Von Gregor Tholl
Kann man einem Mörder die Hand schütteln? Regisseur Oliver Hirschbiegel seziert in seinem britisch-irischen Film Five Minutes of Heaven den Nordirlandkonflikt und bricht ihn auf das Schicksal zweier Männer herunter.
Der deutsche Regisseur Oliver Hirschbiegel wurde vor rund sechs Jahren mit dem umstrittenen Hitler-Epos Der Untergang weltbekannt. Drei Jahre danach gab er mit dem Science-Fiction-Film Invasion mit Nicole Kidman und Daniel Craig sein Hollywood-Debüt. Dabei machte er unschöne Erfahrungen mit Studiobossen, die sich ständig einmischten. Jetzt durfte er mit Five Minutes of Heaven wieder ein historisches europäisches Thema behandeln: Der britisch-irische Film seziert anhand des Nordirland-Konflikts die Folgen von Gewalt und Hass. Hirschbiegel kann hier vollends seine Stärken für Kammerspiele und Schauspielerführung zeigen. Engagiertes europäisches Kino. Mancher würde allerdings sicher sagen, dass es auch ein Fernsehfilm getan hätte.
Ein versteinertes Gesicht. Es gehört dem elfjährigen Joe Griffin, der gerade unbedarft auf einer Straße im nordirischen Lurgan Fußball gegen die Wand seines Elternhauses spielt. Nun starrt er einen Mann mit Strumpfmaske an. Der junge Kerl ist soeben mit quietschenden Reifen vorgefahren und hat durch das Fenster Joes älteren Bruder erschossen. Die Blicke des Elfjährigen kleben an den eiskalten Augen in den Sehschlitzen. Ein Augenblick, der den 16-jährigen Mörder und den Jungen das ganze Leben lang beschäftigen wird.
33 Jahre später, im Jahr 2008: Der Mörder Alistair Little hat längst zwölf Jahre im Gefängnis gesessen und gesellschaftlich wieder Fuß gefasst. Geläutert kämpft er jedoch noch immer mit seiner Schuld. Im Zuge des angelaufenen Friedensprozesses in Nordirland therapiert ein TV-Sender die Gesellschaft und initiiert Gespräche von Opfern und Tätern. Alistair, nun gespielt von Oscar-Preisträger Liam Neeson (Schindlers Liste), soll in einem idyllischen Schloss Joe treffen, eindrucksvoll verkörpert von James Nesbitt (Bloody Sunday).
Wie dem Mörder die Hand schütteln?
Seit der Tat haben sich Alistair und Joe nicht mehr getroffen. Für das TV-Team sieht es nach einer Versöhnung aus. Doch bei Joe im Kopf dröhnen noch immer die Schüsse, verblutet noch immer der Bruder, hämmern noch immer die Vorwürfe der Mutter, er habe damals die Tat nicht verhindert. Wie soll er da mit dem Mann reden, der für all das verantwortlich ist? Wie soll er dem Mörder und Zerstörer seines Lebens die Hand schütteln? Joe hat heimlich ein Messer dabei und sinnt auf Rache. Er will seine «five minutes of heaven» (seine fünf Minuten Genugtuung). Erst in letzter Sekunde flieht er aus der inszenierten Situation.
Doch damit ist die Begegnung von Joe und Alistair nur verschoben. Zum Showdown kommt es eines Tages ohne Kameras. Die beiden Männer treffen sich auf privates Betreiben hin in dem inzwischen verfallenen Elternhaus von Joe. Es geht um Leben und Tod.
Hirschbiegels Film fußt auf Fakten beziehungsweise der akribischen Recherche des Drehbuchautors Guy Hibbert, der zwei tatsächlich betroffene Männer interviewte und mit deren Gefühlsschilderungen das Drama erarbeitete. Herausgekommen ist eine eindrucksvolle und unsentimentale Studie, ein Film, der es sich nicht zu einfach macht. Karg, packend, erschütternd und doch nicht ganz ohne Hoffnungsschimmer.
Hauptdarsteller Neeson, selbst aus Nordirland, betont im Presseheft die politische Relevanz des Films. In seiner Heimat hätten die Menschen jahrzehntelang Hass, Gewalt und Misstrauen erlebt. «Dieser Film handelt von zwei Männern, die sich damit auseinandersetzen. Diese Geschichte könnte leicht auf jeden Krisenherd der Welt bezogen werden, sie besitzt Allgemeingültigkeit.»
Titel: Five Minutes of Heaven
Regie: Oliver Hirschbiegel
Verleih: Neue Visionen
Filmlänge: 90 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Kinostart: 17. Juni 2010