So., 27.05.12

Hat das Radio Zukunft? 03.06.2010 Hörfunk für linksarmige Forellenangler

Radio - ein Relikt? (Foto)
Ist das Radio ein Relikt aus alten Zeiten? Bild: iStockphoto

Von news.de-Redakteur Christoph Heinlein

Öffentlich-rechtlicher Hardcore seien seine Sender, meint Deutschlandradio-Intendant Willi Steul. Und das soll so bleiben. In Leipzig sprach er über sinkende Hörerzahlen, Webradios und über das verhängnisvolle Interview mit Horst Köhler.

Es könnte ein Zufall sein, dass die Affäre, die zum Rücktritt des Bundespräsidenten führte, ausgerechnet beim Deutschlandradio ihren Anfang nahm. Wahrscheinlich aber ist es keiner. Denn dass Horst Köhler seine verhängnisvollen Thesen zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr einem Reporter des bundesweiten Senders ins Mikrofon sprach, lag eben ganz einfach daran, dass dieser auf der Asienreise des Staatsoberhaupts mit dabei war. Die Rundfunkanstalt mit ihren in Köln und Berlin beheimateten Programmen leistet sich einen Qualitätsanspruch, den wenige Medien aufzubringen bereit und in der Lage sind – und für das Radio gilt das ganz besonders.

«Deutschlandradio ist öffentlich-rechtlich Hardcore», sagt der Intendant des Senders, Willi Steul. Und das muss, geht es nach ihm, auch so bleiben. Die inhaltliche Qualität sei ein Alleinstellungsmerkmal der Öffentlich-Rechtlichen, und genau das hält Steul für unverzichtbar. «Je besser ein Radiosender es schafft, sich als eigenständige Marke zu etablieren, desto größer sein Erfolg», sagt er.

Um die Zukunft des Radios geht es Steul an diesem Abend im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig. Es ist der letzte Teil einer Vortragsreihe zu den Perspektiven des Journalismus, den die Medienwissenschaftler der Leipziger Uni veranstalteten. Steul hat reichlich Zahlenmaterial mitgebracht, es zeigt, dass sich die Frage nach der Zukunft des Mediums durchaus lohnt. Noch immer hören 76 Prozent der Deutschen Radio, im Durchschnitt fast drei Stunden am Tag. Die Tendenz aber ist spürbar fallend, vor allem bei den Jüngeren sehen die Werte schlecht aus.

Nun sitzen die öffentlich-rechtlichen, finanziert durch Rundfunkgebühren, auf einem recht komfortablen Polster. Wegbrechende Nutzerzahlen bedeuten nicht unmittelbar auch sinkende Einnahmen, und das mag ein Grund sein, warum sich Intendant Steul in Optimismus übt. «Radio hat Zukunft», sagt er, «ohne jede Einschränkung», und zählt dann auf, was passieren muss, damit er recht behält. Durch zeitliche Flexibilisierung und Individualisierung könne man dem negativen Trend entgegenwirken. Der Hörer soll sich sein Programm selbst zusammenstellen und dann abspielen können, wann er will. Und: Ein eigenes digitales terrestrisches Netz fürs Radio müsse her, denn die Netze im Internet reichten nicht aus.

Die Online-Ausspielung nämlich, meint Steul, wird immer wichtiger. In wenigen Jahren schon werde sie gleichwertig neben der herkömmlichen über UKW-Wellen stehen. «Man muss alle Medien mit der neuen Online-Welt konsequent zusammendenken», sagt Steul. So richtig neu ist diese Erkenntnis freilich nicht. Dass sie, gerade bei seinem eigenen Sender, durchaus noch verinnerlicht werden muss, hat die Affäre Köhler gerade deutlich gemacht.

Das Interview mit dem Präsidenten nämlich wurde bei den Schwestersendern in unterschiedlichen Versionen gesendet – und dann auf die Webseite gestellt. Nur auf der Homepage des Berliner Deutschlandradios Kultur konnten die Nutzer die kritischen Sätze nachlesen, der Kölner Deutschlandfunk hatte just sie herausgekürzt. Das sorgte für mächtigen Ärger bei den Lesern, manche Blogger witterten gar eine Verschwörung zum Schutz des Staatschefs. «Im Radio ‹versenden› sich solche Pannen», stellt Intendant Steul fest, «im Internet nicht». Eine viel bessere Abstimmung sei nötig zwischen Hörfunkbereich und Internet.

Experimentierfeld für die «jungen Wilden»

Dabei kann man durchaus nicht sagen, dass man sich beim Deutschlandradio nicht kümmert um das, was Online möglich ist. Im Januar erst ist «Dradio Wissen» an den Start gegangen, ein nur digital und übers Netz empfangbarer Kanal mit Schwerpunkt, na eben Wissen, und dem, «was hilft, die Welt in all ihrer Vielfalt zu verstehen». Es soll sich an junge Hörer richten, sagt Steul, auch an solche, die vor allem im Kopf jung seien. Deswegen gibt es dort elektronische Musik zu hören, und die Mannschaft bestehe, neben «ein, zwei Erwachsenen», vor allem aus «jungen Wilden». Dradio Wissen sei für die Rundfunkanstalt ein Experimentierfeld, meint Steul.

Die Erkenntnis ist durchaus da, dass man sich öffnen muss fürs Netz – und dass das neue Medium Internet auch das alte Medium Radio verändern wird. Etwa 2000 Webradios gebe es zur Zeit, sagt der Intendant, seit 2006 habe sich ihre Zahl verfünffacht. Massive Konkurrenz ist die Folge, und eine schier unüberschaubare Angebots- und Formatvielfalt. Die Nutzung werde sich ausdifferenzieren, sagt Steul, die Bedeutung des einzelnen Programms abnehmen. Bei gedruckten Medien sei das ja schon längst zu beobachten. «Da wird es bald jeweils eigene Magazine für den links- und rechtsarmigen Forellenangler geben».

So richtig anfreunden aber kann sich Steul nicht mit der neuen Konkurrenz. «Ich kann in all diese Programme kein Vertrauen haben», sagt er. Wer wisse denn schon, wer da was ins Netz stellt? Beim Deutschlandradio – ebenso wie bei der Süddeutschen Zeitung oder beim Spiegel – sei klar, dass die Regeln des journalistischen Handwerks eingehalten würden. Auch wenn das vor Pannen wie mit dem Köhler-Interview nicht immer schützt.

ruk/news.de
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Thomas Möbius
  • Kommentar 1
  • 10.03.2011 13:24
 

Als begeisterter Radio- und Funkhörer bin ich schon dafür, alles für die Erhaltung des ö.r.Hörfunks zu tun. Das dies derzeit offenbar wenig Unterstützung hat, zeigt folgendes Beispiel: WDR2 (unser Stammsender) ist im NRW-Randgebiet nur mit großem Aufwand störfrei zu empfangen, das DAB-Angebot mit Monoausstrahlung ist unattraktiv, DRM wird nur zu Testzwecken betrieben, und die Onlineserver von WDR2 geben bei vielgehörten Programmen schnell den Geist auf. Als Folge davon landet man schnell mal bei einem anderen Onlineradiosender und mancher bleibt dann da! Es fehlt Geld und Innovationsgeist!

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