Von news.de-Redakteurin Katharina Schlager
Friede, Freude, Vorstadtidylle? Wenn sich Kate Winslet und Patrick Wilson in eine wilde Affäre hineinlangweilen, dann brodelt es hinter dem scheinheiligen Gesicht der Mittelschicht. Little Children ist ein weiterer faszinierender Teil des ARD-Sommerkinos.
Welch ein Glück, dass sich Kate Winslet inzwischen ihren langverdienten Oscar (für Der Vorleser) ins Regal stellen kann. Zuvor war die britische Mimin bei fünf Nominierungen leer ausgegangen. Auch die Rolle der Sarah in dem Film Little Children, der im ARD-Sommerkino ausgestrahlt wird, steht auf der Liste der enttäuschten Goldjungen-Hoffnungen. Dabei wäre gerade dieses feingeistige und schwarzhumorige Drama die Trophäe wert gewesen.
Sarah lebt in einer Vorstadtidylle. Der perfekte Ehemann. Die perfekte kleine Tochter. Das perfekte Haus. Die perfekte Stunden mit anderen perfekten Mütter auf dem Spielplatz. Dennoch ist Sarah nicht glücklich, ist gelangweilt und fühlt sich eingeengt. Als der gutaussehende Hausmann und Dauerjurastudent Brad mit seinem Sohn die Damenwelt des Spielplatzes in helle Aufregung versetzt, fängt Sarah an, mit dem Feuer zu spielen. Was als harmlose Turtelei für die wallenden Hormone und das etwas geknickte Selbstwertgefühl anfängt, entwickelt sich schnell zu einer heftigen Affäre. Auch wenn die beiden sich dies gerne einreden - um Liebe geht es bei diesem Aufbäumen gegen die Vorstadtzwänge nie.
Nicht nur die Affäre, die stets Gefahr läuft aufzufliegen und das harmonische Familienleben zu zerstören, steigert sich unmerklich und ganz subtil in unheilsverkündender Atmosphäre ins beinahe Unerträgliche. Ständig erahnt der Zuschauer das fatale Disaster, auf das die Figuren unweigerlich und unausweichlich zuzusteuern scheinen. Auch der aus dem Gefängnis entlassene Kinderschänder Ronnie sorgt dafür, dass die Fassade der heilen Vorstadtwelt langsam düster zu bröckeln beginnt.
Regisseur Todd Field, der die ruhig erzählte Geschichte in ästhetisch perfekte Bilder verpackt, bricht die scheinheilige Weltanschauung der ach so freundlichen Nachbarschaft in grotesk übersteigerten Bildern. Wenn etwa Ronnie mit Taucherbrille bewaffnet in den Pool des städtischen Freibad steigt und besorgte Mütter in einer hysterischen Massenpanik ihre Kinder aus dem Wasser in Sicherheit zerren, dann ist die Frage nach Gut und Böse, bedrohlich und geborgen nicht mehr ganz so einfach zu beantworten, wie die Rollenverteilung es eigentlich erwarten lässt.
Der ehemalige Kinderstar Jackie Earle Haley kehrte in der mutigen Rolle des pädophilen Ronnie nach 13 Jahren Leinwandabstinenz erstmals wieder vor die Kamera zurück und heimste wie seine Kollegin Winslet für seine Leistung eine Oscarnominierung ein. Völlig zurecht. Bereits in Little Children beweist Haley sein unglaubliches Talent, dem bedrohlichen Psychopathen eine menschliche fast bemitleidenswerte Seite zu geben. Eine Begabung, die auch als Rorschach in Watchmen und George Noyce in Shutter Island zum Tragen kommt und einen großen Anteil an der Faszination dieser Filme ausmachte.
Little Children, 24. Juni, 22.45 Uhr, Das Erste.
car/ivb/news.de