Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Wenn in Großraming Leben gerettet und Herzen gekittet werden müssen, dann ist sie nicht weit, Die Landärztin. Zum vierten Mal darf Christine Neubauer nun schon die ganz großen Gefühle mit einer ordentlichen Portion Drama und Idyll mischen. Und am Ende? Ach, lesen sie selbst.
Irgendwann in den 1970er Jahren entdeckten deutsche Filmemacher plötzlich die Heimat wieder für sich. Da gab es wieder wackere Stallburschen und dirndlberockte Madeln, grandiose Berggipfel und eingeschworene Dorfgemeinschaften. Nur die Idylle, die war futsch. Der «Neue Heimatfilm», er zeigte, wie es wirklich zuging zwischen Heuschober und Kirchgang.
Irgendwann Anfang des neuen Jahrtausends jedoch kehrte die Idylle zurück in die Berge. Zwar gab es auch da noch Knatsch und Tratsch und Tragik, eingepackt wurden Filmreihen wie Die Landärztin jedoch in kitschige Bilder und seichte Dudelmusik, und am Ende, da wurde immer alles gut. In drei Folgen immerhin durfte Christine Neubauer schon Menschenleben retten und Herzen kitten – vor allem natürlich ihr eigenes. Nun kehrt sie zurück auf die Mattscheibe.
Dieses Mal aber geht es wirklich Um Leben und Tod, und der Tod, der kommt schneller nach Großraming, als man denkt. Wenn vor dem Gemeindeamt die schwarze Flagge gehisst wird, geht die Trauer um in diesem sonst so fröhlichen Ort, denn Grete Bergmeier (Saskia Vester), die Hausdame des Bergmeier-Hofes, ist vom Heuboden gefallen und hat dieses Unglück nicht überlebt. Und wer ist Schuld? Schwiegersohn Gerhard (Gregor Bloéb), wollte der doch die Leiter zum Heuboden schon seit langem repariert haben. Nun sorgt seine Fahrlässigkeit für das endgültige Zerwürfnis mit Leo Bergmeier (August Schmölzer), der in ihm ohnehin nur einen nichtsnutzigen Versager gesehen hatte. Und Gerhard, der nimmt Reißaus.
Erst streiten, dann knutschen
Da steht seine Frau Verena (Judith Richter) nun und weiß nicht, wohin mit sich und der kleiner Tochter. «Ich reiß jetzt nicht die Lena aus dem Schlaf», ruft sie noch, um dem Gatten wenige Augenblicke später mit eben dieser Lena auf dem Arm entsetzt und traurig vom Fenster aus hinterherzuschauen.
Und Johanna Lohmann (Christine Neubauer), die Landärztin? Die hat nicht nur Schuldgefühle, weil sie der Grete nicht mehr hat helfen können, sie hat auch noch selbst Probleme genug. Zum Beispiel mit dem Gestütsbesitzer Daniel Winterberg (Sven Martinek), zu dem sie sich zwar hingezogen fühlt, der aber gerade Besuch von seiner ehemaligen und auch noch hübschen Kollegin Ines Meissner (Tina Bordihn) hat. Und mit seinem Sohn, für den er viel zu wenig Zeit hat, ist auch nicht alles in Butter derzeit. Und schließlich muss Johanna sich auch noch als Privatdetektiv betätigen, sind Daniel und sie doch beinahe das Opfer einer Gerölllawine geworden, von der die Ärtzin sicher ist, dass sie durch eine Sprengung ausgelöst wurde. Doch wer sollte in den Bergen mit Dynamit hantieren?
Vielleicht ja Ines Meissner, die auffällig viele Fossilien aus den Bergen ins Tal schleppt. Ist sie diejenige, die die wertvollen Fundstücke im Internet versteigert? Bei Daniel und Johanna jedenfalls sorgt die moderne Blondine für reichlich Handfestes, inklusive «Erst streiten, dann knutschen»-Szene. Irgendwer ist halt immer verzweifelt in Großraming. Langeweile droht so zumindest keine. Normaler Alltag? Fehlanzeige. Ständig geht es ums Ganze, um die Existenz, die große Liebe oder das Heil der Familie.
«Wenn ich nicht drank denk, dann ist es nicht passiert»
Und wenn dann noch der Wind auffrischt und Wolken aufziehen, dann weiß man, das Unheil droht in den Bergen, da, wo sie noch so herrlich «Bappa» sagen, statt «Papa», wo die Kerle noch echte Kerle sein dürfen und die Touristen depperte Nervensägen, und wo es schlussendlich immer um das Wahre und Gute im Menschen geht, um Moral und Anstand. Dass da irgendwo zwei sture Bauern aufeinandertreffen, ist ebenso sicher, wie dass die dämliche Städterin in den Bergen irgendwo runterfällt. Aber immerhin: Schön drapiert haben sie die tollpatschige Blondine, zwischen Felswand und tiefem Tal. Und verdient hat sie es ja irgendwie auch noch. Oder hat sie am Ende gar keinen Dreck am Stecken?
Es sind die Darsteller, die die etwas fade Geschichte um Liebe und Trauer und Rechtschaffenheit retten. August Schmölzer etwa, der den Witwer und Familienvater mit ungebremster Leidenschaft spielt, oder Judith Richter, der man die Zerrissenheit zwischen ihrer Liebe zum Ehemann und der Liebe zu Hof und Familie gerne abnimmt. Zum Showdown jedoch bekommt dieser bis dahin zumindest ordentliche Heimatfilm dann doch noch eine Wendung ins Lächerliche. Da mischt sich altbackene Indianer-Jones-Ästhetik in diese Alpenlandschaft, da schießen Christine Neubauer und ihre Kollegen doch das ein oder andere Mal über's Ziel hinaus. Doch sei's drum. Denn am Ende wird schließlich alles gut. Und mehr erwartet man ja auch gar nicht von diesen 90 Minuten.
«Wenn ich nicht drank denk, dann ist es nicht passiert», sagt Johanna Lohmann einmal, während im Hintergrund die steyrischen Berge glühen. «Wenn ich wieder aufwach, dann ist alles wie vorher.» Doch «es ist nie wieder wie vorher», das weiß die Landärztin. Außer für den Zuschauer. Wenn er denn vergessen kann – bis zum nächsten Mal.
Die Landärztin – Auf Leben und Tod, Freitag, 21. Mai, 20.15 Uhr im Ersten
voc/reu/news.de