Die Tanzfläche als Trostpflaster
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Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 18.06.2010
Vergessen Sie Lady Gaga, vergessen Sie Kylie Minogue! Das Pop-Album des Jahres kommt aus Schweden, von Robyn – kurz, aber melancholisch-grandios. Und das Beste daran: Die 31-Jährige will in diesem Jahr noch zwei weitere Platten auf den Markt bringen.
Tanzen? Oder heulen? Tanzen? Oder heulen? Ach, Robyn! Könnte man doch beides zur selben Zeit! Doch die Disco ist kein Ort für Tränen, hier heißt es Haltung bewahren – durch Haltungswechsel. Also tanzen. Was das Zeug hält.
Die uns da so scheinbar ausweglos in die Bredouille bringt – Robyn, 31, geboren in Stockholm –, ist seit ihrem Hit With Every Heartbeat, den sie 2007 mit ihrem Landsmann Kleerup produziert hat, auch hierzulande bekannt. Mit Konichiwa Bitches legte sie im selben Jahr eine der einflussreichsten Elektro-Nummern der vergangenen Jahre vor, nun will die Sängerin bis Jahresende gleich drei Mini-Alben auf den Markt bringen. Das erste, Body Talk Pt. 1, erscheint heute.
«My shopping's killing me»
Die Botschaften dieses gerade einmal 32-minütigen Kunstwerks sind aufs Äußerste gegensätzlich: Euphorie und Leiden, Entzücken und Tristesse, Erlösung und Mühsal. «My drinking is killing me», leitet Robyn den Opener Don't Fucking Tell Me What To Do ein, und dann folgt ein spöttisches Lamento der modernen Weiblichkeit: «My smoking is killing me. My diet's killing me. My heels are killing me. My shopping's killing me.» Dieses Leben zwischen Luxus und Stress und Luxusstress, es bringt einen um. Dazu bumpert ein trockener Beat, sporadisch und beiläufig klimpert ein Synthesizer.
Es ist ein minimalistischer Start in ein Album, das auf die ganz großen Gefühle setzt. «FembotsRoboter in Frauengestalt. have Feelings too», heißt es augenzwinkernd im zweiten Track, dessen Refrain klingt wie eine maschinisierte, gepitchte Version der Rivers of Babylon und dem melodisch verspielte Rap-Kaskaden folgen, in denen Robyn die Schönheit ebenso preist wie das Androgyne und das Androide. Eine Welt voller Technik und Weiblichkeit, Fortschritt und Erfolg ist es, die Robyn besingt. Eine Welt aber auch zwischen Hoffen und Bangen, Jugend und Alter, Selbstbewusstsein und Depression. «I need some kind of miracle, 'cause I lost all my faith in science», singt Robyn in Cry When You Get Older. «So I put my faith in me.» Wenn man nichts mehr hat, hat man immer noch sich selbst. Und die Disco.
Am Ende bleibt nur der Exzess
Am Ende nämlich muss vielleicht gar keine Entscheidung getroffen werden, zumindest keine zwischen Tanzen und Heulen. «I'm in the corner, watching you kiss her, I'm right over here, why can't you see me», singt Robyn in Dancing On My Own über eine verlorene Liebe und den brennenden Schmerz der Eifersucht. Doch er wird sie nicht sehen an diesem Abend, er wird nicht sie mit nach Hause nehmen in dieser Nacht. Und so bleibt nur das Tanzen, der Exzess, sich selbst in Grund und Boden feiern: «I'm just gonna dance all night, I'm all messed up, I'm so out of line, Stilettos and broken bottles, I'm spinning around in circles.» Die Tanzfläche als Trostpflaster, dass zwar keine Wunden heilt, aber immerhin Linderung verschafft. «I came to dance, not to socialize», heißt es in Dancehall Queen. Diese glückselige Portion Selbstmitleid, wer kennt sie nicht?
Robyn, die sich mit reduzierten Mitteln und immer neuen Anspielungen auf 90er-Jahre-Techno, Dub, Industrial und Teenie-Pop von Album zu Album weiterentwickelt hat, ohne sich jedoch ständig neu erfinden zu müssen, gesellt sich nicht erst mit Body Talk Pt. 1 und dem Video zu Dancing On My Own zur Avantgarde des Pop. All die vermeintlichen Stil-Ikonen - Lady Gaga, Madonna, Fergie oder Kylie -, sie wirken farblos neben der nobel-blasshäutigen Schwedin, deren Tracks die auf Masse zugeschnittene Musik der Popwelt so abgestanden klingen lassen.
Flucht in die Tradition
Doch nach den ersten fünf Stücken des neuen Albums, Inbegriff von Pracht und Pomp, gibt es einen Bruch, eine plötzliche Wendung. Bevor es nämlich zu herrlich-melancholisch wird, greifen Röyksopp ein, mit denen Robyn None of Dem aufgenommen hat, ein kurzes, knackiges Intermezzo über die Monotonie der Stadt, all die Jungen und Mädchen ohne Stil und Klasse, all die Musik ohne Ecken und Kanten. «None of these beats ever break the law, none of dem kicks go boom, none of dem basslines fill the room», heißt es da und wieder muss man an Lady Gaga denken. Oder an Kylie. Und Robyn flüchtet, sie flüchtet sich in die letzten beiden Tracks, in die Einsamkeit, die Tradition.
Mit Hang With Me, einer mit björkesker Stimme vorgetragenen Acoustic-Ballade, die man recht schnell wieder vergessen hat, bereitet sie den großen Coup vor: Jag Vet En Dejlig Rosa, ein Volkslied, das deutsche Pfadfinder als Ich weiß ein' schöne Rose kennen. Ein schwedisches Volkslied. Nur von einem Xylophon untermalt. «Wann kommt er denn endlich, der Beat?», fragt man sich. Doch er wird nicht mehr kommen. Am Ende ist der Dancefloor weit weg, ist der letzte Tanz getanzt. Am Ende steht die Stille. Das Trostpflaster, es hat seine Pflicht getan. Hinreißend.
Interpret: Robyn
Titel: Body Talk Pt. 1
Plattenfirma: Ministry Of Sound (Warner)
Erscheinungsdatum: 18. Juni 2010
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