Hautnah am Pfeifenmann
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Von news.de-Redakteur Oliver Roscher
Artikel vom 21.05.2010
Der Dokumentarfilm Referees at work zeigt die Schiris und ihre harte Arbeit während der Europameisterschaft 2008. Sogar Original-Headset-Aufnahmen sind dokumentiert. Das ist eindrucksvoll, manchmal lustig, aber auch bedrückend.
Der Einstieg von Referees at Work weckt Erinnerungen an den Sommermärchen-Film von Sönke Wortmann. Da entwickelt sich offensichtlich eine neue Sport-Dokumentarfilm-Sprache. Ästhetisch top, ist der Film mit einer Länge von 77 Minuten aber etwas zu lang geraten. So widmen sich gleich mehrere Passagen den Betrachtungen der Referee-Verwandschaft, wie sie ihre Liebsten bei der Schiedsrichter-Ausübung zuschauen. Das hätten sich die Macher Yves Hinant und Jean Libon auch sparen können. Obwohl wir dabei erfahren, dass in italienischen Heimen tatsächlich Pizza kredenzt wird und die Ehefrau von Top-Schiri Roberto Rosetti ein echter Hingucker ist.
Beschränkt sich der Film aber auf die unmittelbaren Ereignisse bei der Europameisterschaft 2008, hat er seine Stärken und ist mehr als interessant, er fesselt. Beispielsweise wenn der Zuschauer akustisch den Entscheidungen und Dialogen der Schiedsrichter lauschen darf. Besonders amüsant ist dabei die Beobachtung beim Unparteiischen Massimo Bussacca, wenn er den vierten Offiziellen über Kopfhörer anraunzt: «Ist nicht mein Problem, halt die Klappe», weil der ihm einen heranziehenden Sturm ankündigt.
Dramatisch geht es hingegen bei der Fehlentscheidung von Schiedsrichterassistent Mike Mullarkey im Spiel Polen gegen Österreich zu. Nach dem anerkannten Abseitstor der Polen konstatiert Mullarkey seinem Boss Howard Webb über Funk. «Ich bin mir nicht sicher, ob wir da richtig lagen.» Augenblicklich macht sich Unwohlsein breit und fortan leidet der Zuschauer mit dem Unglücksraben.
Der Film zeigt eindrucksvoll, in welch hartem Wettbewerb die Schiedsrichter-Teams untereinander stehen. Ein Fehler und die Chance auf weitere Turnier-Einsätze ist nahezu dahin. Spannend ist auch zu beobachten, was vor und nach einem Spiel in der Schiedsrichterkabine vor sich geht. Das gegenseitige Mutmachen, die Nervosität und Anspannung, all das ist greifbar.
Amüsante Realsatire
Echte Realsatire bieten die Schiedsrichter Mejuto González und Peter Fröjdfeldt. Beide entsprechen dem Klischee des gockelhaft auftretenden Schiedsrichtertypus. Ausladende Gesten und übertriebene Mimik kennzeichnen ihr Repertoire. Gonzalez ist übrigens jener Referee, der Jogi Löw und Österreichs Trainer Anton Hickersberger auf die Tribüne verbannte. Der Film zeigt die unmittelbaren Geschehnisse und Dialoge und auch die Kritik an Gonzalez' Entscheidung seitens der Schiedsrichterkommissare.
Am Ende wird es widersprüchlich und fragwürdig. Dann parliert ein englischer Funktionär über die philosophischen Gründe, keine technischen Hilfsmittel einzusetzen, «da ja auch die Spieler Fehler machen.» Fehlerhafte Schiedsrichter sollen also fehlerhafte Spieler bändigen, aha. Eigentlich ist dieser Film also ein Plädoyer für technische Hilfsmittel, damit der Schiedsrichter nicht permament als schwarzes Schaf tituliert wird, wie es Howard Webb wegen der Fehlentscheidung seines Assistenten ergangen ist.
Referees at work verdeutlicht zwei Dinge: Das Schiedsrichtersein ist eine eigene Sportart und, auch wenn sie es dem Fan anders vermitteln, Schiedsrichter machen Fehler und wissen es auch. Ein eindrucksvoller Film, der verdeutlicht wie schwer es die Unparteiischen haben, nicht nur gegenüber der Öffentlichkeit.
Im Wettbewerb der Schiesdrichter hat sich übrigens Roberto Rosetti durchgesetzt - der mit der attraktiven Ehefrau. Er leitete das Endspiel der Euro 2008, Deutschland gegen Spanien.
Schiri-Assistent Mike Mullarkey geht es auch wieder besser. Sein Fehler wurde ihm verziehen und so darf er an der Seitenlinie des Champions-League-Finals zwischen Bayern München und Inter Mailand stehen. Der Schiedrichter für diese Partie heißt nämlich Howard Webb.
Sendetermin: 7. Juni, 22 Uhr im Westdeutschen Rundfunk (WDR)
Titel: Referees at Work
Regie: Yves Hinant und Jean Libon
Sprache: Englisch, Untertitel Deutsch
FSK: Keine Beschränkung
Länge: ca. 78 Minuten
VÖ: 21. Mai 2010
Extras: Exklusive Interviews mit den Schiedsrichtern
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