Joachim Gauck Ein Held, zu dem man aufschauen kann

Gauck (Foto)
Applaus für Gauck gab es zuletzt auch von den Medien. Bild: ap

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Nicht nur über Blogs, Twitter oder Facebook wird derzeit Stimmung für Joachim Gauck gemacht. Auch Medien wie Der Spiegel, die Bild-Zeitung oder die FAZ positionieren sich eindeutig wie selten zuvor. Medienwissenschaftler Jens Wolling erklärt, warum.

Herr Wolling, schaut man sich aktuelle Überschriften zu Joachim Gauck an wie den Spiegel-Titel Der bessere Präsident oder die Bild-am-Sonntag-Schlagzeile Yes, we Gauck, wundert man sich, wie deutlich da Position bezogen wird. Das Ganze erscheint fast schon wie eine Kampagne, was man in deutschen Medien eher selten beobachten konnte. Woran liegt das?

Jens Wolling: Wäre das eine Kampagne, würde das bedeuten, es hätte direkt etwas mit Politik zu tun. Die Frage ist, ob das wirklich so ist oder ob das nicht eher mit der außergewöhnlichen Persönlichkeit zusammenhängt, dem Helden, zu dem man aufschauen kann. Das haben wir auch in der Vergangenheit schon gehabt, zum Beispiel gab es auch bei der Papst-Wahl eine gewisse Euphorie. Manchmal habe ich das Gefühl, dass damit auch ein gewisses Bedürfnis befriedigt wird, weil vieles im Klein-klein untergeht und das Besondere so selten ist. Auf der anderen Seite birgt dieses Nachobenloben durchaus die Gefahr, dass man ganz schön demontiert werden kann. Köhler hatte am Anfang ja auch keine schlechte Presse, mit Sicherheit nicht im Vorfeld, aber nach der Wahl.

Welche Rolle spielt bei alledem, dass die Menschen vielleicht das Gefühl haben, die Opposition trete endlich einmal richtig in Erscheinung?

Wolling: Die Regierung ist ja in den vergangenen Monaten selbst bei der wohlgesonnenen Presse ohnehin relativ schlecht weggekommen. Vielleicht sieht man jetzt einen Hoffnungsschimmer, denn auch von der Opposition konnte man ja nicht sagen, dass sie mit wirklich überzeugenden Konzepten angekommen ist. Das war eher eine geduckte Haltung, sodass man jetzt zwar nicht von einem politischen Gegenentwurf sprechen kann, aber von so etwas wie einem Befreiungsschlag aus dem Klein-klein. Aber ob das für die FAZ oder Die Welt tatsächlich eine Motivation war, die Gauck-Nominierung positiv zu sehen, ist fraglich. Ich glaube eher, dass selbst die konservativen Medien unglaublich enttäuscht von dem gewesen sind, was sich in der Koalition abgespielt hat und wie sie mit der Neubesetzung dieses Amtes umgegangen ist. Mit Gauck hat das gar nicht so wahnsinnig viel zu tun. Obwohl man Gauck wunderbar positiv besetzen kann.

Man sagt Joachim Gauck ja auch nach, er lasse sich politisch nicht so recht einordnen ...

Wolling: Das ist für viele natürlich ideal, wenn er auch selbst von sich sagt, er hätte sich auch als CDU-Kandidat aufstellen lassen, auch für die, die mit der Regierung nicht zufrieden sind. Insofern wäre der Verrat, den man unter Umständen vorgeworfen bekäme, gar nicht da, denn man kann ja sagen: «Das hätte genauso gut unser Kandidat sein können.»

Gerät denn die Schwarz-Gelbe Koalition durch den Druck, der aktuell entsteht, ernsthaft in Gefahr?

Wolling: Das ist eine unglaublich schwierige Frage. Das hängt ein bisschen davon ab, wie stark die Politiker, die befürchten, dass ihnen die Felle davon schwimmen, auftrumpfen werden. Substantiell gibt es da erst einmal keine Krise. Wenn, dann ist es eine Krise, die einzelne Politiker in den Parteien selbst anzetteln müssten, weil sie glauben, gegensteuern zu müssen. Das lässt sich aber ganz schwer einschätzen.

Welchen Einfluss können die Medien auf eine Entscheidung wie eine Präsidentenwahl haben?

Wolling: Es ist eine geheime Wahl, von daher kann so etwas wie ein öffentlicher Druck nicht entstehen. Niemand wird dafür abgestraft, wenn er sich in einer bestimmten Art und Weise verhält. Allerdings könnte der Einfluss der Medien dazu führen, dass Politiker überlegen, ob es strategisch sinnvoll sein könnte, seine Stimme anders abzugeben und das Ganze zwar nicht ernsthaft zu gefährden, aber ein Signal zu setzen, um beispielsweise dafür zu sorgen, dass der Kandidat nicht im ersten Wahlgang durchgeht. Dass Politiker ihre Entscheidung jedoch grundsätzlich davon abhängig machen, wie die Medien einen Kandidaten darstellen, halte ich bei 99 Prozent der Wahlberechtigten für unwahrscheinlich.

Auch bei Twitter, in Blogs oder auf Facebook wird sich derzeit recht klar für Gauck ausgesprochen. Und das, obwohl man ja auch da davon ausgehen müsste, dass das keinen Einfluss hat.

Wolling: Die wichtigsten Informationsquellen etwa für Weblogs sind die klassischen Massenmedien. Dass dort völlig unabhängige Meinungen entstehen, ist die große Ausnahme. Das ist keine isolierte Welt. Und schaut man sich beispielsweise an, welche Themen Onliner diskutieren, dann unterscheidet sich das nur graduell von dem, was Menschen diskutieren, die sich überhaupt nicht im Netz bewegen.

Ist das, was da gerade im Internet passiert, denn eine Abkehr von der Politikverdrossenheit?

Wolling: Da würde ich gerne darauf zurückgreifen, was wir an empirischen Ergebnissen haben. Und da sieht man relativ deutlich, dass die Möglichkeiten des Internets hier zu keiner gravierenden Änderung geführt haben. Es gibt nicht die großen Mobilisierungskampagnen, die man sich immer erhofft hat. Was man findet, wenn man sich die jüngeren Leute anguckt, ist, dass sie Online-Medien verstärkt nutzen, sowohl, um sich zu informieren und über Politik zu unterhalten als auch, um an Kampagnen im Internet teilzunehmen. Es gibt eine bestimmte Gruppe, die aber relativ wenig offline macht. Meine Kollegen, die das intensiver untersucht haben, haben sie «die bequemen Modernen» genannt. Die nehmen an Online-Diskussionen teil, schreiben E-Mails an Abgeordnete und so weiter, aber bei allem, was die reale Welt betrifft, sind sie relativ zurückhaltend. Von daher ist es ein bisschen zu relativieren, in wie weit das wirklich mobilisierend wirkt.


Jens Wolling ist Leiter des Instituts für Medien und Kommunikationswissenschaft an der TU Illmenau. Bis 2006 war er Professor für Multimedia und Online-Kommunikation am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU München. Er studierte Publizistik und Geschichte in Berlin und promovierte 1999 mit einer Arbeit zum Thema «Politikverdrossenheit durch Massenmedien».

cvd/news.de

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Arsch
  • Kommentar 2
  • 14.06.2010 14:13
Antwort auf Kommentar 1

Havel,Mandela,Walesa,Gorbatschow....und Christian Wullf aus Osnabrück,ein typischer Gesalbter vor Guidos und Angelas Gnaden.Es entsprich dem Niveau der Wunsch-Wurstel-Koalition. Danke an das"wählerdumme Bürgerdumm",was ihr wolltet bekommt ihr täglich,passt doch!

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  • Bernd Zielke
  • Kommentar 1
  • 09.06.2010 22:40

das Land hat die parteipolitischen Spielchen aus Gründen des Machterhaltes satt, es braucht eine übergeordnete Identifikationsfigur wie es Weizäcker war; ein Mensch,der Vertrauen,Mut und Integrität ausstrahlt; dem die Menschen gerne zuhören,weil er Ihre Herzen erreicht; welcher einer demokratischen Gesellschaft Orientierung zur Menschlichkeit gibt,weil er glaubwürdig aus bewältigtem Schicksal ist. Er stünde in bester Gesellschaft internationaler Präsidenten wie Havel,Mandela,Walesa,Gorbatschow da,die zu Zeiten eines Unterdrückungsregimes ihre Naturrechte in die Waagschale warfen.

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