So., 27.05.12

Lavinia Wilson 29.05.2010 «Schauspieler sind schlechte Lügner»

Lavinia Wilson (Foto)
In Tandoori Love begibt sich Lavinia Wilson ins leichte Fach. Bild: Arsenal Filmverleih

Von news.de-Redakteur Michael Kraft, Leipzig

Kaum eine junge deutsche Schauspielerin hat schon so viel Lob eingeheimst wie Lavinia Wilson. Nun ist sie in der Komödie Tandoori Love zu sehen. Über Kulturschocks und ihre liebsten Rollen spricht sie in einem listigen Interview.

Man sieht Sie nur sehr selten in Komödien wie jetzt in Tandoori Love. Ist das die reizvolle Rolle in dem ungewöhnlichen Film, die Sie sich lange gewünscht haben?

Wilson: Es ist ein skurriler Film. Aber um ehrlich zu sein: Der wichtigste Grund, warum ich Tandoori Love gemacht habe, war die Möglichkeit, nach Indien zu kommen. Diesen Culture Clash zu erleben, das war irre.

Hat Vijay Raaz, der sich im Film auf den ersten Blick in Sie verliebt, dabei den Reiseführer gespielt?

Wilson: Nicht ganz. Als ich erfahren habe, dass er den Rajah spielt, der mich umwirbt, war ich erst ein bisschen geschockt. Denn ich hatte ihn kurz zuvor in Monsoon Wedding gesehen – und er ist ja nicht der klassische Schönling. Aber er hat mich und uns alle mit seinem Charme überzeugt. Und als wir dann ganz am Ende der Dreharbeiten in Indien waren, war es absolut faszinierend, ihn zu erleben. Er ist dort ein absoluter Superstar. Ich hatte ihn immer gefragt, ob wir uns nicht einmal gemeinsam die Stadt ansehen können und dachte er scherzt, als er geantwortet hat: «Ich kann hier nicht auf die Straße gehen.» Aber als wir dann die Schlussszene des Films in einem kleinen Dorf gedreht haben, habe ich gemerkt, dass das stimmt. Innerhalb von fünf Minuten war er von einer riesigen Traube Menschen umgeben. Die wollten ihn alle anfassen, sind ihm zugleich aber mit einer ungeheuren Ehrfurcht begegnet. Und ich stand, als junge weiße Frau neben ihm, natürlich genauso im Fokus des Interesses. Das war faszinierend.

Hat das vielleicht den Ehrgeiz geweckt, einmal ähnlich populär zu werden?

Wilson: Nein, das war eher beängstigend. Ich habe etwas Ähnliches bei einem Filmfestival in Süddeutschland erlebt, wo ich nach dem Dreh von Frau Böhm sagt Nein mit Senta Berger war. Da habe ich erlebt, was es heißt, ein Superstar zu sein. Die Leute haben mit Senta gesprochen, als sei sie noch im Fernsehen. Weder in Indien noch da habe ich mir gewünscht, derart berühmt zu sein. Nicht mal für einen kurzen Moment.

Vor acht Monaten haben Sie news.de schon einmal ein Interview gegeben. Damals haben Sie erwähnt, dass sie gerne Listen führen. Also hätte ich gerne eine Liste: Drei Gründe, warum man sich Tandoori Love ansehen soll.

Wilson: Der Film macht gute Laune. Er macht Hunger. Und er ist sehr skurril.

Wie war es, mit einem Ensemble zu drehen, das vor allem schweizerdeutsch spricht?

Wilson: Das war wirklich etwas schwierig. Rückblickend würde ich sagen: Es ist eine herausfordernde Fremdsprache. Die Schweizer behaupten ja immer, ihre Sprache hätte mit Deutsch gar nichts gemeinsam. Aber nach sechs Wochen Dreh habe ich schon so einiges verstanden. Trotzdem wurde mein Part für die schweizer Version des Films dann synchronisiert.

Und wie war es, als ausgewiesener Stadtmensch in den Bergen zu drehen?

Wilson: Das spielte bei der Produktion leider keine große Rolle. Ich liebe die Berge, und ziehe einen schönen Bergsee jederzeit dem Strand vor. Deshalb hatte ich auch insgeheim gehofft, dass der Dreh ein bisschen wie Urlaub in den Alpen wird. Aber daraus wurde nichts: Meistens ging es um 5.20 Uhr los.

Noch eine Liste: Welche fünf Rollen aus der Filmgeschichte hätten Sie gerne gespielt?

Die Mona in Kir Royal. Hank Moody in Californication. Jake LaMotta in Wie ein wilder Stier. Und Starbuck in Kampfstern Galactica.

Da fehlt noch eine.

Wilson: (überlegt eine Weile) Mehr fallen mir nicht ein.

Vielleicht würde Beatrix Kiddo aus Kill Bill passen – eine starke Frauenfigur.

Wilson: Da hätte ich keine Lust auf die Diät (lacht). Aber im Ernst: Die Frauenrollen bei Tarantino finde ich nicht besonders reizvoll. Das ist ein bisschen wie bei Scorsese: Es gibt ganz viele tolle Männerfiguren, aber die Frauen sind oft nur Beiwerk. Also belassen wir es bei vier.

Dann kommen wir zur nächsten Liste: Fünf Sendungen, auf die Sie im Fernsehen nicht verzichten können.

Wilson: Ich schaue normalerweise viele Serien, aber meistens auf DVD oder im Internet. Ich bin ein großer Fan der ZDF-Mediathek. Ansonsten? Die Tagesschau. Ohne die fühle ich mich unwohl. Breaking Bad. Das ist die grandioseste Serie, die ich je gesehen habe. So etwas kriegen die Amerikaner viel besser hin als wir: eine Verbindung von Drama und Humor. 30 Rock mit Tina Fey. Natürlich Kampfstern Galactica. Und den Kriminaldauerdienst. Das ist wirklich schade, dass diese Serie eingestellt wurde. Da hätte das ZDF mehr Geduld zeigen können statt nur auf die Quoten zu gucken - schließlich schieben wir ihnen ja ohnehin das Geld in den Arsch. Dass die Serie trotz der sehr guten Kritiken eingestellt wurde, zeigt, dass sie nicht geliebt wurde vom Sender.

Wie ist das, als Film- und Fernsehschaffende selbst fernzusehen?

Wilson: Ich frage mich oft, warum das System so ist wie es ist. Ich gucke differenzierter und achte vor allem mehr auf die Figuren. Aber das merke ich meistens erst, wenn ich mich mit Freunden unterhalte, die nicht aus der Branche kommen. Wie schwer es ist, einen schlechten Dialog trotzdem gut zu spielen, das bemerken die meistens nicht. Nur bei richtig guten Sachen kann ich voll und ganz Zuschauer sein, vor allem im Kino. Bei Brokeback Mountain war das so.

Noch eine Liste: Fünf Dinge, die Sie in diesem Jahrzehnt noch machen wollen.

Wilson: Kinder kriegen. Einen Kurzfilm produzieren. Es gibt da dieses Projekt namens Sunny & Roswitha, an dem ich mit meinem Freund Barnaby Metschurat arbeite. Wir beginnen Anfang Juli mit den Dreharbeiten, auf die ich sehr gespannt bin. Es wird eine skurrile Geschichte über den Sicherheitswahn in unserer Gesellschaft. Außerdem will ich mein Studium abschließen. Ich würde gerne miterleben, dass wir das Problem mit dem Klimawandel noch gelöst bekommen. Und ich würde gerne noch einmal einen richtig guten Kinofilm mit Dito Tsintsadzes machen. Es gibt da diese Idee für Invasion, eine Art Kammerspiel, in der es um einen Witwer geht, der in einer einsamen Villa lebt und dann von seiner angeblichen Verwandtschaft heimgesucht wird. Aber derlei anspruchsvolle Projekte sind schwer zu finanzieren.

Die letzte Liste: Drei Zeilen, die Sie in Ihren Rollen sagen mussten, und die Sie noch immer auswendig können.

Wilson: Aus Tandoori Love kann ich leider nichts mehr. Aber 1996 in Das erste Mal habe ich Fili gespielt, die unsterblich in Johnny Depp verliebt ist. Sie sagt an einer Stelle: «Johnny, es sind noch 365 Tage, bis ich Dir meine Liebe gestehen kann.» Ich erinnere mich auch noch an die Szene in Allein, als ich Richy Müller eiskalt angelogen habe mit dem Satz: «Ich habe geheiratet.» Und als Elfjährige musste ich in meinem ersten Film sagen: «Der Lift, der hält. Ich meine, der hält, wann er will.» An diese frühen Sachen erinnert man sich seltsamerweise immer am besten. Und natürlich an Standardsätze wie «Was haben Sie gestern zwischen 19 und 22 Uhr gemacht?» Aber die zählen sicher nicht.

Kommt es vor, dass Sie sich im Alltag dabei ertappen, wie Sie Sätze aus einer Ihrer Rollen aufsagen?

Wilson: Ja. Man übernimmt solche Verhaltensweisen. Aber das geschieht eher unbewusst. Mein Freund wirft es mir manchmal vor, dass ich wie in einer bestimmten Rolle bin. Aber absichtlich funktioniert das nicht. Schauspieler sind im echten Leben meistens schlechte Lügner.

ruk/news.de
Leserkommentare (1) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Realität
  • Kommentar 1
  • 29.05.2010 16:00
 

"Schauspieler sind schlechte Lügner" Politiker sind schlechte Schauspieler ... und deshalb gute Lügner ...

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