So., 27.05.12

Doku-Soap «Süchtig» 24.05.2010 Entgiften mit RTL

RTL  (Foto)
Entstation RTL: Nun will der Privatsender auch noch Süchtige vor die Kamera holen. Bild: ddp

Von Caroline Wadenka

In die Riege der RTL-Helferlein reiht sich nun auch Psychotherapeut Christoph Heck ein. Im neuen Doku-Format Süchtig zerrt er Alkoholiker vor die Kamera, um sie von ihrem Leiden zu befreien.

Der Alkohol hat tiefe Spuren in Ralfs Gesicht hinterlassen. Dicke Tränensäcke, ein glasiger Blick und die fahle Gesichtsfarbe lassen das Problem des Berliners gleich erahnen. Doch Ralf möchte loskommen vom Alkohol. Für diesen Schritt hat er sich professionelle Hilfe in Person des Psychotherapeuten und Psychiaters Christoph Heck geholt. Heck ist das neueste Mitglied der RTL-Coaching-Familie um Schuldnerberater Peter Zwegat, Super-Nanny Katharina Saalfrank und Restaurant-Tester Christian Rach. Heck begleitet Ralf in der Pilotfolge der Dokumentation Süchtig am Mittwoch (26. Mai, 21.15 Uhr) bei seiner Entgiftung. Ob es eine Fortsetzung des Sendeformats gibt, steht noch nicht fest.

Seit mehr als 20 Jahren leidet Ralf an Alkoholsucht. «Ich trinke zurzeit 15 Bier am Tag», gibt der Berliner zu. Dadurch hat er nicht nur seinen Job als Lkw-Fahrer verloren, sondern auch seine Frau. Er lebt allein in einem Plattenbau im Stadtteil Marzahn, bezieht «Hartz IV» und verlässt das Haus eigentlich nur, um Alkoholnachschub zu besorgen.

Im Krankenhaus bleiben die Kameras aus

Der Verlust seiner Familie hat Ralf nachdenklich gemacht. Heck habe er um Hilfe gebeten, «damit ich vom Alkohol wegkomme und weil ich meiner Familie beweisen will, dass ich das diesmal schaffe.» Die Motivation ist der erste Schritt auf dem langen Weg. Heck sagt: «Ohne die Bereitschaft, eine Therapie machen zu wollen, geht es nie.»

Nachdem sich der Therapeut ein Bild von Ralfs Leben und der Dimension seiner Sucht gemacht hat, geht es zu einer zwölftägigen Entgiftung in die Klinik. Dort bekommt Ralf keinen Alkohol, die Entzugserscheinungen und Schmerzen werden mit Medikamenten gelindert. Von diesem körperlich schwersten Teil der Therapie erfährt der Zuschauer aber nichts, denn die Kameras müssen draußen bleiben. Nach etwa einer Woche sind die körperlichen Symptome des Entzugs dann laut Heck bereits vorbei.

Kleine Therapieschritte

Nach dem Klinikaufenthalt soll der Besuch einer Tagesklinik dem Alkoholiker wieder eine Routine zurückgeben, der Besuch einer Selbsthilfegruppe und einer Langzeittherapie sollen ihn stabilisieren. Die Überwindung, sich solchen Institutionen anzuvertrauen oder auch die Schamgefühle spielen in der Sendung jedoch kaum eine Rolle. Die Kosten der Entgiftung in einer Klinik übernehmen laut Heck die Krankenkassen, die Langzeittherapie muss der Rentenversicherungsträger genehmigen.

Es sind kleine Therapieschritte, die Süchtig zeigt, denn Ralf fehlt es laut Heck bereits an «Basiskompetenzen». Er betreut ihn wie ein Sozialarbeiter sogar beim Einkaufen. Dass ein falsches Bild von einer Entzugstherapie entstehen könnte, glaubt Heck nicht. «Wir wollten zeigen, was möglich ist, und für Betroffene nachvollziehbar sein.» Die Sendung könne nur den Einstieg in die Therapie zeigen. «Jemand der 30 Jahre so schwer krank ist, wird nicht in wenigen Tagen gesund», erläutert er. Auch wenn der Film eine sehr positive Entwicklung des Berliners zeige, brauche Ralf auch weiterhin «ganz viel Hilfe».

Infotainment statt Bildungsfernsehen

Heck hofft, auf diesem Weg andere Betroffene für eine Therapie zu motivieren. Natürlich hätte er auch auf einem Bildungskanal einen «Fachvortrag im Telekolleg-Stil» halten können, sagt Heck. Er bezweifelt aber, dadurch schwer abhängige Alkoholiker in Deutschland zu erreichen. «Ich halte es für gerechtfertigt, meine Botschaft im Infotainment zu verbreiten.» Wenn nur ein Bruchteil der betroffenen Menschen durch die Sendung einen Motivationsschub bekäme, sei sein «Traum» erfüllt. Auch RTL-Sprecherin Beate Schmiedehausen sagt: «Die Abhängigen und ihre Familien wagen den Tabubruch, stoßen eine Debatte an und zeigen, dass es sich lohnt, etwas gegen die Abhängigkeit zu tun.»

Die Tatsache, dass Ralf mit seinem echten Namen präsentiert wird und sogar seine Adresse ausgemacht werden kann, könnte zumindest umstritten sein. So treten Betroffene der Selbsthilfegruppe Anonyme Alkoholiker im Fernsehen eigentlich nur auf, wenn sie von einer Wand verborgen oder von hinten gefilmt werden. Die Anonymität sei ein «Schutzschild», erläutert ein Betroffener. Wenn man über eine Therapie berichte, gehe es doch mehr um die Erfahrungen und nicht so sehr um die Person.

Therapeut Heck hat sich darüber gemeinsam mit dem Sender vorher Gedanken gemacht. Er weiß, dass der Dokumentation Skepsis entgegenschlägt. Doch mit Süchtig habe man ein «integeres Format» geschaffen, betont er. Seiner Ansicht nach ist es nicht nur eine Belastung, sondern auch eine Chance, sich öffentlich zu zeigen. «Wenn Ralf den Film sieht und mit sich zufrieden ist, dann hat das sogar einen positiven therapeutischen Aspekt», sagt er. Die Doku werde er sich am Mittwoch gemeinsam mit Ralf in Berlin ansehen.

tfa/news.de/ddp
Leserkommentare (3) Jetzt Kommentar zum Artikel schreiben
  • Steph
  • Kommentar 3
  • 28.05.2010 10:56
 

Als Mitbetroffene fand ich den Beitrag sehr interessant. Er schafft Hoffnung für viele, dass es doch einen Weg aus diesem Teufelskreis gibt. @Andy: Nicht jedem der unter dieser Krankheit leidet sieht man es an. Und es ist gut wenn hier mal ein Tabu gebrochen wird, da Alkohol immer noch eine von der Gesellschaft akzeptierte Droge ist.

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  • Andy Hunter
  • Kommentar 2
  • 27.05.2010 08:55
 

ja der Ralf sah nicht gesund aus und ist recht glaubhaft rübergekommen, aber ich habe mich gefragt: warum hat jemand der seit vielen Jahren bis zu 15 Bier täglich trinkt überhaupt keinen Bierbauch? warum ist er nicht stark aufgedunsen? warum hat seine Gesichtshaut keine sichtbaren roten Äderchen?? komisch....

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  • Nicole
  • Kommentar 1
  • 27.05.2010 08:41
 

Hallo, ich war sehr positiv überrascht. Es wurde sehr authentisch rüber gebracht. LG www.erfahrungsaustausch-nonconform.com

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