Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Auch wenn auf dem Album Flesh Tone noch Kelis drauf steht, ist von der Sängerin lange nicht mehr so viel zu spüren wie noch auf ihren vergangenen Platten. Die einst derbe R&B-Musik ist einem glatten, coolen Discosound gewichen. Zumindest aber macht der, was er soll: für Tanzlaune sorgen.
Der Zug, der die Trends geladen hat, fährt glücklicherweise nicht besonders schnell. Schließlich muss man als Künstler immer die Möglichkeit haben, noch eben aufzuspringen, denn wer etwas verpasst im Popgeschäft, der langweilt sich nicht nur ganz schnell selbst, der ist auch mindestens ebenso schnell verschwunden, weil er Fans und Journalisten langweilt.
Und so wurde aus Kelis innerhalb von vier Jahren, die seit ihrem letzten Album vergangen sind, eine Elektro-Diva. Einst schrie sie in I Hate You So Much Right Now noch ihre Wut in die Welt hinaus, war zweimal für einen Grammy nominiert und bekam einen Brit Award als «Best Breakthrough Artist» und stürmte mit Milkshake oder Trick Me die R&B-Charts. Ihre neue Platte Flesh Tone jedoch, die jetzt erschienen ist, ist ein Statement für Discokugel und Synthesizer.
Wie zuletzt schon andere Sängerinnen schwenkt Kelis, die einstige «Muse der Neptunes» (The Observer) damit weg vom R&B und ruft gleich mit dem zweiten Titel das 22nd Century aus, ein neues Zeitalter, in dem die Schlagworte «religion, science fiction, technology» umherfliegen und in dem alle Welt tanzt. Davor begibt sich die 30-Jährige mit dem dreieinhalbminüten Intro und seinen unfassbar altmodischen Synthesizer-Klängen noch weit in die Vergangenheit. Was denn nun? Zukunft oder Vergangenheit? Sicher ist nur eines: «We control the dancefloor.»
Das jedoch tut Kelis mit altbewährten Mitteln, nicht umsonst hat sie sich für das fünfte Studioalbum Will.I.Am von den Black Eyed Peas und den House-DJ und Produzenten David Guetta an ihre Seite geholt. Und so klingt die neue Kelis, wie es vor ihr schon Kelly Rowland (When Love Takes Over) oder zuletzt Christina Aguilera mit Bionic getan haben. Zuweilen ist das beeindruckende und mitreißende Disco-Musik, doch wie so oft, wenn Menschen neue Wege einschlagen, zieht irgendjemand auch den Kürzeren. Und das ist in diesem Fall Kelis selbst.
Von ihrer unverwechselbaren, soulig-warmen und entspannten Stimme, die auf den bisherigen Alben noch für Flair sorgte, ist auf dem neuen Album nicht mehr viel geblieben. Glatt und technisch wirkt die Sängerin, was bei Stücken wie der ersten Single Acapella mit seinen großartigen Arrangements noch funktioniert, in Emancipate etwa jedoch endgültig kippt, weil Kelis im mehrstimmigen Gesang schlicht untergeht.
Und so bleibt nach den neun Tracks zumindest ein fader Nachgeschmack. Da kann sich Kelis im Booklet und auf dem Plattencover noch so selbstbewusst, noch so verführerisch geben, da mag sie mit einem neuen Stil und einem neuen Habitus daherkommen, man wird das Gefühl nicht los, hier habe jemand einen Teil von sich einfach weggegeben – vor allem, was die Verantwortung für ihre Musik angeht. Vielleicht hat sie, nachdem sie nicht nur Mutter geworden, sondern inzwischen auch von Rapper Nas geschieden ist, einfach zu viel gewollt.
Dass das Album dennoch so gut funktioniert, liegt daran, dass es konsequent und zielgerichtet durchproduziert ist. Von der ersten bis zur letzten Sekunde lässt Flesh Tone die Beine zucken, und selbst zeitweilig nervtötende Stücke wie Brave können nichts daran ändern, dass diese Musik wie geschaffen ist für die Dancefloors dieser Welt. Dass Kelis dafür textlich schlichter, manchmal auch uninspirierter geworden ist, verwundert indes nicht. Tanzmusik ist eben kein R&B.
Interpret: Kelis
Titel: Flesh Tone
Plattenfirma: Interscope (Universal)
Erscheinungsdatum: 28. Mai 2010