Von news.de-Redakteur Konrad Rüdiger
Gemeinheiten verpackt in Zucker: Die kanadischen Indie-Popper Stars können es einfach nicht lassen und machen mit Wechselgesang und Zuckerpop herrliche Musik für Kopf und Herz. Und auch typisch: Das Herz kommt aus dem Schmerz nicht mehr heraus.
Eine Band, die Unterhaltung mit Politik mixt und aus Nordamerika kommt? Das können nur Kanadier sein. Naja, nicht ganz, es werden höchstwahrscheinlich Kanadier sein. In diesem Fall sind sie es. Sie kommen aus Montreal, tragen kein «The» vor sich her und machen doch so unaufgeregte Musik, dass man sich von ihnen aufregen lassen kann. Auftritt: Stars. Andere aufregen, das können sie, die Fünf. Mit ihren butterweichen Stimmen, die gern in einen heutzutage selten gehörten Wechselgesang verfallen und damit eine Spannung aufbauen, die ihre harmonische Instrumentierung eigentlich von vornherein unmöglich macht.
Sie funktionieren wie der Film Wo die Wilden Kerle wohnen als Drama im Gewand eines Kinderfilms. Nach außen sind sie eine niedliche, harmlose Kapelle, wenn sie aber einmal ins Rollen kommen, pieksen sie und tun weh, aber auf eine seltsam angenehme Art und Weise. Auf dem Vorgängeralbum In Our Bedroom, After The War besangen sie unter anderem grandios gescheiterte Anbahnungsversuche per Kontaktanzeige, diesmal stellen sich ähnliche Fragezeichen angesichts des Titels I Died So I Could Haunt You.
Das mittlerweile fünfte Album ist ein kurzes, nur gut 38 Minuten langes Manifest des kanadischen Indie-Pop. Noch mehr Catchyness in der ersten Single Fixed und ironische Anleihen an peinlichen Billig-Eurodance nach Art von Aqua bei We Don't Want Your Body. Synthie-Geschmurgel und zarte Cocorosie-Klänge öffnen in He Dreams He's Awake aber wieder die Ausgangstür aus dem 1-Euro-Laden. Die hoffnungslos verlorene Welt der Vielflieger und Hotellobby-Bewohner lässt wiederum The Passenger in fremden Städten zusammenbrechen.
Der Zucker und die Bitterkeit der Stars hatten es in den vergangenen Jahren vor allem der Netzgemeinde angetan, der Weg in die Download-Charts führte sie über hochkonzentrierte Live-Shows mit Attitüde und eine gut organisierte kanadische Musikszene, die mit Bands wie Broken Social Scene und Arcade Fire auch außerhalb Nordamerikas auf überdurchschnittliche Resonanz stößt. Der Weg war steinig, aber eben auch voller Material für Texte, die denen besonders gefallen könnten, die derzeit Joachim Gauck als Bundespräsidenten favorisieren.
Die höhere Synthie-Dichte lässt das aktuelle Album etwas mehr brummen, die vollen, warmen Stimmen von Torquil Campbell und Amy Millan sind allerdings aus hochwertigen Boxen immer für ein Gänsehauterlebnis gut. Wer nicht nur wegen der Melodien Musik hört, sondern sich die Option offen lassen möchte, von bitter-ironischen Texten regelrecht geplättet zu werden, der möge sich bitte dieses Album kaufen.
Interpret: Stars
Album: The Five Ghosts
Plattenfirma: Alive
Erscheinungsdatum: 25. Juni 2010