Von news.de-Redakteur Konrad Rüdiger
Für jeden alles: In Deutschland haben sich im Schatten des Riesen «Rock am Ring» Hunderte kleinerer Festivals etabliert. Dabei blühen vor allem die Veranstaltungen, die auf Flair statt auf die 80. Band setzen. Eine kleine Vorschau auf das, was da kommt.
Die Nächte in den verschwitzten Clubs sind vorerst wieder gezählt: Der Festivalsommer hat begonnen. Hunderttausende begeben sich in den kommenden Wochen auf abgelegene Flughäfen, Rennstrecken und Ackerflächen, um Musik zu hören, sich selbst zu feiern und gleich noch einen preiswerten Kurzurlaub zwischen den Alltag zu schieben. Kofferraumladungen von Fertignahrung und, nicht zu vergessen, hektoliterweise Alkoholika werden dabei wieder auf die Zeltplätze geschleppt.
Die Zahl der Festivals ist dabei in den vergangenen Jahren immens gewachsen. Annähernd 1000 dieser Veranstaltungen gibt es mittlerweile bundesweit. Viele Organisatoren kennen dabei nur eine Denkrichtung: Größer, teurer, mehr. Auch Festivals der kleineren Liga erheben mittlerweile den Anspruch, professionell durchorganisiert zu sein. Die Listen der auftretenden Musiker wurden in den vergangenen Jahren immer länger, die Tickets entsprechend teurer. Einige der gefragten einheimischen Bands werden wie auch im Vorjahr bis in den September hinein zwei oder mehr Auftritte pro Wochenende absolvieren und dabei einen regelrechten Zickzackkurs auf Deutschlands Autobahnnetz absolvieren.
Doch die skeptischen Stimmen werden lauter. Branchenkenner vermuten, dass die Spirale aus noch mehr Spektakel, noch größeren Bühnen und Zeltplätzen nicht überall weiterzudrehen sein wird. Es seien nicht genug bekannte Bands unterwegs, um alle Organisatoren und alle Festivalgänger zufriedenzustellen, das Sponsoring oftmals rückläufig, heißt es hinter vorgehaltener Hand.
Wundersame Restkontingente zu astronomischen Preisen
Exemplarisch lässt sich das auch am größten deutschen Doppelfestival zeigen. Das heute beginnende Rock am Ring am Nürburgring in der Eifel ist angeblich seit längerem ausverkauft. Die Veranstalter versuchten allerdings seit einigen Wochen, wundersam aufgetauchte Kontingente zu Preisen von über 250 Euro pro Billett unters Volk zu bringen. Schaut man sich jedoch online um, sind die Preise längst deutlich unter den Normalpreis von etwa 170 Euro gefallen. Eine Woche vor Beginn des Festivals wurden bei Auktionen noch zwischen 100 und 120 Euro für ein Viertagesticket gezahlt. Die Veranstalter freut es - diejenigen, die sich in der Hoffnung auf einen kleinen Reisekostenzuschuss das ein oder andere Ticket zu viel gekauft hatten, wohl eher weniger.
Doch abseits der Mega-Bühnen und Altrocker-Reunion-Shows (u. a. Kiss bei Rock am Ring) lassen sich unter den weniger großen Festivals stimmungsvolle Veranstaltungen finden. So sind zumeist diejenigen die reizvollsten, die von den Organisatoren vor allem mit Herzblut organisiert werden. Veranstaltungen, die mit Seele statt Bombast bei den Besuchern punkten: klein, aber fein und manchmal auch groß, aber fein.
Werbeverzicht und Geheimniskrämerei
So gab es bereits im Winter einen regelrechten Run auf die Karten für das Fusion-Festival im mecklenburgischen Lärz, das sich über die Jahre einen Ruf als Untergrund-Festival erarbeitet hat. Der konsequente Verzicht der Veranstalter auf jegliche Werbung einerseits und andererseits eine kreative Mischung aus Theater, Kultur und zumeist unbekannten Musikbands sorgten dafür, dass für die diesjährige Ausgabe die Zahl der Besucher erstmals auf 45.000 begrenzt wurde. Das geschah vor allem, um die stetig wachsende Anarchie auf dem alten Flughafengelände in einigermaßen geordnete Bahnen zu lenken.
Bereits in die 27. Auflage geht das Haldern-Festival im August, welches sich über die Jahrzehnte zu einem regelrechten Familientreffen angesagter Bands aus Indie, Pop und Folk entwickelt hat. Im niederrheinischen Niemandsland zwischen dem Ruhrgebiet und der holländischen Grenze werden jedes Jahr die Bands gebucht, die ein oder zwei Jahre später größere Hallen füllen oder eben von größeren Festivals angefragt werden. Und wenn man weiß, dass die Eltern der Organisatoren für die Verpflegung der Bands sorgen, ein malerischer See das äußerst entspannte Ambiente bestimmt und ein schickes Spiegelzelt auf das in Indie-Uniformen gekleidete und gut informierte Publikum wartet, wird sich nicht wundern, dass auch diese kleine Sause seit einigen Wochen ein «Ausverkauft» vor sich her trägt. Ganz ohne mysteriöse Restkontingente.
reu/news.de