Der Duft von Blut und Motoröl
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 22.06.2010
Durchsiebte Manager, hingerichte Bauern, viel Liebe, Hass und jede Menge Schnaps: Es sind vielversprechende Zutaten, die in Jacques Berndorfs Nürburg-Papieren stecken. 60.000 Vorbestellungen lagen für den zwanzigsten Eifel-Krimi vor. Und der dürfte erneut ein Bestseller werden.
Bis heute hat niemand die Toten gezählt. Etwa 400 sollen es sein, der letzte starb erst im April, und insofern ist Claudio Bremm nichts Besonderes, einer von vielen eben, die dem Nürburgring, der «Grünen Hölle» der Eifel, zum Opfer gefallen sind. Doch Bremm stirbt nicht etwa in seinem Auto, irgendwo zwischen PflanzgartenPflanzgarten, Fuchsröhre und Brünnchen sind Namen von Streckenabschnitten des Nürburgrings. und Fuchsröhre. Er liegt eines nachts an einem Waldrand in Siebenbach, keine zwei Kilometer vom Brünnchen entfernt, durchsiebt von 33 Kugeln aus einer Maschinenpistole. Sieht nicht gerade nach einem klassischen Rennunfall aus.
Dieser Mord, den Jacques Berndorf in seinem neuen Eifel-Krimi Die Nürburg-Papiere beschreibt, ist fiktiv, wie auch die Figur des Nürburgring-Managers Claudio Bremm. Doch die Geschichte dahinter hat mehr als nur einen wahren Kern, da mag der Autor zu Beginn der 360 Seiten noch so glaubhaft versichern, die Handlung sei reine Erfindung. Der Ring nämlich ist nicht nur ein Grab für Hunderte von Rennfahrern, er ist auch ein Grab für übereifrig getätigte Investitionen.
«Er hatte wieder das teuflische Grinsen drauf»
«Man kann sagen, dass ein Rudel fröhlicher Manager von ausgesucht minderer Qualität sich angestrengt hat, in ungefähr zwei Jahren mehr als 350 Millionen Euro in Beton und anderen Stein zu gießen», erklärt Rodenstock, Kriminalrat a.D., dem Freund und Journalisten Siggi Baumeister. «Unter Umgehung aller nur denkbaren kaufmännischen Regeln und bei Nichtbeachtung aller Vorsichtsmaßnahmen, die für gewöhnlich die Planer eines solchen gigantischen Unternehmens leiten könnten.» Und diese Geschichte, sie liest sich auch in der Wirklichkeit eher wie ein Wirtschaftskrimi, in dem das Land Rheinland-Pfalz durch dubiose Finanzierungen Millionen und ein Finanzminister seinen Job verloren hat und durch den dutzende von Eifler Kleinunternehmern sich in ihrer Existenz bedroht sehen: «Metzger, Bäcker, KFZ-Betriebe». Und Bauern.
Für Baumeister aber ist Bremms Tod ein Glücksfall, und das nicht nur, weil er endlich wieder einen Sumpf hat, in dem er stochern kann. Vor allem erweckt der brutale Mord Rodenstock aus Lethargie und Selbstmitleid, in denen der pensionierte und passionierte Kriminalist nach einer Herz-OP versackt ist. Vor allem für Rodenstocks Freundin Emma, aber auch für Baumeister waren es Wochen der Folter, nun aber schöpft er Hoffnung: «Er hatte wieder das teuflische Grinsen drauf, das alte Grinsen des früheren Rodenstock, seine ewige Antwort auf alle Sinnfragen. Und ich atmete auf, wahrscheinlich war doch noch nicht alles verloren.» Doch so einfach wird es nicht werden.
«Fünfmal zwölf Flaschen besten Ahr-Rotwein»
Der KBV-Verlag, zu dem Berndorf 2007 von Grafit gewechselt war, verkaufte sein neues Werk schon vor dem eigentlich Start als «Bestseller», und das zurecht: 60.000 Vorbestellungen gab es, das Buch erscheint mit einer Startauflage von 80.000 Exemplaren, Rekord für den früheren Spiegel-Autor Berndorf, der eigentlich Michael Preute heißt. Und für den dürfte sich die Arbeit gleich doppelt auszahlen. Denn sollte der neue Nürburgring in fünf Jahren ein Erfolg sein, schreibe er einen weiteren Krimi rund um die Rennstrecke, so sein Wetteinsatz, den er bei der Buchvorstellung gegen den rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck einsetzte. Andernfalls erhalte Berndorf «fünfmal zwölf Flaschen besten Ahr-Rotwein», so Beck. Eine Win-Win-Situation für den Autor. Und für die Leser.
Berndorf nämlich beweist auch mit dem zwanzigsten Baumeister-Band die literarische Klasse, mit der er seit 1989 nicht nur den Regional-Krimi etablierte, sondern auch zu einem der erfolgreichsten Krimi-Autoren Deutschlands wurde. Gesamtauflage bis heute: mehr als 4,5 Millionen Exemplare. Zwar mag für den ein oder anderen die Attitüde des Weltverbesserers und Nostalgikers, die Siggi Baumeister stellvertretend für Berndorf vor sich her trägt, ein wenig überhand nehmen, doch aufgrund des dichten, akurat recherchierten Plots und den bekannt-liebenswerten Charakteren ist das eine zu vernachlässigende Schwäche des 73-Jährigen.
Reichlich Schnaps und Cognac
Und natürlich bleibt Claudio Bremm nicht das einzige Opfer unter dem bleiernen Novemberhimmel der Eifel. Schon kurze Zeit nach dem ersten Mord stirbt der einflussreiche Politiker Rainer Mertel an einem Herzinfarkt, und noch ein wenig später liegt der Bauer Jakob Lenzen tot in seinem Stall – Kopfschuss. Doch der war die Unschuld vom Lande, wer könnte ein Interesse daran gehabt haben, ihn derart skrupellos hinzurichten? Für Baumeister allein wird dieser Fall allmählich eine Nummer zu groß. Und so ist er froh, nicht nur Rodenstock und Emma zu haben, sondern auch noch drei unvorhergesehe Gäste, die das Schicksal ihm in die Eifel weht: seinen alten Freund Werner sowie Jennifer aus Brasilien und Gabi – zwei alte Bekannte, die ordentlich Schwung in die Geschichte bringen.
Vor allem aber lebt Berndorfs Eifel-Krimi Nummer 20 davon, dass der Autor nicht viel anders macht, als bisher. Es gibt wie immer gutes Essen, von Hand gemacht und traditionell, es werden Katzen beobachtet und Pfeifen geraucht, es wird reichlich Schnaps und Cognac gesoffen, es werden Gerüchte gestreut und Intrigen gestrickt und die winterliche Natur der Eifel, die dieses Mal nach Blut und Motoröl duftet, spannt einen mal malerischen, mal trostlosen Rahmen um Rennsport, Politik und die Abgründe der menschlichen Existenz. Ein Krimi nach bewährtem Rezept, könnte man meinen, klänge das nicht fast schon abschätzig. Doch wer so gut erzählt wie Jacques Berndorf und auch nach 19 Romanen noch neue Facetten an seinen Hauptfiguren entdeckt, für den ist das ein großes, vielleicht das größte Kompliment.
Autor: Jacques Berndorf
Titel: Die Nürburg-Papiere
Verlag: KBV
Seitenzahl: 363 Seiten
Preis: 9,95 Euro
Erscheinungsdatum: 15. Juni 2010
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