Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Wo Zwillinge sind, ist Ärger meist vorprogrammiert. Allen voran gilt das auch für die Sullivan-Zwillinge, die in Buchform Generationen begeistert haben. Enid Blytons Mädchen sind auf der Kinoleinwand nun in der Gegenwart angekommen - nicht immer zu ihrem Besten.
Mit ihren Mädchen von St. Clare's hat Enid Blyton Kinderbuchgeschichte geschrieben. Dafür spricht nicht nur der Franz-Schneider-Verlag, der die Abenteuer der Zwillinge unter dem Titel Hanni und Nanni einst nach Deutschland importierte und hier fortsetzen ließ. Zweischneidig dabei: In ganz wesentlichen Punkten wurde die Geschichte verändert.
Auch wenn die Sullivan-Zwillinge ihren englischen Nachnamen behalten durften: Statt in einem strengen britischen Internat der 1940er-Jahre zu lernen, spielte die deutsche Adaption in den 1960er Jahren und wurde inhaltlich aufgemöbelt, um dem Zeitgeist eher zu entsprechen.
Dieser kreativen Freiheit hat sich ganz offensichtlich auch Regisseurin Christine Hartmann bedient, die Hanni und Nanni auf die deutschen Kinoleinwände bringt. Einiges hat sie dem Original wieder angenähert, anderes ganz neu eingebracht - und letzten Endes hat sie die Geschichte aus ihrem Vergangenheitscharme heraus in die schnelllebige heutige Zeit verlagert. Daraus geworden ist ein etwas überdrehter Vor-Teenie-Film mit flachem Humor, rockig-hip-hoppender Musik, pinkem Flitterkram und oberflächlicher Emanzipation.
Rebellion und Freiheit
Wer Tiefgang erwartet hat, wird spätestens nach einer krachend-rasanten Hockey-Einlage quer durch eine Einkaufspassage und dem schleimigen Verschnitt eines zweiten Security-Chefs - gespielt von Oliver Pocher - eines Besseren belehrt. Munter geht es damit weiter, dass die Sullivan-Zwillinge (Sophia und Jana Münster) als nicht zu den oberen Zehntausend gehörend entlarvt und von der zickigen Bonzenfreundin in eine fiese Intrige verstrickt werden.
Schwups fliegen die beiden von der Elite-Schule, was Hanni anfangs überhaupt zum Kotzen findet und Nanni endlich die Chance gibt, sich aus der Zwillingsverdammung zu befreien. Während die eine an allen Ecken und Enden die Flucht plant, bekommt die andere am Lindenhof - der Schule, die einst auch von der Mutter der Zwillinge mit größter Begeisterung besucht wurde - die Freiheit, eigene Interessen auszuprobieren.
Dass das bei einem Vater (Heino Ferch) - ein höchst brisantes Sensibelchen, das als Kochbuchübersetzer arbeitet - und einer ansonsten nicht weiter auffälligen Mutter (Anja Kling) nicht vorher schon gelungen ist, erscheint irgendwie suspekt. Denn an der nötigen Feinfühligkeit fehlt es den beiden nicht.
Nein, da muss eine schrullige Direktorin Frau Theobald her, in deren Rolle eine Hannelore Elstner sich so stoisch weigert, die Schulgebühren zur Rettung von Lindenhof zu erhöhen, dass sie letztlich wirkt, als stünde sie unter dem Einfluss realitätsentrückender Substanzen. Doch immerhin: Im Kinoabenteuer Hanni und Nanni findet die Theobald einen starken Kontrapunkt in Frau Mägerlein. Suzanne von Borsody sorgt als eiserne, strenge und unnachgiebige rechte Hand der Direktorin dafür, dass der Film nicht vollends in Bonbon-Kitsch abdriftet.
Lachen auf Kommando
Zwischen Kissenschlachten, Aufnahmeritualen und der kreischenden Händel-Interpretation des sich neu findenden Schulorchesters erweist sie sich den Sullivan-Zwillingen als würdiger Gegner - und verdient sich damit stellenweise sogar den herzlich gemeinten Beinamen «Biest». Die jungen Darstellerinnen, vor allem jene Schulkameradinnen, die Hannis Dickschädel wegen zunächst auf Konfrontation gehen, bemühen sich ebenfalls redlich darum. Doch so ganz gelingt es ihnen nicht. Immerhin stecken sie in der Zwickmühle, die bockige Zwillingsschwester einerseits nicht so recht mögen zu wollen, andererseits aber ihre Topqualitäten in Sachen Hockey ins eigene Versager-Team zu integrieren.
Humor und Lachen gehen dabei freilich nicht verloren. Auch wenn es schon fast des Guten zu viel ist. Und streitbar ist der Humor allemal. Nicht nur weil es vielfach platter einfach nicht geht: ein Pferd im Bad, eine Französischlehrerin mit skurriler Badekappe und ein Gewächshaus, das Harry-Potter-mäßiger kaum sein könnte. Garniert mit einer nicht klar denken könnenden, vorpubertären Verliebten und natürlich Streichen. Vom kauzigen Herrn Papa der Zwillinge ganz zu schweigen.
In Sachen Humor setzt der Film durchaus auch auf Generationenkonflikt. Wo Erwachsene losprusten, schweigt Kindermund - und umgekehrt. Doch lachen lässt sich - kein Zweifel. Vom Anfang bis zum Ende.
Und dennoch: Das Drehbuch von Katharina Reschke und Jane Ainscough bringt vor allem viel Hektik in die Geschichte. So sehr, dass Sophia und Jana Münster kaum mehr Zeit bleibt, sich als Hanni und Nanni in die Herzen ihres vorrangig jungen Publikums zu spielen. Viel zu schnell werden die schönen, traurigen, herzlichen Momente von der Eile überspielt, ohne Wirkung entfalten zu können.
Das versucht der Film mit Humor wieder wettzumachen. Doch gut gelacht zu haben, bleibt eben - auch in einem Kinderfilm - weit weniger lang in Erinnerung, als die Situationen, in denen auch die jungen Zuschauer mitfiebern und mitleiden.
Titel: Hanni und Nanni
Regie: Christine Hartmann
Darsteller: Sophia und Jana Münster, Hannelore Elstner, Suzanne von Borsody, Heino Ferch, Anja Kling, Oliver Pocher
Produktionsland: Deutschland
Verleih: Universal Pictures
Filmlänge: 85 Minuten
FSK: keine Altersbeschränkung
Filmstart: 17. Juni 2010