So., 12.02.12

«Kleiner Mann ...» Die Not der kleinen Leute

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Artikel vom 21.06.2010

Der Mittelpunkt jeder Krise sind nicht etwa die Banken, Konzerne oder Regierungen, es ist der Mensch. Kein Roman hat das bis heute deutlicher zur Sprache gebracht als Hans Falladas Kleiner Mann – was nun?. Jetzt ist der Klassiker als Hörspiel erschienen.

Wie oft haben wir, als die Krise noch aktuell war und nicht überdeckt durch Fußball oder die B-Frage, lesen können, das alles sei doch schon einmal dagewesen. Und wie oft wurde diese Behauptung widerlegt. Da durften Historiker und Wirtschaftswissenschaftler dann erklären, warum 2007 nicht 1929 ist und der Zusammenbruch von Lehmann Brothers weder ein Schwarzer Donnerstag noch ein Schwarzer Freitag. Und irgendwie haben sie ja auch alle recht gehabt. Irgendwie aber eben auch nicht.

Alle Krisen nämlich haben einen kleinsten, gemeinsamen Nenner: den Menschen. Durch ihn erst entstehen sie und um ihn herum entwickeln sie sich zu Tragödien. Macht man sich das bewusst, wird man vielleicht etwas weniger stutzig, wenn man den Satz «Als Kassenpatienten müssten wir endlos sitzen» aus Pinnebergs Mund hört. Denn diesen Satz hat ihm Hans Fallada in den Mund gelegt, als Protagonist seines großen Romans Kleiner Mann – was nun?. Und das war 1932.

Johannes Pinneberg, seines Zeichens ein kleiner Angestellter und liiert mit Emma «Lämmchen» Mörschel, stolpert in diesem Roman mehr schlecht als recht durch das Leben der Weltwirtschaftskrise. Nun, beinahe 70 Jahre später, erscheint dieser Klassiker als Hörspiel, in dem Laura Maire und Matthias Brandt die beiden Hauptrollen übernehmen. 74 Minuten des Mitleidens für den Hörer, 74 Minuten, die ein Leben beleuchten, das sich problemlos ins Heute übertragen ließe. Und so sei die Floskel erlaubt, dass dieser Roman trotz seines Alters so aktuell ist wie eh und je.

«Von weitem sieht eine Ehe außerordentlich einfach aus»

Die Handlung dabei ist so schlicht, wie die Inszenierung des Audio-Verlags. Erst wird Pinnnebergs Freundin schwanger, dann verliert er seinen Job und schließlich muss sich dieser rechtschaffene und stets bemühte Bürger auch noch von Polizisten derart demütigen lassen, dass er sich fast nicht mehr nach Hause traut. Wenn wenigstens dort alles in Ordnung wäre. Doch das ist es nicht, die Krise hinterlässt gerade im Privaten ihre Spuren. «Von weitem sieht eine Ehe außerordentlich einfach aus», erzählt der Erzähler in nüchternem Ton. «Aber in der Nähe löst sich die Geschichte in tausend Einzelprobleme auf.» Und selbst darüber, dass er recht bald eine neue Anstellung bekommt, kann sich Pinneberg nicht recht freuen. Denn er merkt: «Zeugnisse nützen nichts. Tüchtigkeit nützt nichts. Anständig aussehen nützt nichts. Demut nützt nichts.» Man ist auf den Zufall angewiesen, auf Gefälligkeiten, muss die Willkür von Vorgesetzten ertragen.

Es sind gerade die detaillierten Beschreibungen der Lebenswirklichkeit, die Falladas Roman zu einem so großen Erfolg gemacht haben, die Szenen der kleinen Leute, die Dialoge. Und die haben Regisseurin Irene Schuck und Dramaturgin Susanne Hoffmann gut eingefangen. Es ist ein stimmungsvolles Bild dieser Welt und vor allem Laura Maires Lämmchen ist bezaubernd. Lediglich die teils etwas zu unmotivierten Musik von Sabine Worthmann stört das Vergnügen, das die Inszenierung des NDR bereitet.

Vor allem ist dieses Hörspiel nah dran an Falladas Roman, nah dran an seiner Sprache, seinen Botschaften. Der universalen etwa, dass zwar das Geld die Welt regiert, die Liebe jedoch hinter seinem Rücken ihre eigenen Gesetze schreibt. «Es ist schrecklich gut, dass wir uns haben, was?», flüstert Lämmchen einmal ihrem Pinneberg zu. Und man möchte seufzen und daran denken, dass 2007 nicht 1929 war und der Zusammenbruch von Lehman Brothers weder ein Schwarzer Donnerstag noch ein Schwarzer Freitag. Doch alle Krisen haben einen kleinsten, gemeinsamen Nenner: uns.

Titel: Kleiner Mann – was nun?
Autor: Hans Fallada
Sprecher: Laura Maire, Matthias Brandt u.a.
Verlag: Der Audio-Verlag
Spielzeit: 74 Minuten
Preis: 14,99 Euro
Erscheinungsdatum: 29. Mai 2010

juz/news.de
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