So., 12.02.12

«Geliebte Familie» Traumwelt zum Anfassen

Artikel vom 30.05.2010

Das ZDF hat seine Zuschauer über lange Zeit daran gewöhnt, dass es am Sonntagabend ordentlich pilcherte. Doch die Zeiten ändern sich. Und so zieht mit dem Fernsehfilm Geliebte Familie ein Stück Realismus ein in die Wohnzimmer.

Die Mutter leidet, weil die Kinder das Haus verlassen. Der Vater freut sich, weil er auf einen zweiten Frühling hofft. Zweiter Frühling sollte der Film eigentlich heißen, der nun heute unter dem Titel Geliebte Familie im ZDF (20.15 Uhr) läuft - ein etwas anderer Sonntagsfilm als die spitzenumhäkelten Melodramen der Pilcher-Welt.

«Probleme wie hier gibt es überall», meint die Produzentin Danela Pietrek. «Solche Menschen kann man überall treffen.» Zum Beispiel junge Frauen wie die Tochter des Ehepaars, die es nach mancherlei Missgeschick in Beruf wie Liebe unaufhaltsam ins Elternhaus zurückzieht. Junge Männer wie ihren Bruder, der es nicht erträgt, beruflich weniger tüchtig zu sein als seine Frau.

Und dann gibt es noch einen jungen Schriftsteller, den die Frau Mama aus purer Nächstenliebe (und aus purer Bosheit gegen den zuweilen etwas egoistischen Ehemann) als Untermieter ins Haus holt. Die Tochter kann ihn schon mal nicht leiden. Anfangs jedenfalls. Am Ende dann doch, zumal der junge Mann gerade dabei ist, einen Bestseller zu landen.

Und überhaupt, allem angestrebtem Realismus zum Trotz, wird am Ende das meiste ziemlich gut. Denn bitte: man ist schließlich in einem ZDF-Sonntagsfilm. Dazu gehört auch eine überwältigend schöne Landschaft, «wo die Sehnsucht der Zuschauer in fremde Welten entführt wird» (Danela Pietrek). Hier ist es ein unübertrefflich malerisches Boston, wo immerzu die Sonne scheint, während sich Pietrek eher fröstelnd an ausführliche Regentage erinnert.

Allerdings fand Boston nur in den Außenaufnahmen statt, während der Innenteil im preisgünstigeren kanadischen Halifax gedreht wurde. Eine neue Film-Landschaft, auch neue Gesichter will man zeigen, schon um den Figuren ihre Jugendlichkeit zu lassen: Finja Martens ist das Mädchen Rosa, in weiteren Rollen sind Leander Lichti und Christoph Mory zu sehen, das reife Paar spielen Karin Giegerich und Jürgen Löw.

Regie führt der Hamburger Oliver Dommenget, der schon so unterschiedliche Filme wie Im Tal der Rosen oder das DDR-Drama Böseckendorf inszenierte. Verena Mahlow schrieb das Buch nach einem Roman der britischen Autorin Joanna Trollope. Hierzulande ist die 66-Jährige weniger bekannt, international wurden ihre Romane in 25 Sprachen übersetzt. «Ihre große Qualität: Sie beschreibt Familien in ihrer ganzen Komplexität», sagt Pietrek. «Jeder kann sich dort wieder finden.»

Offenbar noch mit einiger Zurückhaltung, denn ein erster ZDF-Trollope-Film, der im Oktober gezeigte In Boston liebt man doppelt, brachte die eher enttäuschende Quote von 3,71 Millionen Zuschauern. Inzwischen aber, hofft man in Mainz und hatte schon mal die Ausstrahlung der Geliebten Familie vom Herbst ins Frühjahr verschoben, könnte sich das Sonntagsfilm-Publikum an etwas herbere, realistischere Töne gewöhnt haben.

bla/news.de/dpa
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