Von news.de-Redakteur Michael Kraft, Leipzig
Das letzte Konzert seiner aktuellen Tour hat Liedermacher Gisbert zu Knyphausen in Leipzig gespielt: Ein Abend, der verstehen lässt, warum er eine so erstaunliche Erfolgsgeschichte hingelegt hat. Und der befürchten lässt: Der Sänger hat Angst vorm echten Leben.
«Das ist das letzte Konzert der Tour», sagt Gisbert zu Knyphausen nach ein paar Liedern. Es klingt nur halb feierlich, halb erleichtert, halb nach letztem Kuss, Sonnenuntergang und Abspann. Dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Zum einen ist der Wahl-Hamburger, der in den vergangenen Jahren dafür gesorgt hat, dass das Wort «Liedermacher» wieder sexy klingt, quasi permanent unterwegs. Schon in zwei Wochen geht in Münster die nächste Tour los.
Zum anderen scheint hier die eigene Angst vor dem Alltag mitzuschwingen. Der 31-Jährige sieht, ebenso wie seine vierköpfige Band, an diesem Abend in Leipzig schlimm erschöpft aus. Gleichzeitig merkt man aber in jedem Moment seines zweistündigen Auftritts: Auf der Bühne, mit der Gitarre in der Hand, ist Gisbert zu Knyphausen ganz bei sich selbst.
Das ist durchaus beruhigend zu sehen, denn sein aktuelles Album Hurra! Hurra! So nicht. ist erschreckend düster. Da wird ganz offensichtlich ein Verlust verarbeitet, und das Ergebnis ist mitunter der Schlachtruf: «Melancholie / Fick Dich ins Knie.»
Mit solchen Zeilen, mit rauer Stimme und wilder Romantik hat Gisbert zu Knyphausen eine der erstaunlichsten Erfolgsgeschichten der jüngeren deutschen Musikgeschichte hingelegt. Schon das 2008 erschienene Debüt wurde für die aufrichtige, lebensweise und humorvolle Poesie seiner Texte und die bedingungslose Hingabe seiner Musik gefeiert. Ohne großes Marketing hat es die zweite Platte nun bis auf Platz 12 der Charts geschafft. Und das ist kein Wunder: Seine Lieder sind so tief gefühlt, bedingungslos durchlebt und schlau formuliert, wie das niemand sonst in Deutschland hinbekommt.
Lieder wie alte Kumpanen
Wie dankbar das Publikum dafür ist, merkt man auch an diesem Abend. Der ausverkaufte Saal muss spontan noch ein wenig vergrößert werden. Die Fans klatschen stets schon nach den ersten Gitarrentönen, wenn sie das nun folgende Stück wie einen lange vermissten Kompagnon erkannt haben. Und wenn sie die Texte mitsingen, dann tun sie das nicht, weil sie im Radio ein paar Zeilen aufgeschnappt haben, sondern weil jeder Satz für sie wie ein Glaubensbekenntnis klingt.
Es gibt sogar etwas bizarr klingende «Gisbert!»-Rufe. «Ja, ich bin hier», antwortet der Mann auf der Bühne linkisch. Keine Frage; Ein Entertainer wird Gisbert zu Knyphausen nicht mehr. Zwischen den Songs stimmt er lieber seine Gitarre, als das Publikum zu unterhalten. Aber wenn er dann ankündigt: «Ein paar melancholische Lieder haben wir noch» – dann ist das ist keine Warnung, sondern ein Versprechen.
Die Musik ist für ihn mindestens ebenso sehr Trost wie für sein Publikum. Und das bringt vor allem dann besondere Momente mit sich, wenn Gisbert zu Knyphausen die ganze Szenerie mit Humor nimmt. Und erst recht, wenn die Band sich richtig ins Zeug wirft wie im infernalischen Herzlichen Glückwunsch oder in Neues Jahr, das am Ende klingt wie eine Doors-Session ohne Schmonzes.
Als eine der Zugaben spielt Gisbert zu Knyphausen ein Stück von Element Of Crime, das sich nahtlos in sein Oeuvre einfügt. Es ist so etwas wie der letzte Beweis, den es gar nicht mehr gebraucht hätte: Gisbert zu Knyphausen steckt längst alles in die Tasche, was sonst in Deutschland mit Gitarren produziert wird.
kas/news.de