Fr., 10.02.12

«Alpha» Witz und Wahnsinn

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke

Artikel vom 15.06.2010

14 Milliarden Jahre sind eine kaum vorstellbare Zeitspanne. Jens Harder aber hat sie zwischen zwei Buchdeckel gepackt und mit Alpha einen Comic über die Entstehung der Welt gezeichnet – 2000 Bilder auf 350 Seiten. Ein spielerisches, faszinierendes und äußerst unterhaltsames Werk.

Eigentlich sei das, was er da getan habe, ein Witz, sagt Jens Harder. Die Geschichte der Evolution – 14 Milliarden Jahre – auf 350 Seiten. Als Comic. Wahnsinn könnte man es auch nennen, doch Harder hat ihn Wirklichkeit werden lassen und mit Alpha ... directions einen Wälzer geschaffen, der die Geschichte vom Urknall bis zu den ersten Frühmenschen in Bildern erzählt. Folgt man der Rechung, die Harder selbst aufmacht, werden die Dimensionen klarer: Bei grob geschätzten 2000 Zeichnungen habe er im Schnitt für jeweils sieben Millionen Jahre ein Bild gezeichnet. Die Zeit, sie sprengt die Grenzen unseres Denkens.

Genau dem aber stemmt sich Jens Harder mit diesem Buch entgegen. Den beiden großen Fragen der Menschheit (Wie hat alles angefangen und wie wird alles enden?) könne man sich zwar nur annähern, gesteht Harder ein. Doch dieses Buch ist zumindest der Versuch dessen, wenn auch einer, der eine sympathische Portion Größenwahn nicht verhehlen kann.

Am Nullpunkt des Universums

Dabei beginnt Harder ganz bescheiden, mit einer fast leeren, weißen Seite und einem kaum sichtbaren, orangefarbenen Punkt. «Zu Beginn existiert nur ein Keim, die Singularität», schreibt er dazu. «Aus diesem fußballgroßen Urzustand unendlicher Dichte und Temperatur heraus expandiert das Universum.» Das zumindest ist die wissenschaftliche Sicht auf den Urknall. Doch es gibt auch andere Ur-Mythen und so thront inmitten der monochromen Bilder von Plasma, Materie und Antimaterie Gottvater auf einer Wolke. Immer wieder wird Harder auf den verbleibenden 320 Seiten solche Verweise einstreuen, nicht nur auf das Christentum. Mit Alpha wolle er den Versuch unternehmen, «erstmals alle visuellen Vorstellungen über die Entwicklung ab dem angenommenen Nullpunkt zur Entstehung des uns bekannten Universums zu bündeln». Und von denen gibt es eine Menge.

Doch Harder geht nicht nur auf Religionen und Mythen ein, auch Verweise auf die menschliche Entwicklung finden sich hier und da eingestreut. Dabei endet Alpha eigentlich mit den ersten Frühmenschen und zwei weitere Bände sollen folgen: Beta ... civilizations, der die Geschichte der Menschheit darstellen will und Gamma ... visions, mit dem Harder einen Blick in die Zukunft wagen wird. Doch schon in Alpha stellt er immer wieder Verbindungen her zwischen Evolution und menschlicher Existenz, zeichnet Radioteleskope zwischen die gerade erst entstehenden Sterne, Bergwerke zwischen die sich im PaläozoikumDas älteste der drei Erdzeitalter, das den Zeitraum von etwa 542 Millionen Jahre bis 251 Millionen Jahre vor heute umfasst. einlagernden fossilen Brennstoffe oder Drachen und primitive Fluggeräte zwischen die ersten Flugsaurier des MesozoikumsDas Erdmittelalter, das vor etwa 251 Millionen Jahren begann und vor etwa 65,5 Millionen Jahren endete. . Evolution ist für Harder weit mehr als nur die Weiterentwicklung der Natur, sie beinhaltet für ihn auch die Veränderungen in Bereichen wie Sozialgeflechten, Sprachsystemen, Architektur, Musik oder Religion.

Berge von Bildern

Und immer wieder bricht Harder seinen eigenen zeichnerischen Stil auf und zitiert aus Kunst- und Kulturgeschichte, dass es eine Freude ist. «Bei meiner Recherche sammelte ich Berge von Bildern», sagt er. Einmal querbeet, von Hieronymus Bosch über Albrecht Dürer, Hans Holbein den Älteren oder Francisco de Goya bis zu Vincent van Gogh oder Roy Lichtenstein. Harder schnappt sich die großen Ikonen, die unsere Vorstellung von der Entwicklung der Welt geprägt haben, wirft aber auch einen Blick auf andere Kulturkreise, von den Azteken bis zum japanischen Kaiserreich. Und schließlich – immerhin ist Alpha ein Comic – streut er humorvolle kleine Spitzen ein, bedient sich bei Carl Barks oder Hergé, lässt Donald Duck inmitten gefräßiger Urfische schwimmen oder platziert das U-Boot aus Tim und der Haifischsee im oberdevonischenAls Oberdevon wird die Periode zwischen 385,3 und 359,2 Millionen Jahren vor heute bezeichnet. Meer.

Harders Illustrationen selbst sind kaum weniger vielfältig. Schlichten Skizzen folgen zum Bersten mit Details gefüllte Panoptiken, sein Stil erinnert an Holzschnitte und die Zeichnungen früher Naturforscher. Dabei springt er ständig in der Perspektive, mal ist die Geschichte gegenwärtig, mal blicken wir wie Wissenschaftler in die Vergangenheit, mal wird das Heute als Zukunftsvision skizziert. Harder zeigt uns die Entstehung der Welt und der ersten Mikroorganismen, er zeigt uns die Urmeere und die ersten Schritte des Lebens an Land, er erzählt von der Aufrüstung der Natur und der Explosion der Artenvielfalt, von verheerenden Katastrophen und dem immer währenden Kreislauf aus Leben und Tod und dem Ringen um einen Platz an der Spitze der Nahrungskette.

Ein Werk der Aufklärung

Diesem visuellen und inhaltlichen Überfluss, der auch Zeugnis eines immensen Wissens ist, stellt der 1970 in Weißwasser geborene Zeichner eine reduzierte Farbigkeit sowie ein Minimum an Text entgegen. Verständlich, aber fundiert erläutert er damit das Nötigste, während die monochrom gefassten Seiten einer bestechenden Logik folgen: Von Glutrot über Orange, Grün- und Blautöne wiederholt sich das Farbspektrum zweimal, um schließlich mit dem KänozoikumDas Känozoikum beginnt vor etwa 65,5 Millionen Jahren und dauert bis heute an. in Lila und Rot zu enden. Das System dahinter: Harder zeichnet mit diesen Farben die verschiedenen Klimaphasen der Erdentwicklung nach, die Hitzeperioden und Eiszeiten, das Auf- und Ab der Temperaturen. Es wird interessant sein, wie er diese Logik in den kommenden zwei Bänden weiterdenkt.

Jens Harder hat für Alpha in diesem Jahr nicht umsonst den Max-und-Moritz-Preis des Erlanger Comic-Salons für den besten deutschen Comic erhalten. Umso erstaunlicher ist, dass er nach dem Erscheinen des Buches Anfang 2009 in Frankreich über ein Jahr lang keinen deutschen Verlag finden konnte. Harder hat ein Werk geschaffen, dass – obwohl er es selbstkritisch als unfertig und nicht perfekt bezeichnet – einzigartig ist, dass die Grenzen zu anderen Gattungen mühelos sprengt, zum Bilderbuch etwa, zur Graphic Novel. Er vermag es, aus der für die meisten Menschen nicht vorstellbaren Komplexität der Welt, des Universums, verständliche Bilder zu zaubern. Somit ist Alpha ein zutiefst aufklärerisches Werk für Leser beinahe jeden Alters. Und ein zutiefst unterhaltsames noch dazu.

Autor: Jens Harder
Titel: Alpha ... directions
Verlag: Carlsen
Seitenzahl: 352 Seiten
Preis: 49,90 Euro
Erscheinungsdatum: Juni 2010

car/reu/news.de
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