Jan Delay
«Wir sind keine Christina-Aguilera-Show»

Fast ein Jahr nach dem Studioalbum veröffentlicht Jan Delay Wir Kinder vom Bahnhof Soul Live. Im Interview spricht er über den richtigen Groove, das Konzert seines Lebens und Whitney Houston – und verrät, mit wem er gerne mal auf der Bühne stehen würde.

Großer Robbie-Williams-Fan: Jan Delay. Bild: Unviersal

Jan, es gibt ein sehr schönes Zitat, dass zwar nicht von Dir stammt, aber aus einem Interview mit Dir: «Sich wiederholen, ist Dieter Bohlen.» Gerade von Live-Alben könnte man nun aber sagen, dass sie Wiederholungen sind. Warum hat ein Album wie Wir Kinder vom Bahnhof Soul Live trotzdem seine Berechtigung?

Delay: Weil das was komplett anderes ist. Die Songs sind nicht mehr die Songs. Also, natürlich schon, aber sie werden ganz anders gespielt. Das macht auch nicht bei jeder Formation Sinn, aber bei uns schon, weil wir einfach so eine sensationell gute Band sind (lacht) und geile Shows haben. Guck mal, wir sind ja eh da, für uns ist das keine Zusatzarbeit. Letztendlich soll das einfach nur ein Dokument dessen sein, was so bei unseren Shows geht und wie da nochmal das Feuer brennt, wenn es richtig Dynamik und auch Fehler gibt. Das ist schön, denn auf meinen Platten gibt es das nicht, da wird alles ausproduziert bis in die hinterletzte Ecke, weil vorher niemand das Studio verlassen darf. Live ist einfach viel mehr Haudrauf, alles ist mindestens zehn BPM schneller. Ich finde, es ist viel mehr auf die Schnauze, ehrlich gesagt.

VIDEO: "Klar" live in München

Jan Delay -- Klar (Live) - MyVideo
Video: Universal Music

Du hast kürzlich beim Echo Robbie Williams getroffen und man hatte das Gefühl, dass Du großen Respekt vor ihm hast ...

Delay: Ja, ich wollte auch ein Foto mit ihm haben ...

... Ich würde sagen, er ist einer der besten Live-Künstler der Gegenwart. Ist er so etwas wie ein Vorbild für Dich?

Delay: Ja, auf jeden Fall, den find ich schon derbe, weil er einfach ein guter Entertainer und ein smarter Typ ist. Nur: Im Moment trifft das nicht zu, was Du sagst, weil er sich ja irgendwie weigert aufzutreten. Und jemand, der keine Auftritte macht, kann für mich nicht einer der geilsten Live-Künstler sein, weil er jetzt seit vier oder fünf Jahren den Beweis schuldig geblieben ist. Aber Du hast schon Recht. Was ich mir bei ihm abgucken könnte, ist die Fähigkeit, ein kleines Streichholzmännchen zu sein und trotzdem mehrere Zigtausend Menschen in seinen Bann zu ziehen. Das kann nicht jeder.

Ich schätze, Ihr macht 150 bis 200 Auftritte im Jahr ...

Delay: Nein, das wäre zu viel. Das sind so zwischen 120 und 130.

Wie sucht man sich da die Konzerte für ein solches Live-Album aus? Denn vermutlich legt Ihr Euch schon vorher fest, bei welchem Konzert Ihr Mitschnitte macht, oder?

Delay: Man muss sich vorher festlegen, denn das kostet krass Geld. Da kommt ja ein mobiles Studio aus Hamburg an und nimmt jedes Instrument und jeden Kanal einzeln ab. Und da man sich das nicht leisten kann, jedes Konzert aufzunehmen, so wie Prince das macht oder wie Zappa das früher gemacht hat, muss man sich beschränken. Man nimmt eher hinten im Tourplan auf, denn dann weiß man, dass die Band eingespielt ist, dass das Programm tighter ist. Und dann gucken wir auch noch, weil ich ja jemand bin, der die ganze Zeit den Namen der Stadt in den Mund nimmt, dass man jetzt nicht gerade in Hintertupfingen mitschneidet, sonst hört man die ganze Zeit: «Hey, Hintertupfingen, was geht ab?» (lacht) Und man guckt natürlich auch noch, dass man in einer Stadt ist, in der einem das Publikum sehr aufgeschlossen gegenüber ist, dass man da schon mal schöne Konzerte hatte, und dann kommen da eben Städte bei raus wie in diesem Fall Stuttgart und München und natürlich Hamburg sowieso. Eh klar.

Es wird immer wieder gesagt, dass viele Künstler immer mehr live auftreten, weil sich mit Platten kein Geld mehr verdienen lässt. Stimmt das aus Deiner Sicht?

Delay: Es ist wahr, dass man mit Live-Auftritten mehr Geld verdienen kann, weil man mit Platten fast gar nichts mehr verdient. Aber ich glaube nicht, dass dadurch einige Leute mehr live auftreten als vorher. Doch hier in Hamburg ist mir gerade etwas aufgefallen: Da hatten wir in der Color-Line-Arena vier Frauen aus dem R&B- und Pop-Bereich in einer Woche zu Gast: Lady Gaga, Rihanna, Alicia Keys und sogar Misses Crack, Whitney Houston. Das wäre wahrscheinlich vor zehn Jahren noch nicht so gewesen. Da merkt man schon, dass die Amis heute öfter über den Teich kommen und zu jeder Platte auf Tour gehen. Aber die normalen Acts und die Leute hier aus Deutschland treten nicht öfter live auf, glaube ich. Wenn du das liebst und ein guter Live-Act bist, dann bist du immer schon viel aufgetreten, so wie die Beatsteaks oder die Beginner, die Fantas oder Fettes Brot. Aber wenn du jemand bist, der da noch nie großen Bock drauf hatte oder der sich nie so eine große Fan-Gemeinde erspielen konnte, weil er live nicht so gut ist, dann wirst du jetzt nicht auf Krampf versuchen öfter aufzutreten, weil es einfach nicht dein Ding ist.

Schaust Du Dir Konzerte wie Rihanna oder Whitney Houston live an?

Delay: Das würde ich, aber ich war leider in der Woche unterwegs. Ich wäre sogar zu allen vier gegangen, nicht, weil ich krasser Fan bin, sondern aus Neugierde. Bei Lady Gaga echt krasseste Neugierde, zu Rihanna wäre ich wahrscheinlich am ehesten nicht gegangen, weil ich die einfach blöd finde, Alicia Keys macht derbe schöne Musik, das hätte mich vor allem wegen der Band interessiert und Whitney Houston – naja, okay, da hätte ich mich wahrscheinlich zu sehr geschämt. Da wäre ich doch nicht hingegangen.

An welches Konzert erinnerst Du Dich spontan, weil es Dich besonders beeindruckt hat?

Delay: Das beeindruckendste ist schon ein paar Jahre her, das war das letzte James-Brown-Konzert hier in Hamburg. Das muss mehr als vier Jahre her sein, ein Dreivierteljahr, bevor er gestorben ist. Das war krass bewegend und es war auch mein erstes James-Brown-Konzert, man mag es kaum glauben. Ey Mann, der Typ ist fast so alt wie meine Omas und wirbelt da über die Bühne und ist so eine Legende und hat es immer noch so unglaublich drauf. Da bin ich vor Ehrfurcht erstarrt, auf jeden Fall.

Und bei welchem Künstler würdest Du sagen, dass Du ihn auf jeden Fall noch sehen musst?

Delay: Wenn ich jetzt einen Augenblick überlege, werden mir da wahrscheinlich sehr viele einfallen. Ich würde, aber in den Genuss werde ich wahrscheinlich nie kommen, gerne mal Dr. Dre live auf der Bühne sehen und rappen hören und performen sehen. Aber mir fallen viel mehr Sachen ein, die ich nicht mehr sehen werde, nicht, weil ich vorher ins Gras gebissen habe, sondern weil die nicht mehr da sind oder weil die keine Musik mehr machen. Da kann ich Dir sofort ganz viele sagen. Ich kenne Leute persönlich, die haben noch Bob Marley live gesehen oder Ton, Steine, Scherben. Das ist ja leider alles nicht mehr möglich.

Es gibt ein Interview mit Fatih Akin zu seinem Film Soul Kitchen, in dem er diese schöne kleine Geschichte erzählt,  dass der Film kurz vor Cannes nochmal zurückgegangen ist, weil Du gesagt haben sollst, der Groove stimme noch nicht ...

Delay: Was ich meinte, war, dass es ein dramaturgisches Loch gab. Der Film ging geil los und hat derbe Fahrt aufgenommen und irgendwann, bevor es zum Endspurt ging, war das irgendwie nichts Halbes, nichts Ganzes, nicht Fisch, nicht Fleisch. Was ich aber zu meiner Entschuldigung sagen muss, ist, dass er mich extra darum gebeten hat. Ich bin nicht der Typ, der irgendwo einläuft und Leuten ihre frisch gezeugten Kunstwerke kaputt redet. Er war sich selber unsicher und ich habe ihn hundertmal gefragt: «Soll ich wirklich ehrlich sein?» Und er sagte: «Ja, deshalb bist Du hier.»

Mir ist diese Passage im Gedächtnis geblieben, weil natürlich für ein Konzert so etwas wie der Groove besonders wichtig ist. Lässt sich in Worte fassen, was das eigentlich ist?

Delay: Ja, wenn man unter Groove nicht meinen Drummer versteht, sondern das, was ich bei Fatih Akin meinte: die Dramaturgie. Das ist eine der existenziellsten Sachen bei einer Show. Egal, wie gut deine Band ist, egal, wie viele Hits du hast, egal, was für ein geiler, charismatischer Frontmann du bist: Alles steht und fällt damit, wie lange die Leute sich das reinziehen. Du musst sehen, dass du über eineinhalb oder wie bei uns zwei Stunden die Leute fesselst. Und da ich selber ein harter Kritiker bin und keine Konzerte aushalte, die lang sind, es sei denn, sie sind besonders gut oder haben eine gute Dramaturgie oder es steht James Brown auf der Bühne, gehe ich immer von mir als Fan und Konsument aus. Und ich versuche, es immer so hinzukriegen, dass selbst ich, der Arsch, der sich immer nur eine halbe Stunde von jedem Konzert anguckt, im Publikum stehen bleiben würde und mir alles angucke.

Wie sieht so eine Dramaturgie aus?

Delay: Das Geheimnis ist, dass man immer einen Trumpf im Ärmel hat. Man braucht am Anfang ein, zwei Knaller. Bumm, da sind wir. Die meisten aber muss man am Ende bringen, damit es im schönsten Moment zu Ende ist. Man darf auch nicht hundert Zugaben geben und das Ganze verwässern und verspielen. Die Leute müssen mit dem Gefühl nach Hause gehen, dass es lang war, aber eigentlich ganz kurz, dass es ganz schnell ging. Und man muss das Ganze zwischendurch auch mal zur Ruhe kommen lassen und dann wieder Fahrt aufnehmen und immer wieder mal kleine Gags oder Spielchen einbauen, die bei den Songs vorher noch nicht da waren, die aber auch danach nicht wieder kommen. Es darf sich nichts wiederholen. Dadurch bleibt es immer prickelnd.

Wieviel Spontaneität bleibt da noch? Das klingt so, als würde man einen Großteil des Abends planen.

Delay: Ja, muss man auch. Aber die Spontaneität bleibt, denn man kann das immer aufbrechen, wenn es der Zufall so will. Man spricht ja auch jeden Abend über die Show und ändert wieder Sachen und dann ist die Dramaturgie am nächsten Tag wieder ein Stück anders. Wir sind ja keine Christina-Aguilera-Show, wo alles von vorne bis hinten durchgeplant ist und irgendwelche Bänder mitlaufen, damit die Lightshow immer synchron ist und das Ganze wie eine Fernseh-Musical-Aufzeichnung aussieht. Du spielst jeden Abend anders, schneller, langsamer, länger, kürzer. Bestimmte Sachen entstehen, Gags, bezogen auf die Stadt, auf das Publikum. Und auf einmal entwickelt sich ein neuer Song, den man da live rumjamt und sich kaputtlacht. Die Spontaneität muss immer da sein, das darf niemals tot und durchgeplant sein, dann macht es keinen Spaß mehr. Das gehört auch zu einer guten Dramaturgie.

Nach den Kooperationen mit Silbermond und Udo Lindenberg: Mit wem würdest Du gerne mal auf der Bühne stehen?

Delay: Lebend oder tot?

Sollte schon noch machbar sein ...

Delay: Dr. Dre.

Realistisch?

Delay: (lacht) Ich glaube, genauso wenig, wie ich ihn irgendwann mal sehen werde, genauso wenig wird das andere zustande kommen. Leider. Aber man darf ja noch Träume haben.

mik/reu/news.de

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1 Kommentare
  • Lisa

    04.06.2010 20:38

    Keine Christina Aguilera Show wo ein Band mitläuft? :D :D :D Wie billig ist er :D Sowas hat sie bestimmt nicht nötig....! Kann der Mann denn keine Größe zeigen...wahrscheinlich denkt er er sei erfolgreicher wie Madonna, Christina A., Whitney oder sonst wer :D :D okey ;D Billig!!!...

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