Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Alors On Nerve: Der Belgier Stromae veröffentlicht mit Cheese sein erstes Album auch in Deutschland. Und beweist: Selbst Musik, die nervt, kann faszinierend sein. Und selbst Tristesse und ewige Wiederholungen sind kein Grund, nicht zu tanzen.
Kommen Sie mit in die tiefsten musikalischen Abgründe der 1990er Jahre, in die Hölle des Dancefloor und den Orkus des Trance. Stromae, der unsere Ohren mit Alors On Danse bereits einige Wochen malträtiert hat, legt nach: Cheese, sein erster Longplayer, ist eine Ansammlung von Zitaten und Samples, die sich in der Eintönigkeit zu verlieren drohen. Doch irgendwie schafft es der Belgier, einen bei der Stange zu halten. Bis man fasziniert ist.
Das größte Faszinosum nicht nur an diesem Album ist die Stimme des 25-jährigen Paul Van Haver, dessen Künstlername ein VerlanLaut Wikipedia ist Verlan «eine in der französischen Jugendsprache verbreitete Spielsprache, in der die Silben umgekehrt werden.» von «Maestro» darstellt. Diese Stimme, sie bewegt sich in einem Grenzland zwischen Chanson, HipHop und Mantra. In manchen Momenten erinnert die inbrünstige Art, seine Texte vorzutragen, an Jacques Brel, dieses Dahingestöhnte, dieses Absacken am Ende einer Zeile, und dahinter liegt ein Klangteppich, der selbst dem eintönigsten Gameboy-Sound noch Konkurrenz machen könnte.
Für das Wohnzimmer ist dieses Album insofern nicht gemacht. Nicht einmal für einfachste Haushaltstätigkeiten genügt die Konzentration noch, wenn Stromae loslegt. Diese Platte ist in den Clubs zu Hause, sie ist für die Tanzflächen gemacht, für die wirklich späten Momente. Selbst ein Track wie Summertime mit seinem vielversprechenden Titel wird durch die melancholische Melodie und die orientalisch pfeifenden Synthi-Fetzen zu einer Ekstase in Moll.
Diesen Widerspruch aufzulösen, macht sich der 1985 in Brüssel geborene Musiker gar nicht erst die Mühe. Tanzmusik muss nicht fröhlich klingen, sie muss nicht euphorisch sein, auch in der Tristesse von Titeln wie Te Quiero oder Dodo liegt eine gewisse Anziehungskraft.
Zudem erinnert einen dieses Album an Spielereien, wie sie manch einer in seiner Jugend mit dem ersten Keyboard angestellt haben dürfte. Da gab es Instrumente wie «Frog» oder «Harpsicord», die auch Stromae ohne mit der Wimper zu zucken verwurschtelt, da konnte man selbst mit den simpelsten Melodien eine Gänsehaut erzeugen, wenn man sie nur mit genug Hall versah oder einen ordentlichen Brass-Teppich darunterlegte.
Insofern ist Stromaes Cheese ein Zwitter-Album, ein musikalisches und emotionales Chamäleon. Es schwimmt einerseits gekonnt auf der Retro-Welle mit, die zuletzt durch die Platten von Robyn, Kelis oder auch Chris Brown noch einmal mehr oder weniger Schwung bekommen hat. Andererseits aber widersetzt es sich der Opulenz, der Euphorie, und zieht sich eher zurück in eine Ecke, in der zwar getanzt werden darf – außer zum bereits erwähnten Alors On Danse jedoch besser allein.
Interpret: Stromae
Titel: Cheese
Plattenfirma: Universal
Erscheinungsdatum: 25. Juni 2010