«Zauberberg der DDR»
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Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Artikel vom 19.05.2010
Eine Klinik im Thüringen der 1980er Jahre ist Schauplatz des TV-Dramas Masserberg. Der Film ist ein Stück DDR-Geschichte, aber auch eine Liebesgeschichte mit exzellenter Besetzung. Vor allem die junge Anna Fischer sticht aus dem Ensemble heraus.
Die DDR Mitte der 1980er Jahre: Hoch oben auf dem Rennsteig liegt Masserberg, eine renommierte Augenklinik. Für viele Bürger des Arbeiter- und Bauernstaates ist sie die letzte Chance, nicht zu erblinden.
Auch Melanie (Anna Fischer), von allen nur Mel genannt, hofft dort auf Heilung von ihrer rätselhaften Augenkrankheit – und träumt von einem Leben in Freiheit. Die 19-Jährige, die mit schrillen Klamotten, viel Schminke und frechen Sprüchen dem trostlosen Klinikaufenthalt trotzt, ist eine Provokation für den Staatsapparat und deshalb verdächtig. Mel ist aber auch mitfühlend und fürsorglich den anderen Patienten gegenüber. Eine, die sich schon mal zu einer sterbenden alten Frau ins Bett legt, um ihr die letzten Stunden zu erleichtern.
Dann beginnt ein neuer Arzt seinen Dienst in Masserberg: Carlo Sanchez (Pasquale Aleardi) kommt aus Fidels Kuba, hat in der befreundeten DDR studiert und ist dort geblieben – aus Liebe zu seiner Frau Tinka (Maria Simon). Wie Mel ist er ein Paradiesvogel in Masserberg. Allerdings einer mit gestutzten Flügeln. Die Stasi hat ihn am Gängelband, zwingt ihn zum Verrat. Und dazu, ein Auge auf Mel zu werfen.
Das macht der smarte Doktor dann auch. Aber anders, als sich Stasi-Führungsoffizier Schmidt (Oliver Breite) das vorgestellt hat. Mel und Carlo verlieben sich, sie wird schwanger. Eine prekäre Situation, hat Carlo doch schon seine Ehefrau Tinka in frohe Erwartung versetzt. Die Stasi erhöht den Druck, die Gattin erleidet eine Fehlgeburt. Und Chefarzt Dr. Studer (Jürgen Heinrich) verweigert Mel einen wichtigen Test. Alles Zutaten für eine Katastrophe.
Masserberg heißt auch der Roman von Else Buschheuer. Die Schriftstellerin, Journalistin und TV-Moderatorin ist in der DDR aufgewachsen und verarbeitet in dem Buch ihre eigene Leidensgeschichte: Als junge Frau kämpfte sie in der Spezialklinik in Thüringen um ihr Augenlicht. Bavaria-Produzent Matthias Esche las den Roman, war von diesem «Zauberberg der DDR» spontan fasziniert und entschied, daraus einen Film zu machen.
Regisseur Martin Enlen konzentriert sich ganz auf die Perspektive der jungen Mel und betrachtet das Geschehen zeitweise sogar buchstäblich aus ihren angegriffenen Augen. Die verschwommenen Bilder der subjektiven Kamera verweisen dabei nicht nur auf die Augenkrankheit der jungen Frau, sondern im übertragenen Sinn auch auf ihre spezielle Art, die Dinge zu sehen – unscharf, aber auch flirrend, hell und fantasievoll.
Anne Fischer überzeugt als schrille, betörende und gleichzeitig zerbrechliche Teenagerin, die sich an ihren Arzt ran macht. Die 23-Jährige sagt laut Filmbegleitheft zu ihrer Rolle: «Mel versucht immer, alles irgendwie herauszukitzeln. Immer wieder zerbricht sie daran und weiß nicht, wie es weitergeht. Und trotzdem findet sie einen Weg.» Die 23-jährige Grimme-Preisträgerin (2009 für die Hauptrolle in Teufelsbraten), selig, mal nicht in einer Komödie eingesetzt zu werden, darf hier traurig sein und verzagt und dann wieder überschäumend, aufsässig, nie um einen schnoddrigen Spruch verlegen. Fast scheint es, als sei das Buch nur für Anna Fischer geschrieben und der Film nur für sie gemacht.
Pasquale Aleardi, der bereits als Dichterrebell Gastin Salvatore in der Dutschke-Verfilmung des ZDF glänzte, droht als junger Arzt am Kampf zwischen Liebe und System zu zerbrechen. Es ist eine Art «Gegen-den-Strich-Besetzung», denn der «schöne Mann» seiner bisherigen Filme spielt hier eine eher klägliche Rolle als Mann zwischen zwei Frauen, der es gern mit der einen wie der anderen treibt und sich doch nicht so recht entscheiden kann.
Mit Masserberg wolle die ARD «einen Ausschnitt aus dem alltäglichen Leben in den 80er Jahren» der DDR-Bürger zeigen, sagt MDR-Fernsehfilmchefin Jana Brandt. Die Geschichte wirkt jedoch überfrachtet: Zu eindimensional werden Emotionen transportiert, dramatische Liebesszenen und Akte, die von der Geschichte nicht getragen werden, reihen sich aneinander. Die Guten sind die sympathischen Liebenden, den Schlechten sieht man ihre Böswilligkeit an. Die Charaktere der Ost-Geschichte sind zu einfach geschnitzt. Zwischentöne und das Subtile finden sich kaum. Regisseur Martin Enlen setzt auf brachiale Stasi-Geschichte, die den Zuschauer immer irgendwie bewegt. Dies und die exzellente Besetzung machen den Film trotzdem sehenswert.
Masserberg, 19. Mai, 20.15 Uhr, Das Erste
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