Von news.de-Mitarbeiter Dieter Oßwald
Das Filmfestival in Cannes ist zu Ende. Zeit, Bilanz zu ziehen und zu erklären, warum ein Thailänder zu Recht die Goldene Palme gewann und die Franzosen zu Unrecht zum großen Abräumer des Festival-Heimspiels wurden.
Sein Name ist ähnlich leicht auszusprechen wie der des isländischen Vulkans. Deswegen wird der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul, der in Cannes die Goldene Palme gewann, von den meisten nur Joe genannt. Kurz und bündig sind die Filme von Joe selten.
Wie schon in Tropical Malady (wofür er einst den Jury-Preis bekam), entwickelt der 39-jährige Bilderpoet auch in Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives seinen ganz eigenen Kinokosmos der surreal poetischen Art. Der titelgebende Onkel Boonmee kann sich, kurz vor seinem Tod, an seine früheren Leben erinnern. Behilflich sind ihm dabei der Geist seiner verstorbenen Frau sowie der verschollen geglaubte Sohn, der als Affe (!) zurückkehrt. Bevor der Alte an Nierenversagen sterben wird, meditiert man gemeinsam über das Versagen im Leben - und die Hoffnung auf stete Inkarnation: Nach dem Leben ist vor dem Leben.
Gold für rigoroses Kino mit eigener Handschrift, das war unter dem kompromisslos schrägen Jury-Präsidenten Tim Burton nur konsequent. «Ich weiß nicht, ob die politische Lage in meinem Land eine Rolle für den Preis gespielt hat. Aber diese Palme gibt Hoffnung», freute sich Weerasethakul über die Auszeichnung für sein poetisches Märchen.
Auch die Berlinale kann auf den Cannes-Sieger stolz sein, wurde das Werk doch von deren World Cinema Fund gefördert. Wie in Berlin gab man sich diesmal auch unter Palmen gern politisch: Juliette Binoche bekam den Schauspiel-Preis für Copie Conforme (Bestätigte Kopie) des Iraners Abba Kiarostami. Kaum mehr als ein verplappertes Beziehungsdrama in der Toskana, doch die Weltbühne Cannes gibt Gelegenheit, auf das Schicksal des inhaftierten Iraners Jahar Panahi hinzuweisen. Bei der Pressekonferenz brach die Binoche deshalb in Tränen aus, bei der Preisvergabe hielt sie demonstrativ ein Schild mit dem Namen des im Hungerstreik befindlichen Regisseurs hoch.
Gleichfalls symbolträchtig der Jury-Preis für Un homme qui crie den ersten Film aus dem Tschad. Besonders eindrucksvoll fällt dieses Vater-Sohn-Drama zwar kaum aus, aber warum nicht eine Palme als Entwicklungshilfe für das auch cineastisch notleidende Afrika?
Gastgeber Frankreich hat solche Unterstützung nicht nötig und gehört etwas unverdient zum großen Abräumer beim Festival-Heimspiel. Neben der Binoche bekam Schauspieler Mathieu Amalric den Regiepreis für sein läppisches Regie-Debüt Tournée, eine recht unlustige Komödie über eine Tanz-Truppe, die durch die Provinz tingelt.
Sehr berechtigt hingegen der Große Preis der Jury für das ruhige Klosterdrama Of God and Men von Xavier Beauvois, der mit nachhaltigen Bildern zum unumstrittenen Liebling des Festivals avancierte. Ähnlich beliebt Javier Bardem, der als todgeweihter Vater im mexikanischen Biutiful verzweifelt nach einer Perspektive für seine Kinder sucht.
Teilen muss sich der Spanier die Palme mit dem Italiener Elio Germana. Auch er spielt in La Nostra Vita einen Vater, der vor verblüffend vergleichbaren Problemen steht, sie aber mit italienischer Lebensfreude weitaus leichter meistern kann. Last not least wurde der Koreaner Lee Chang-dong für sein Drehbuch von Poetry geehrt, die rührende Geschichte einer alten Dame, die lernen möchte, wie man Gedichte schreibt - das hätte wohl auch Joe gut gefallen.
car/ivb/news.de