Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Manchmal muss die Liebe einfach in quietschbunten Saris betanzt werden: Ein Bollywood-Film kann ein lohnendes Erlebnis sein. Vor allem wenn Shah Rukh Khan dabei ist.
Mit Bollywoodfilmen ist das so eine Sache. Manch einer ergreift schreiend die Flucht, sobald säuselnde Gesänge und Tablaklänge erschallen, bunte Saris über die Leinwand rauschen und Superstar Shah Rukh Khan mit flatterndem Hemd die Berge anschmachtet.
Zugegeben: Diese Filme sind speziell, aber wenn man einen Schritt aus den westlichen Perspektive heraustritt und akzeptiert, dass Mumbai einfach einen anderen Ansatz fährt, können diese Filme sehr spannend sein. Wer das gleich als Kitsch abtut, verpasst einen gesunden Perspektivwechsel: In Bollywoodfilmen werden Gefühle eben nicht verschämt versteckt, sondern voll ausgekostet. Während Hollywood Liebe mit scheuen Blicken und schmachtenden Streichern eher dezent andeutet, feiert Bollywood diesen Moment wie eine Hochzeit – mit schillernden Gewändern, melodramatischen Gesängen und ausgeklügelten Tänzen. Liebe fühlt sich schließlich nicht eindimensional an und genauso ist es mit den Dramen. Da werden die Tränendrüsen angeteasert, bis wirklich alle Dämme brechen.
Hier sind Gefühle die eigentlichen Protagonisten und weil man Gefühle nur schwer sehen kann, müssen sie betanzt und besungen werden. Und mal ehrlich: Eine Liebe auf den ersten Blick handelt doch keiner mit einem Augenaufschlag und ein paar Geigenklängen ab. In der Erinnerung wird jedes Detail ausgeschmückt, gehegt und gepflegt und da flattern bestimmt auch mal die Haare zu schmachtender Musik.
Im Kampf gegen das Kastensystem
Und dabei geht es in diesen Mammut-Filmen nicht nur um Liebeskitsch. Meist tragen sie eine politische Botschaft, greifen aktuelle Themen wie den Pakistan-Konflikt oder das Kastensystem der Hindus auf. Dass in Indien die große Liebe zelebriert wird, ist auch nicht selbstverständlich. Noch immer gibt es Gegenden, in denen Eltern die Ehen ihrer Kinder arrangieren. Da leisten die Filme aus den Studios in Mumbai einen wichtigen Beitrag, denn sie plädieren für eine freie Entscheidung in Sachen Liebe, jenseits der Kasten.
Jedem Bollywood-Skeptiker sei der Genuss eines Shah-Rukh-Khan-Films in Indien ans Herz gelegt: Da hocken die Zuschauer nicht gesittet im Kinosessel und tupfen verschämt ein Tränchen weg, da wird applaudiert, geschrien, gelacht und hemmungslos geweint. Geduld sollte man natürlich auch mitbringen, denn die Filme sind eine Herausforderung für jedes Hinterteil - vier Stunden sollte man sich dafür schon mal frei schaufeln.
Bollywood hat damit etwas geschafft, wovon Hollywood nur träumen kann: Die Kinos sind brechend voll, die neusten Filme sind Stadtgespräch und werden zelebriert wie andernorts der Jahresurlaub. Und dann ist da auch noch Shah Rukh Khan - ein Superstar, der diesen Namen noch verdient. Wo er in Asien auftaucht, rasten die Menschen aus. Und die Bollywoodwelle bahnt sich ihren Weg auch zu uns herüber. Als Shah Ruhk Khan auf der Berlinale 2007 seinen Film Om Shanti Om vorstellte, haben die Organisatoren den Starappeal des indischen Schauspieler völlig unterschätzt. Die Frankfurter Allee musste gesperrt werden, weil Horden kreischender Frauen mit Luftballons die Straße vor dem Premierenkino blockierten. Sogar aus Indien waren die Fanclubs angereist.
Bollywood-Filme sind so erfolgreich, weil sie die Menschen aus ihrem Alltag katapultieren. Wer sich tagtäglich durchkämpfen muss, will sich das womöglich nicht noch im Kino ansehen, sondern in einem fröhlich-bunten Streifen eine große Portion Illusionen auftanken. So fremd ist das dem westlichen Kino eigentlich ohnehin nicht: Streifen wie «Vom Winde verweht» oder «Legenden der Leidenschaft» sind mit «Om Shanti Om» näher verwandt, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.
mik/news.de