sein»
Für manche Blogger jedoch könnte der Micropayment-Dienst auch zur Stolperfalle werden. Dann nämlich, wenn sie für ihre Einträge Inhalte wie etwa Videos oder Fotos nutzen, die einer Creative-Commons unterliegen, mit der Inhalten öffentliche Nutzungsrechte eingeräumt werden können. Bei denen nämlich gibt es auch solche Lizenzen, die eine kommerzielle Nutzung untersagen. «Der Einsatz von Flattr & Co und damit die Generierung von Einnahmen könnte das eigene Blog zu einem ‹kommerziellen› Angebot in der Terminologie der Creative Commons-Lizenz machen», schreibt der Jurist Reto Mantz. Es sei nicht ausgeschlossen, «wenn nicht sogar wahrscheinlich, dass die Verwendung von Flattr & Co als ‹commercial› eingestuft werden würde, auch wenn es sich um Einkünfte handelt, die eher mit Spenden vergleichbar sind.»
Vielleicht aber ist Flattr dennoch die erste echte Chance für die große Masse der Blogs, mit ihren Inhalten Geld zu verdienen, und sei es nur genug, um die Unkosten zu decken. «Da wird ja auch niemand reich mit», sagt Matthias Bröckers. «Aber wenn das am Ende nur zehn, zwanzig Euro sind, dann ist das doch ein schönes Trinkgeld.» Der Journalist Jürgen Vielmeier jedoch ist sich sicher: «Was wir gerade erleben, dürfte eine Art Wendepunkt sein. Zur Zeit werden die Strukturen geschaffen, die es in den nächsten Jahren vereinfachen werden, ein Blog zu monetarisieren. Aber das Ziel ist noch lange nicht erreicht. Und es bleibt dabei: Ein Blog aufzubauen und erfolgreich zu machen, kostet viel Zeit und damit auch Geld.»
Bei den großen Medienhäusern scheint jedoch noch keine Aufbruchsstimmung in Sachen Flattr zu herrschen, zu groß ist vielleicht auch die Angst, wie Bittsteller zu wirken. Auf Peter Sundes Aussage in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, er hoffe, dass Flattr ein Angebot, dass jedermann anspreche, antwortete der Journalist Dirk von Gehlen: «... vermutlich keine Verlage.» Sunde aber gibt sich optimistisch. Verlage werde es auch weiterhin geben, ihre Arbeit jedoch werde sich ändern. «Die Kultur im Netz basiert darauf, dass sie frei ist – frei wie in frei, nicht frei wie in kostenlos.» Die Angebote, die dies im Netz ermöglichten, seien jedoch eher beschränkt. Es habe in den vergangenen zehn Jahren fast keine Entwicklung bei Bezahlsystemen im Internet gegeben, das wolle er ändern. «Und wir wollen zeigen, dass es durchaus die Bereitschaft gibt, im Netz zu bezahlen. Die Leute wollen eben nicht wie Kriminelle behandelt werden, sondern wie normale Bürger.»
ruk/ivb/news.de
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