Karma und Konsum
Wollen Sie wissen, wie es bei dem Thema weitergeht?Wir informieren Sie gerne kostenlos.
Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Artikel vom 10.06.2010
Mit Happinez kommt ein neues Lifestyle-Magazin auf den Markt, das seine Leser zu besseren Menschen machen will. Leider aber richtet es sich nur an Frauen. Die Männer also müssen auch weiterhin egoistisch und oberflächlich bleiben. Schade – denn das Konzept der Zeitschrift überzeugt.
Selbst ein Mensch, der noch so sehr auf sein Innerstes schaut, der noch so sehr versucht, ein gutes, ein sinnvolles Leben zu führen, kommt nicht aus ohne die ein oder andere Annehmlichkeit, ein wenig Konsum und ein gerüttelt Maß an Eitelkeiten.
Und so findet sich im neuen Magazin Happinez, das der Bauer-Verlag von heute an zweimonatlich auch an deutschen Kiosken verkauft (in den Niederlanden hat es sich seit dem Launch 2003 bereits zur auflangestärksten monatlichen Frauenzeitschrift entwickelt), hinter dem pinken Cover mit der Schlagzeile «Liebe» erst einmal Werbung für Kosmetik. Naturkosmetik zwar, doch schon da wird klar: Innere Schönheit ohne die äußere ist nur halb so schön.
Und es dauert auch nicht lange, bis die Redaktion des zum Start in einer Auflage von 150.000 Stück gedruckten Mindstyle Magazines«Mindstyle steht für die Verbindung von Geist und Herz», sagt Jörg Hausendorf von Bauer. «Diese Suche nach Sinn und spiritueller Tiefe ist ein fundamentales Bedürfnis unserer Zielgruppe.» Gerade in unsicheren Zeiten hätten die Menschen einen Wunsch «nach positiver und inspirierender Unterhaltung». nachzieht. Schon wenige Seiten später – da hat man gerade einmal das Inhaltsverzeichnis und eine Yoga-Fotostrecke hinter sich – preist sie selbst Produkte an: fair produzierte Sneaker aus Pakistan, biologische Gesichtsmasken aus Indien oder Wellness-Kerzen mit «Schmelzwasser vom Mont Cervin» – prosaisch auch Matterhorn genannt.
Fairerweise allerdings muss man – bevor das alles als Vorwurf verstanden wird – auch sagen, dass sich Happinez nicht an irgendeine Zielgruppe richtet, sondern an Frauen im Alter zwischen 35 und 50 Jahren, «die Wert auf einen bewussten Lebensstil sowie emotionale Weiterentwicklung legen». Und für Frauen, die in dieses Raster passen (dass sie sich dazu auch noch einen gewissen Luxus leisten können sollten, erfährt man aus der Pressemeldung des Verlags, die Happinez dem Segment der «New Luxury Magazine» zuordnet), gehören zu einem bewussten Lebensstil eben auch die passenden Produkte. Das ist für Männer nicht anders. Und wo es eine Erwartungshaltung gibt, wäre ein Verlag dumm, diese nicht mindestens teilweise zu erfüllen.
Bring mehr Liebe in dein Leben
Im Editorial der ersten Ausgabe findet sich denn auch ein schöner Satz, der beschreibt, warum «Themen wie Weisheit, Psychologie und Spiritualität» sich durchaus mit Konsum und einem gewissen Maß an Eitelkeit vertragen: «Dieses Magazin möchte den Graben überbrücken zwischen dem Geist und dem Herzen, zwischen der äußeren und der inneren Schönheit.» Oder, mit anderen Worten: Konsum ja, aber bitte bewusst. Eitel auch gern ein wenig, aber wenigstens mit Verstand. Auch das kann Teil eines erfüllten und sinnvollen Lebens sein, die LohasLifestyle of Health and Sustainability, zu deutsch: Lebensstil für Gesundheit und Nachhaltigkeit. machen es uns seit einigen Jahren vor, auch wenn ihnen Kritiker vorwerfen, mehr aus Egoismus, denn aus ökologischem Bewusstsein zu handeln.
Und noch etwas muss fairerweise erwähnt werden: Es finden sich in dem 145 Seiten starken Magazin gerade einmal ein dutzend ganzseitige Anzeigen, wobei diese Zahl natürlich nicht in Stein gemeißelt sein wird, sowie 17 Seiten, die konkrete Produktempfehlungen enthalten – von DVDs oder Büchern über Kinderprodukte bis hin zum Happinez-eigenen Homeshopping-Angebot. Über die übrigen verteilen sich Interviews und Reportagen, Fotostrecken und Kolumnen wie etwa von Paulo Coelho und für ein Frauenmagazin unverzichtbare Inhalte wie Rezepte oder Ratgeberthemen. Das Versprechen also, dass dieses Magazin für Menschen entwickelt wurde, «die interessiert sind am Entdecken ihrer Innerlichkeit», kann die Redaktion durchaus einlösen.
So findet die Leserin in Ausgabe eins beispielsweise zwölf zum Hefttitel passende «Bring-mehr-Liebe-in-dein-Leben-Karten», auf deren Vorderseiten spirituelle Zitate stehen und deren Rückseiten konkrete Lebenshilfe bieten. «Legen Sie diese Karten an einen Ort, an dem Sie sich oft aufhalten», lautet die Gebrauchsanweisung. «Ziehen Sie eine, wenn Sie in der Stimmung sind, und folgen Sie der Anregung auf der Rückseite.» Beispiel gefällig? «Tun Sie heute jemandem einen Gefallen. Lassen Sie es diejenige oder denjenigen jedoch nicht wissen.» Oder: «Flüstern Sie sich heute mehrmals zu: Mir fehlt nichts. Ich habe schon alles. Ich bin in Sicherheit.» Das Glück im Kleinen, es ist so leicht zu erreichen, wissen wir doch, dass Psychotricks wie diese, regelmäßig angewendet, durchaus helfen, den Alltag besser zu meistern.
Teils bewährter, teils neuer Mix
Und so pendelt dieses Magazin nicht nur beim Layout, das florale Verspieltheit und moderne Gradlinigkeit vereint, es pendelt auch inhaltlich: Von kleinen, spirituellen Spielereien – die die ein oder andere Leserin als Schnickschnack abtuen dürfte – reicht das Spektrum bis zu hochwertigem Journalismus wie dem Interview, das Susan Smit mit dem Primatenforscher Frans de Waal über die Seele von Menschen und Tieren geführt hat, über Empathie und die Frage, wie viel Affe in uns allen steckt, oder Dagmar van der Neuts Bericht über ihre Reise zu den Schamanen Nordvietnams.
Mit diesem teils bewährten, teils neuen Mix hinterlässt die erste Happinez-Ausgabe, die Bauer «aufgrund der sehr guten Resonanz aus dem Anzeigenmarkt sowie Expertenkreisen» von Ende August auf heute vorgezogen hat, einen vielversprechenden Eindruck. Das Heft-Motto ist konsequent umgesetzt, das Layout ansprechend und nur selten leicht überfrachtet, die Texte trotz ihres esoterischen Grundtons lebensnah und äußerst lesenswert.
Nur einen Einwurf muss sich der Verlag – wie auch alle anderen Verlage, die sich auf dem Segment der Lifestyle-Magazine tummeln – gefallen lassen, ist es doch ein Klischee, dass nur Frauen an Themen wie Weisheit, Psychologie und Spiritualität interessiert sind, an nachhaltigem Leben und Schönheit, an Liebe und gutem Essen: Das Konzept von Happinez lässt sich sicherlich nicht eins zu eins auf ein Männermagazin übertragen – oder wenigstens eines, das kein Geschlecht explizit anspricht. Die Zeit jedoch wäre längst reif dafür.
voc/ivb/news.de
Zum Thema
Thema verfolgen »
Artikel kommentieren
Ausgerechnet in der Krise kommt ein neues Wirtschaftsmagazin auf den Markt. Eine mehr ...
Grazia soll einen neuen Magazintyp etablieren: Hochglanz-Crossover. Wir verraten, wie gut der Neuling wirklich mehr ...
Die erste Brigitte ohne Profi-Models ist erschienen. Eine Revolution? Nein, nur eine herbe mehr ...