Von Caroline Bock
Er lebt in seiner eigenen Welt: Der 17-jährige Autist Ben fühlt sich nur im virtuellen Raum eines Online-Rollenspiels stark. Doch wenn er den PC ausschaltet, beginnt der wahre Kampf: Seine Mitschüler mobben. Der WDR zeigt das Außenseiterdrama im TV.
Er muss sich vor den anderen im Klassenzimmer ausziehen und wird dabei auch noch mit dem Handy gefilmt. Ben ist anders als die anderen. Das reicht. Der autistische Junge wird von seinen Mitschülern so übel schikaniert, dass es beim Zuschauer Beklemmungen auslöst. Nur in der virtuellen Welt, im Online-Rollenspiel Archlord, kann sich der Teenager stark und als Held fühlen.
Der belgisch-niederländische Film Ben X von Nic Balthazar ist der Beweis, dass man von Mobbing, Handyfilmen, Internet, getrennten Eltern und dem Leidensdruck von Jugendlichen erzählen kann, ohne dass es anbiedernd wirkt. Ein perfekter Schulfilm, der aber auch für Erwachsene interessant ist. Im Mai 2008 kam das Jugend-Drama mit dem 26-jährigen Greg Timmermans in der Hauptrolle in Deutschland in die Kinos. Am 20. Mai zeigt der WDR den Film zu später Stunde (23.15 Uhr).
Für Buchautor Balthazar war es sein Regiedebüt. Dabei ging er neue Wege und ließ Computerkenner Szenen aus Archlord spielen, so dass der Film die wirkliche mit der virtuellen Welt mischt. Ob Bens Gefährtin Scarlite (Laura Verlinden) nicht nur im Cyberspace, sondern auch in echt existiert, stellt sich erst ganz am Schluss heraus.
Auf die Idee kam Balthazar, als er von einem belgischen Jungen hörte, der sich mit 17 Jahren in den Tod stürzte; er hatte eine leichte Form von Autismus und wurde tyrannisiert. Daraus wurde das Buch Nichts war alles, was er sagte, ein Theaterstück und schließlich der Film. Hauptdarsteller Timmermans sieht zu alt aus für einen Schüler, das ist ein Wermutstropfen. Seine darstellerische Leistung ist ansonsten überzeugend.
Im Kinofilm Rain Man und in Büchern wie Supergute Tage oder Die Sonderbare Welt des Christopher Boone ist der Autismus der Hauptfigur ein wichtiges Thema. Hier ist er eher ein Beispiel für das «Anderssein». Ben hat das Asperger-Syndrom, eine leichte Form der Krankheit, die es ihm unmöglich macht, Gefühle zu verstehen und zu zeigen. Bens Mutter (Marijke Pinoy) umarmt ihn trotzdem jeden Morgen vor der Schule. Sie hört allein daran, wie ihr Sohn die Türe zuzieht, wie es ihm geht.
Die Ehe von Bens Eltern ist an der Persönlichkeitsstörung des Sohnes zerbrochen. Auch hier ist der Film dicht an der Wirklichkeit, in der viele Kinder in Patchworkfamilien leben. Bens Zimmer ist sein Fluchtort, der Schreibtisch wie ein Altar für sein kämpferisches Alter Ego im Internet. Diesen Altar zerstört Ben, als er von seinen Mitschülern immer schlimmer drangsaliert wird und schließlich so verzweifelt ist, dass er keinen Ausweg mehr sieht.
Erzählt wird der Film in zwei Strängen, einen davon bilden Rückblenden aus der Sicht von Schülern, Lehrern und Eltern, der andere schildert Bens Leidensgeschichte. Das Ende ist überraschend wie tröstlich - und spielt auf einer Wiese, nicht im Cyberspace.
Ben X, 20. Mai, 23.15 Uhr, WDR
car/news.de/dpa