Rock am Ring «Das Publikum fordert Freiheit»

Marek Lieberberg (Foto)
Er verantwortet die größte Musik-Sause Deutschlands: Marek Lieberberg. Bild: ddp

Von Gisela Kirschstein
Dompteur der Massen: Festival-Organisator Marek Lieberberg erklärt, warum das größte deutsche Festival so viele Nachahmer fand. Und was Zehntausende dazu treibt, sich alljährlich in die Waschküche der Eifel zu begeben.

Ab heute Abend feiert das Open-Air-Festival Rock am Ring sein 25-jähriges Bestehen. 1985 war das dreitägige Großereignis am Nürburgring das erste Festival seiner Art seit den 1970er Jahren. Inzwischen spielen am Ring jedes Jahr rund 90 Bands auf drei Bühnen vor 80.000 bis 90.000 Besuchern. Zum Jubiläum in diesem Jahr spendiert Veranstalter Marek Lieberberg einen Bonustag. Im Interview spricht er über die Anfänge des Festivals, legendäre Auftritte und die Zukunft von Rock am Ring.

Herr Lieberberg, 25 Jahre Rock am Ring - erklären Sie uns den Mythos.

Lieberberg: Das hat zwei Gründe: Zum einen, dass sich in unserer relativ kurzlebigen Zeit ein Event herausgebildet hat, das über zweieinhalb Jahrzehnte nichts von seiner Anziehungskraft verloren hat und nach wie vor das führende Festival im deutschsprachigen Raum ist. 25 Jahre sind heutzutage schon fast ein Hauch von Ewigkeit - was allein den Mythos aber noch nicht begründen würde. Der hängt auch damit zusammen, dass Rock am Ring das erste mehrtägige Open-Air-Festival war, das 1985 nach mehr als einem Jahrzehnt Unterbrechung wieder veranstaltet wurde. Ich hatte in der Folge von Woodstock vorher schon zwei Open-Air-Festivals organisiert, die British Rock Meetings 1970 in Speyer und 1972 in Germersheim. Es war mein Wunsch, diese Tradition fortzusetzen, was aber weder mir noch anderen gelang. Es war damals in Deutschland einfach nicht möglich, eine entsprechende Spielstätte anzumieten. Dagegen sperrten sich Städte, Gemeinden, Behörden, Politiker, Pfarrer, sie alle wandten sich gegen diese neue Jugendkultur. Erst 1985 eröffnete sich die Möglichkeit, erneut ein Mehrtagesfestival zu veranstalten - und zwar auf dem Nürburgring. Das isolierte Motodrom war wohl den Verantwortlichen weit genug weg vom Schuss, um dort ein derartiges Wagnis einzugehen.

Hurricane und Southside
Viel Regen und mehr als 100.000 Fans

Hatten Sie gleich die Vision, das läuft jetzt für die nächsten 25 Jahre?

Lieberberg: Nein, das wäre wohl vermessen gewesen. Es war schwierig genug, ein solches Abenteuer in einem Niemandsland zu wagen und aus dem Stand heraus 80 000 Besucher an den Nürburgring zu locken - ein wahrhaft herkulisches Unterfangen. Nach dem großen Erfolg bei der Premiere haben wir zunächst von Jahr zu Jahr gedacht. Gleichzeitig fand das Festival überall in Deutschland Nachahmer.

Viele der Nachahmer-Festivals gibt es heute nicht mehr, Rock am Ring schon.

Lieberberg: Der Ring hat sich immer wieder neu erfunden. Es wurden mehrere Bühnen initiiert, von zwei auf drei Tage verlängert, und es fand eine Öffnung zu anderen Musikstilen statt, das war ganz wichtig. Und natürlich ist die Location selbst trotz ihrer Einschränkungen etwas Besonderes: Am Ring ist eine Balance möglich zwischen der Forderung des Publikums nach Freiheit und einer Regie, die die Zügel nicht schleifen lässt. Die Eifel ist eine archaische Landschaft, man muss schon schmerzfrei sein, um den Rucksack zu schnüren, das Zelt einzupacken und dann vier, fünf Tage auszuharren. Die eigentliche Faszination des Nürburgrings ist, dass die Menschen Rock am Ring als ihr eigenes Festival ansehen. Dieses wunderbare Publikum ist ein wesentlicher Teil der Magie.

Wo liegt denn die Zukunft von Rock am Ring?

Lieberberg: Wir müssen unsere Hand am Puls der Zeit haben, sehen, antizipieren, was über die Dauer eines Tages hinaus Wirkung entfaltet. Ich kann mir durchaus mal multimediale Akzente am Ring vorstellen. So wären beispielsweise Auftritte der Blue Man Group oder von Stomp am Ring denkbar. Gerade an den Schnittstellen zwischen Rock und Theater, Show und dem Popgenre gibt es viele spannende Ansätze, die wir aufgreifen können und werden.

Open Airs haben also noch Zukunft?

Lieberberg: Ganz eindeutig ja. Das Live-Erlebnis mit seiner Vehemenz und Leidenschaft hat gerade im Zeitalter der Internetlastigkeit und der Konzentration auf virtuelle Ablenkung als Gegenreaktion eine steigende Bedeutung. Open Airs sind aus dem kulturellen Leben der Gegenwart gar nicht mehr wegzudenken, das wird sich ganz bestimmt nicht ändern. Hinzu kommt eine enorme Sehnsucht nach einem Gemeinschaftserlebnis. Es ist schon erstaunlich, wenn 80.000 bis 90.000 Menschen zusammenkommen und dabei so friedfertig miteinander umgehen. Allerdings muss man bei Open-Das Publikum fordert Freiheit-Air-Events in Deutschland immer mit Spitzenbands locken - mehr als in anderen Ländern, wo das Festival selbst das eigentliche Ereignis ist.

Gab es mal ein grausiges Rock am Ring für Sie?

Lieberberg: Die Festivals haben stets viele Emotionen und große Leidenschaft evoziert, insofern sind sie mir alle in positiver Erinnerung geblieben. Wir mussten dennoch in vielen Jahren mit dem unberechenbaren Eifel-Wetter kämpfen - das war die eigentliche Herausforderung. Blitz, Hagel und Wolkenbrüche waren unsere permanenten Begleiter. Veranstaltungen mussten unterbrochen werden und einmal waren wir dazu gezwungen, in Windeseile die gesamte Bühnenbespannung herunterzureißen, um nicht davon geweht zu werden. Wir haben wahrhaftig gelernt, mit dem Orkan zu leben.

Und gab es ein herausragendes Rock am Ring?

Lieberberg: Für mich wird das erste Rock am Ring immer einen besonderen Stellenwert haben. Nach vielen Jahren der Frustration und der Sehnsucht erfüllte sich endlich mein Jugendtraum. Und wenn man dann mit U2 bei der Premiere die Band engagiert, die bis heute die Musikgeschichte prägt, dann bleibt das natürlich in der Erinnerung haften. Bono hat sogar singend das Zeltdach erklommen, eine enorme akrobatische Leistung ohne Netz und doppelten Boden. Es ist glücklicherweise gut ausgegangen, Bono hat überlebt, und das Festival auch.

 

Marek Lieberberg (64) ist wahrscheinlich der einflussreichste deutsche Konzertveranstalter. Er gründete 1970 mit seinem damaligen Partner Marcel Avram die Agentur Mama Concerts und begann seine Karriere mit einem Konzert von The Who in Münster. Inzwischen ist Lieberbergs Firma MLK mehrheitlich im Besitz der Eventim AG.

ruk/reu/news.de/ddp

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