«Hinterland» Trauriger Abklatsch

Eine Prise Die Siedler, eine Geschmacksnote Rollenspiel und eine Spur von Taktik - fertig ist die Strategiespielsuppe. Nur haben sich die Entwickler von Hinterland - Das neue Königreich die gehörig versalzen.

Hinterland - Das neue Königreich (Foto)
Vor allem ein Spiel für Einsteiger: Hinterland - Das neue Königreich. Bild: The Games Company

Strategen sind Denker und Taktiker. Sie wollen eigene Wege gehen, um Probleme zu lösen. Sie brauchen Herausforderung - und manchmal auch das gewisse Etwas. Dieser Mix ist es, der gute Strategiespiele ausmacht. Das ist es aber auch, was es Entwicklern manchmal so schwer macht, ein gutes Spiel abzuliefern.

Die Entwickler des amerikanischen Studios Tilted Mill haben es bei Hinterland - Das neue Königreich versucht. Doch gelungen ist ihnen das bei dem Strategiespiel, das in Deutschland von The Games Company veröffentlicht wurde, nicht. Dabei ist der Ansatz, Strategie mit Rollenspiel zu vermengen, durchaus kein schlechter.

«Hinterland»: Angriff der Fantasy-Wesen

Manchmal scheitert so ein Genre-Mix allerdings an Einfallslosigkeit - und enttäuscht die geübteren Gamer. Aber es gibt ja noch die Einsteiger. Die scheinen die Entwickler scheinbar zwar nicht als Zielgruppe im Auge gehabt zu haben. Immerhin suchen Anfänger vergebens nach einem Tutorial.

Doch wer einen Blick ins beiliegende, schmale Handbuch wirft, kann sich gut zusammenreimen, wie man sich aus den 22 Charakterklassen die passende heraussucht und ins Spiel startet. Letztlich soll Hinterland - Das neue Königreich ein bisschen wie Die Siedler sein, aber auch Rollenspielelemente vorweisen, und die Lust daran wecken, dem Feind zuvor zu kommen. Dass es letztlich an allem nur kratzt, mögen Einsteiger nicht erkennen. Wer jedoch häufiger spielt, der wird seine Enttäuschung auf die Dauer nicht verbergen können.

«Hinterland»: Schlachtgetümmel mit ein bisschen Siedeln
Video: The Games Company

Ein König im Schatten

In der Rolle eines Zwergs, oder Elfen, oder anderer Wesen der Fantasy-Welt muss der Spieler zunächst ein Dorf etablieren. Das geht freilich nicht sofort. Denn bevor die Spielerfigur nicht genügend Gold gesammelt hat - dafür muss auf die digitalen Gegner losgegangen werden -, lässt sich freilich kein sogenannter Besucher dazu bringen, sich anzusiedeln, ein Haus zu bauen und für die Gemeinschaft seinen Dienst zu tun.

Allerdings bleiben die neue Dorfbewohner nicht bis ans Ende aller Tage. Wer nicht genügend Landwirtschaft betreibt - und so genügend Nahrung produziert -, dem zeigen sich die Figuren ebenso treulos, wie sie den Ausbau von Spezialfähigkeiten verweigern, solange nicht genügend Gold in die Kasse kommt oder der eigenen Ruf beim König ausgebaut wird. Bildhaft wird der nur selten, verteilt gelegentlich ein paar dürftige Aufträge - hat sonst aber nichts zu melden. Im Wesentlichen war es das auch schon.

Zugute zu  halten ist Hinterland die sparsame Dosierung des auf der Festplatte nötigen Speicherplatzes, die Vielzahl der spielbaren Klassen, und neben der schnellen Installation auch die Chance, dabei unter vier Spielsprachen wählen zu können. Wer Muße hat, kann sich neben den vier Schwierigkeitsoptionen auch noch dafür entscheiden, entweder lieber wenig, mittel oder viel Zeit mit dem Strategiespiel zu verbringen.

Mit ein bisschen Geschick lässt sich der Ausbau der Gebäude rasch voranbringen, was bessere Waffen bietet und auch sonst einiges an Beute zugänglich macht. Die lässt sich einem angesiedelten Händler gut verkaufen, um die Goldvorräte nicht versiegen zu lassen.

Würzeloses KI-Trauerspiel

Anderes wiederum ist nicht oder nur wenig ausgeprägt. Zunächst einmal: Es gibt keine Story, die den Ereignissen eine gewisse Würze verleihen könnte. Obendrein führt der integrierte Tag- und Nachwechsel, der optisch mit Ausnahme einer Zeitmeldung nicht auffällt, eine Schattenexistenz. Stattdessen darf der Spielercharakter rund um die Uhr kämpfen und sein Dorf ausbauen. Oder auch das Zeitliche segnen.

Denn besiegt werden kann die eigene Figur, auch wenn sie umgehend im Dorf wiederbelebt wird. Der große Nachteil: Werden pro besiegtem Gegner nur wenige Rufpunkte gutgeschrieben, wird für jeden Tod eine zweistellige Summe wieder abgezogen. Zwar lassen sich die meisten Gegner ganz ohne Unterstützung durch die Dorfmitglieder besiegen. Doch es genügt nur wenige Male vernichtet zu werden, um das Spiel schnell zu verlieren.

Ist bei den Rufpunkten einmal das Minus erreicht, droht der König mit Entlassung. Gibt es keine königlichen Aufgaben in der Frist, lässt sich das Defizit kaum ausgleichen. In Sachen Balancing müssten die Entwickler also eigentlich noch einmal feilen. Das gilt auch für die Künstliche Intelligenz (KI), die trotz geringer Abstände zwischen Spielercharakter und Gegner letztere oft trotzdem dumm in der Gegend herumstehen lässt, statt einen Angriff zu starten.

Treten diese auch noch in Gruppen auf, lohnt es sich, den Anführer zuerst kalt zu stellen. Das verwirt die KI offenbar so sehr, dass weitere Gruppenmitglieder des Gegners erst einmal ihren Kampf unterbrechen, bevor sie sich wieder zur Wehr setzen. Den Zeitgewinn kann der Spieler getrost nutzen, um sich einen guten Vorteil herauszuarbeiten.

Fazit: Eine Armada von Charakterklassen reicht noch lange nicht, um Strategiefans für ein neues Spiel zu begeistern. Schon gar nicht, wenn die zu bewältigenden Aufgaben so simpel gestrickt sind, dass nach einer halben Stunde Spielzeit jeder Klick schon fast im Schlaf gemacht ist.

Abgesehen davon hat die Abfolge «Kloppen - Gegenstände und Geld einsacken - neue Bewohner ansiedeln» mit Strategie herzlich wenig zu tun. Der Preis mag für Einsteiger ein guter Anreiz sein. Geübtere Spieler setzen hingegen eher auf besser ausgefeilte Genrekonkurrenten.

Eines muss deshalb ganz klar festgehalten werden: Den Entwicklern hätte es gut zu Gesicht gestanden, hier noch einmal mindestens ein halbes Jahr Arbeit zu investieren, um Hinterland - Das neue Königreich zu einem passablen Vertreter des Genres Strategie zu machen. Deshalb taugt das Spiel allenfalls für eine erste Begegnung mit dem Genre, um danach auf deutliche bessere Titel wie etwa Diablo umzusteigen.

Titel: Hinterland - Das neue Königreich
Genre: Strategiespiel
Publisher: The Games Company
Entwickler: Tilted Mill Entertainment
Preis: zirka 27 Euro
Sprache: Deutsch
USK: freigegeben ab 6 Jahre
Altersempfehlung der Redaktion: ab 10 Jahre
Plattform: PC
Veröffentlichungsdatum: Mai 2010
Weitere Spiele: Fragoria (Browserspiel), Die Siedler 7 (PC, Mac)

Hier kann das Spiel kostenpflichtig heruntergeladen werden.

news.de

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Steffen Seiters
  • Kommentar 1
  • 07.06.2010 09:49

Ich habe mir das Spiel selbst gekauft und finde IHren Test etwas sehr hart. Für gerade mal 25 € bekommt man nicht einmal ein Vollpreisspiel - wie das von Ihnen verglichene Siedler oder Diablo. Jedoch merkt man dem Spiel an, an welche Zielgruppe es sich richtet - die Gelegenheitsspieler! Ich bin froh über diese Perle, da ich endlich ein gemütliches Spiel für 2-4 Stunden habe, welches auch auf meinem Netbook in vernünftiger Qualität läuft, denn darauf haben Sie leider überhaupt nicht verwiesen! Natürlich ist es etwas einfach gehalten, aber gerade das finde ich gut! Meine Wertung wäre 74 % MFG

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig